Sie waren Teil einer Jugendbewegung. Feierten, diskutierten, tanzten. 

Doch irgendwann stiegen sie aus, legten die Kleider und Ansichten von damals ab. Den meisten von ihnen sieht man heute nicht mehr an, wie sie früher einmal unterwegs waren. Aber es gibt Beweisfotos.

Hier erzählen fünf Menschen von ihrer Cybergoth-, Punk-, Reggae-, Sprayer- oder Emo-Zeit. Wie sind sie in die jeweilige Szene hineingekommen? Was haben sie erlebt? Warum sind sie ausgestiegen? Und was ist ihnen aus der Zeit geblieben? 

Christine, 30, war mal Cybergoth

Wischen, um Christines Verwandlung zu sehen.

1/12

Mit 19 ging ich als Au-Pair nach Amerika und war dort zum ersten Mal auf einer Cybergoth-Party. Ich fand es toll. Als ich zurück nach Deutschland kam, wollte ich hier unbedingt auch so rumlaufen.

Cybergoths stehen der Grufti-Szene nahe, ziehen sich aber viel farbenfroher an. Das passte zu mir: Ich war schon immer ein glücklicher Mensch und wollte meine Freude nach außen tragen. 

Meine Freunde und ich bastelten stundenlang an unseren Haarteilen, filzten Wolle und bogen Drähte, um sie uns wie Perücken auf den Kopf zu stecken. Im einzigen Rockclub in unserem Dorf trugen wir Lack, Leder und Latex. Die anderen aus der Szene nannten uns Glühwürmchen, weil wir so geleuchtet haben.

Ich war schon immer ein glücklicher Mensch
Christine

Meine Mutter dachte, das Ganze sei nur eine Phase. Irgendwann hat sie aber akzeptiert, dass ich einfach ein bisschen verrückt bin. Doch natürlich haben das in dem kleinen Dorf nicht alle so locker gesehen. Ich wurde ständig angegafft, habe mir viele Sprüche anhören müssen, mich manchmal sogar bedroht gefühlt. 

Genau das hat mich stark gemacht: Ich lernte, mich zu verteidigen. Eines Nachts, als ich allein nach Hause lief, wurde mir einmal "Freak" hinterhergeschrien. Da war ich froh, dass ich meine Schuhe mit den 20-Zentimeter-Absätzen anhatte, mit denen ich notfalls hätte zutreten können. 

Es hat mich stark gemacht
Christine

Inzwischen lebe ich in Berlin und habe meinen Stil zu verändert: Ich fand es anstrengend, immer das ganze Outfit anzuziehen und auf den Absätzen herumzulaufen oder sogar zu tanzen. Ich habe angefangen, mich eher in der Fetisch-Szene zu bewegen. Heute ziehe ich immer noch gern Latex und Lack an, bin aber auf anderen Partys unterwegs als früher. 

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Lass uns Freunde werden!

Kristof, 28, war mal Punk

1/12

"Hey, ich such' einen Schlafplatz in Berlin." Das hatte irgendein Punker auf der Webseite meiner Lieblings-Punkrock-Band ZSK gepostet. Ich war damals 16, es waren gerade Ferien und mir war langweilig. Ich hatte bis dahin nur wenig mit Punks zu tun, war aber neugierig auf die Szene.

Es reizte mich, dass sich Punks niemandem unterordnen – weder einem Chef, noch einem Lehrer. Also schrieb ich: "Klar, komm her." Ein paar Tage später stand Ole vor unserer Haustür. 

Meine Mutter, bei der ich damals wohnte, war überhaupt nicht begeistert, dass ich einfach jemanden zu uns eingeladen hatte. Nicht, weil er zur Punk-Szene gehörte, sie hatte früher selbst viel mit der Szene zu tun. Sondern weil es ein Unbekannter war, den ich da anschleppte. Aber Ole war schon auf dem Weg zu uns und sie fand es falsch, ihm abzusagen. 

Ein paar Tage später stand Ole vor unserer Haustür
Kristof

Ole nahm mich mit zu den Szene-Treffs. Wir tranken in den dreckigsten Kneipen, kickerten, gingen auf Demos, schnitten uns gegenseitig Iros und färbten uns die Haare. Wenn wir unser Taschengeld ausgegeben hatten, gingen wir schnorren.  Wir wollten uns von Leuten abgrenzen, denen Geld und Hierarchien wichtig waren. 

Das führte aber ständig zu der Frage: "Was ist überhaupt Punk?"

Wenn man nur ein bisschen angepasst war, wurde man von den anderen angepöbelt. Das hat mich zunehmend genervt. Und noch etwas fand ich schwierig: Ich hatte eine Freundin, die ebenfalls zu der Szene gehörte – und nach unserer Trennung haben wir weiter gemeinsam abgehangen. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich das nicht mehr kann. 

Ich hatte viele Schulfreunde aus der Metal-Szene und fing an, mit ihnen Zeit zu verbringen. Mit 20 habe ich zwar noch Punkrock gehört, mich aber nicht mehr so gekleidet. Heute würde ich mich keiner Szene mehr zuschreiben. 

Die Zeit als Punk hat mich aber verändert: Ich habe mir angewöhnt, Dinge kritisch zu hinterfragen. Ich kann für mich und für andere kämpfen. Neulich zum Beispiel war ich nicht mehr nur Teil einer Demo, sondern habe sie selbst organisiert. Ich studiere Psychologie und engagiere mich in der Fachschaft. Hier will ich mich für bessere Ausbildungsbedingungen von Psychotherapeuten einsetzen. 

Patrizia, 23, war mal Emo

1/12

Ich bin früher auf eine evangelische Gesamtschule gegangen – und war dort eine Einzelgängerin. Morgens beteten wir und es wurde eine Andacht gehalten. Fast alle Mädchen trugen Röcke. Ich fühlte mich einsam, weil ich nicht so war wie die anderen. Dann sah ich Bilder von Emos im Internet und wollte mich auch so stylen. Sich stark mit Kajal zu schminken war anders, war fremd. Genau das reizte mich. Mit zwölf Jahren begann meine Emo-Zeit.

Fremdes reizte mich
Patrizia

Ich wechselte auf eine andere Schule, trug Vans und Kleidung mit Karo-Mustern, aber mixte diese auch mit Kleidern im japanischen Anime-Style. Ich fand im "EmoVZ" Gleichgesinnte und Freunde. Nach außen hin galt die Szene als emotional schwach. Mitschüler nannten uns spöttisch "Emotionale Mobbing Opfer". Sie dachten, dass wir uns den ganzen Tag ritzen würden. 

Die meisten Emos taten das aber nicht, bei mir war das auch nie ein Thema. Für mich bedeutete die Szene vor allem eins: Zusammenhalt. Ich telefonierte häufig mit den anderen Emos oder wir schrieben uns im Internet. 

Für mich bedeutete die Szene vor allem eins: Zusammenhalt
Patrizia

Mit 13 wollte ich unbedingt zu einem Emo-Treffen fahren – aber meine Eltern erlaubten mir das nicht. Sie waren sehr gegen mein Emo-Dasein, versteckten sogar die CDs, die ich mir von meinem Taschengeld gekauft hatte. Ich war natürlich sauer, beschloss aber: Okay, dann kaufe ich halt weiter CDs bis ihr es mir erlaubt.

Es ist vor allem diese Einstellung, die mich stark gemacht hat. Noch heute spüre ich: Ich stehe zu dem, was ich bin und lasse mich nicht von meinem Weg abbringen. Mit 16 ging sich meine Emo-Zeit zu Ende. Ich fing eine Ausbildung zur Steuerfachangestellten an und musste mich schon allein deshalb seriöser kleiden. Aber die Szene löste sich ohnehin auf: Immer weniger Freunde zogen sich wie Emos an. Wir sind da einfach rausgewachsen. 

Stefano, 29, war mal in der Reggae-Szene

1/12

Ich war 16, als ich anfing, mich für Reggae zu interessieren. Das lag vor allem an Marco, einem Freund von mir. Um ehrlich zu sein: Er hätte auch in jeder anderen Szene sein können – ich wäre ihm gefolgt. Denn Marco war einfach entspannt. Er hörte coole Musik und nahm mich zu den Reggae-Konzerten mit. 

Ich mochte vor allem die Nähe zu den Leuten dort. Alle haben sich mit "Hey Bro" begrüßt und umarmt, selbst wenn man sich gar nicht kannte. 

Dann hatte ich meine erste Freundin außerhalb der Szene. Ich kannte sie noch von der Schule. Ihre Eltern waren Zahnärzte. Ich kam mir komisch vor mit meinen Dreadlocks, den bunten Wollpullis und Hosen, die irgendwo tief unten auf meinen Hüften hingen. Auch wenn sie nie sagten, dass sie das stören würde, fühlte ich mich unwohl. Und die Hosen waren auch echt ungemütlich, ich konnte nie rennen, ohne dass mein Hintern raushing. 

Ihre Eltern waren Zahnärzte. Ich kam mir komisch vor mit meinen Dreadlocks
Stefano

Mit der Zeit änderte ich meinen Klamotten-Stil, zog Hosen an, in denen ich mich wohler fühlte. Das lag nicht an meiner Freundin – wir trennten uns schließlich aus völlig anderen Gründen – sondern daran, dass ich einfach keine Lust mehr darauf hatte. Mit Marco und den anderen Reggae-Leuten bin ich aber weiterhin befreundet. Sie sind wie Geschwister für mich. 

Sandra, 27, war mal Sprayerin

1/12

Ich fing mit 20 an, mich für Politik zu interessieren. Darauf kam ich nicht durch die Schule – sondern durch Graffiti.

In die Szene kam ich durch die Freunde meiner Zwillingsschwester. Sie rappten, sprayten und nahmen mich mit zu ihren Spots. Es dauerte nicht lange, da zeichnete ich meine eigenen Skizzen, sprayte selbst und half bei Graffiti-Wettbewerben aus. Allerdings war ich relativ gemäßigt, sprayte zum Beispiel nur auf legalen Flächen.

Ich fing mit 20 an, mich für Politik zu interessieren
Sandra

Die anderen erzählten mir von ihren Nacht-Aktionen – wie sie vor der Polizei weglaufen mussten, weil sie eine Wand bemalt hatten. Sie waren wahnsinnig loyal zueinander, das faszinierte mich. 

Ich tauchte mehr in die Szene ein, achtete plötzlich auf die Street-Art um mich herum und informierte mich im Internet über die einzelnen Künstler. Vor allem Sprayer wie Banksy inspirierten mich: Er malte einen vermummten Menschen, der einen Blumenstrauß, an Stelle eine Bombe wirft. Mich brachte das dazu, genauer zu überlegen, warum Menschen Krieg führen oder ihre Umwelt zerstören. Und ich fragte mich, was ich dagegen tun kann. 

Der Weg führte mich durch mein Interesse für Biologie zu meinem jetzigen Studium: Geoökologie. So kann ich etwa bei der Renaturierung abgenutzter Flächen helfen. Orte, an denen früher zum Beispiel Bergbau stattfand, sollen wieder bepflanzt werden. Ich möchte dafür sorgen, dass sich die Umwelt von der Zerstörung erholt. 

Fühlst du dich alt? Dann kannst du direkt mit diesem Quiz weitermachen:


Art

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