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Als das Hören noch unschuldig war.

Ein fester Druck, Stille, kurz Leerlauf. Eine Atempause, gleichzeitig voller Spannung und Entspannung. So begann meine erste Begegnung mit dem Walkman. Erst dann, nach ein oder zwei Sekunden, begann die Musik. Es wurde ein gemütliches Ritual, das ich erst später so richtig zu schätzen lernte, nachdem CDs und MP3-Player den Walkman schon längst vom Nachttisch geschubst hatten. Sie boten endlose neue Möglichkeiten – aber keinen Leerlauf mehr. 

Jetzt feiert der Walkman, das berühmteste Kassettenabspielgerät der Welt, seinen 40. Geburtstag. Und ich merke: Ich vermisse ihn.

40 Jahre ist heute ein fast biblisches Alter für ein technisches Gerät. Wohl kein Mensch dürfte in drei Jahrzehnten sein erstes Smartphone oder einen Thermomix aus dem Schrank holen. Doch der Walkman von Sony, der erste erfolgreiche mobile Musikplayer der Welt, wird noch heute geliebt. Seit Jahren verkünden Musikmagazine, dass er bald wieder zurückkommt. In "Guardians of the Galaxy" tauchte er 2014 schon wieder auf, die Modekette "Urban Outfitters" verkauft inzwischen Tapes von Kanye West und Taylor Swift.

Höchstens Vinyl-Schallplatten haben in den vergangenen Jahren eine ähnlich zeitlose Beliebtheit erreicht. Auch sie knistern und wirken altmodisch, empfindsam und auf eine minimalistische Art schön. Doch kein Mensch würde seine Vinylplatte in die U-Bahn oder am Mittelmeer-Strand abspielen. Mit einer Kassette im Walkman war das kein Problem. Für das Phänomen gab es in den Achtzigern sogar einen neuen Namen: den Walkman-Effekt. Der Walkman war ein entschleunigtes Medium, seine pragmatische Gemütlichkeit steckte schon im Namen. 

Der Walkman war ein Gerät für Schlenderer und Träumer.

Eines, das man auch Kindern gut in die Hand drücken oder zum Geburtstag schenken konnte. Allein Sony verkaufte unter dem Originalnamen mehr als 300 Millionen Kassettenrekorder für unterwegs (WDR). Damals war das ein Wunder. Heute verkauft Samsung ähnlich viele Smartphones in einem einzigen Jahr (Tagesspiegel).

Viele Eltern wären vermutlich glücklich, könnten sie noch heute ihren Nachwuchs mit einem Walkman begeistern. Auch ich bekam meinen ersten und einzigen von meinen Eltern. Ob ich neun, elf oder 13 Jahre alt war, weiß ich nicht mehr.

Ich erinnere mich nur noch daran, wie er aussah: anthrazitgrau, abgerundet an den Ecken, in der Mitte ein ovales Sichtfenster. Der Aufdruck "MEGA BASS" leuchtete gelb. Der Walkman verkörpert für mich auch die absolute kindliche Verantwortungslosigkeit. So robust eingepackt und gelassen er daherkam, so fühlte ich mich mit ihm auch bei meinen Eltern auf der Rückbank des Autos – das vielleicht schönste Gefühl meiner Kindheit. 

Die schönsten Walkman-Momente verbrachte ich igendwo auf Korsika. In einem Zelt liegend, verträumt den "Drei Fragezeichen" zuhörend, die Füße im warmen Sand. 

Einfach nur Hören, ohne etwas shuffeln zu können oder von WhatsApp und Instagram abgelenkt zu werden. Vier Kassetten für einen ganzen Urlaub. 

Heute habe ich mit meinem Spotify-Konto Zugriff auf 35 Millionen Titel. Doch wenn ich einmal nicht aufpasse, läuft am Ende "Modus Mio" – eine seelenlose Auswahl von Rapmusik, zusammengestellt nur aufgrund ihres Erfolgs. Ein Klangteppich, der betäubt anstatt zum Träumen einzuladen. Die Gegenthese zum bewussten Erleben der Walkman-Kassette. 

Es gibt in der Gegenwart wohl keinen Podcast, kein Hörspiel, das ich auf dem Handy angehört habe, ohne gleichzeitig Benachrichtigungen zu bekommen oder Nachrichten zu schreiben. Im Urlaub muss ich jeden Abend nach Steckdosen suchen. Das Hören ist nicht mehr so unschuldig, wie es damals war. 

Den Walkman zu bedienen, war buchstäblich kinderleicht: vier Knöpfe, ein Lautstärke-Rädchen. Das Schlimmste, was passieren konnte, war Bandsalat. Doch dafür gab es den Bleistift-Trick.

(Bild: Unsplash)

Ein Gerät, das mit Airpods und “Siri” nicht zu erreichen ist und auch keine Anrufe entgegennehmen kann. Gäbe es den Walkman nicht schon seit 40 Jahren, würde man ihn wohl als Digital-Detox-Device mit kapitalismuskritischen Verweigerungstendenzen neu erfinden.

Möglicherweise waren Kassetten das letzte Medium, das jeder normale Mensch verstehen konnte. 

Zwei Spulen in einem Plastikgehäuse, zwischen denen ein Band hing, das von der einen Seite auf die andere gebracht wurde und unterwegs Töne abgab. Irgendwie mit Magneten – mehr musste man nicht wissen. Der Kopierschutz bestand aus einer Lücke, die man mit Tesafilm überkleben konnte.

Ein DIY-Medium, mit dem jeder seine eigene Radiosendung aufnehmen und anschließend mit in den Urlaub nehmen konnte. So entstanden Collagen aus rauschender, geklauter Musik der SWR3-Hörercharts ("Die da, die da oder die da?") und meinem zielloses Geplapper im Kinderzimmer. Die nie im Netz veröffentlicht wurden, nie Hasskommentare kassierten. 

Einfach eine einzelne Kassette, die niemand kannte – die für mich und meinen Walkman aber alles war.


Art

Wenn Menschen aus klassischen Gemälden auf Festivals gehen würden
Ein ungarischer Fotograf bastelt die witzigen Fotomontagen.

Suff, Schlamm und wenig Schlaf: Auf Festivals herrscht oft für drei, vier Tage Ausnahmezustand. Dabei werden die Besucherinnen und Besucher auf angenehme Weise alle gleich. Sie schwitzen zusammen, singen zusammen und stehen zusammen vor den Klohäuschen an. Und spätestens nach dem zweiten Tag ohne Dusche kann man von außen nicht mehr richtig sehen, wer wo herkommt.