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Der Hype hatte mich schon vor dem Release in Deutschland gepackt: Ich wollte wieder Pokémon sammeln und gegen andere Trainer kämpfen. Ich erinnerte mich an die Tage in meiner Kindheit, in denen ich stundenlang versucht hatte, endlich gegen die Top Vier anzutreten.

Deswegen erstellte ich mir noch vor dem offiziellen Start in Deutschland eine australische Apple-ID und fing an, Pokémon Go auf meinem Smartphone zu spielen.

Doch schnell stellte ich fest: Dieses Spiel verdient den Hype nicht.

Die Pokémon-Spiele, die ich früher auf dem Gameboy gespielt habe, gingen so: Der Spieler erkundet eine Region, fängt Pokémon, trainiert sie und vervollständigt den Pokédex. Um der beste Trainer zu werden, muss der Spieler alle acht Arenaleiter besiegen. Nur wenn er das schafft, darf er gegen die Top Vier der Pokémon-Liga antreten.

Meine Schwester und ich liebten Pokémon, manchmal spielten wir stundenlang, oft auch zusammen mit den Nachbarskindern. Wenn eine von uns in einer Arena kämpfte, halfen wir uns gegenseitig und versuchten, den Arenaleiter zu besiegen. Unseren Rivalen benannten wir immer nach unserem älteren Bruder.

Würde Pokémon Go dieses Gefühl aus Kindheitstagen noch mal in mir wecken? Ich hoffte es.

Leider gab es in den ersten Tagen ständig Serverprobleme, und die App ließ sich nicht öffnen. Trotzdem versuchte ich, weiter zu spielen, vielleicht würde es ja besser werden. Noch am ersten Tag ging ich spazieren, um wilde Pokémon zu fangen. Am Ende hatte ich nur noch zwei Prozent Akku, ein Rattfratz und eine nasse Jacke.

Einige Wochen gab ich dem Spiel noch, dann löschte ich die App.

In den Spielen der Hauptreihe muss der Spieler ein klares Ziel verfolgen, in Pokémon Go habe ich vergeblich nach dieser Mission gesucht. Zwar wählt der Spieler auch in Pokémon Go einen Namen und erhält einen Pokédex. Aber er bekommt keine konkrete Anweisung durch einen Professor, keine bestimmte Route, die er gehen soll und keinen Rivalen, dem er einen Namen geben kann.

Immerhin: Auch Jahre später treffen sich Pokémon-Begeisterte zum gemeinsamen Spielen. In den ersten Pokémon Go-Tagen verabredeten sich über Facebook deutschlandweit Tausende, um gemeinsam auf Jagd zu gehen.

Klingt cool, ist es aber nicht. Denn wenn wir ehrlich sind, sieht die Realität so aus: Die Leute setzen sich auf den Boden und starren auf ihr Smartphone. Vielleicht kommt ja doch ein Pikachu vorbei.

Im Video: Wir haben auch an einer Nachtwanderung teilgenommen

Vor einigen Tagen ging ich mit meinen Freunden zum Phönix-See in Dortmund, auch ein beliebter Hotspot für Poké-Trainer. Während meine Freunde – die übrigens in ihrer Kindheit meist kein Pokémon gespielt haben – auf der Bank saßen und auf Pokémon warteten, spazierte ich am See entlang.

Meine Schwester hat sich die App nicht einmal heruntergeladen. Sie sagt, dass sie Pokémon nicht mit einer Wischbewegung fangen will, ohne gegen sie antreten zu müssen. Sie spielt wieder auf dem GameBoy die Pokémon Kristall Edition.

Natürlich gönne ich jedem den Spaß am Spiel. Die App schafft es, wilde Kreaturen in unsere gewohnte Umgebung zu zaubern. Spieler entdecken längst bekannte Straßen völlig neu, kämpfen gegen echte Gegner. Das kann sicherlich Spaß machen – wenn man nicht die alten Spiele so sehr geliebt hat wie ich.

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Noch ein Pokémon-Video: Expectations vs. Reality

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