MTV war einmal™ das televisuelle Äquivalent zur heimlich bei den Nacktfotos aufgeschlagenen "Bravo", die man vor seinen Eltern versteckte. MTV war der Sender, der nachmittags lief, wenn eins mal wieder Sport schwänzte.

Für alle, die bereits im glorreichen Zeitalter des Pay-TV aufwachsen durften, mag folgender Beitrag nichts weiter als irrelevante Fernseh-Historie sein. Für mich und meine in den frühen 2000ern schlecht gekleideten Schulfreunde war der Kanal nicht nur Ausbruch aus der suburbanen Langeweile österreichischer Vororte, sondern ein popkulturelles Fenster nach Amerika.

Damals besonders beliebt: "MTV Next", die Mutter aller Datingshows. Wer das Format heute hervorkramt, wird nicht nur über Baggy-Pants und Igelfrisuren lachen, sondern auch über das von Tinder übernommene und ins Digitale übersetzte "Next"-Prinzip stolpern. Es tut mir leid, euch enttäuschen zu müssen, aber Oberflächlichkeit wurde nicht erst 2012 erfunden. Deine Tante nach ihrer ehrlichen Meinung zu deinem Äußeren zu fragen, reicht also nicht. "Next" und das dahinter liegende Prinzip ist so alt, dass es nicht einmal qualitativ angemessene Screenshots für diesen Beitrag gibt.

Das Konzept funktioniert wie folgt: In jeder Sendung hat man als sportlich aktives Wesen Anfang zwanzig fünf Blind Dates, die der Reihe nach aus einem schwarzen Van stolpern. Sobald du keine Lust mehr auf, sagen wir mal, Justins Mutterkomplex oder Kristinas Capoeira Künste hast, rufst du: "Next!" Das kann nach zwei Sekunden oder fünfzig Minuten passieren. Falls es besser läuft als gedacht, besteht die Chance auf ein zweites Date. Es sei denn, dein Objekt der Begierde steht auf Bargeld.

"Genextet" wurde der Mensch im Jahr 2005 noch in Real Life und auch sonst schmeckte Zurückweisung nicht nach Zucker, früher, bevor das Internet Einzug in unser aller Gefühlsleben nahm. Abgesehen von den grandiosen Outfits hier ein paar Beispiele dafür, wie sich die Praxis der (digitalen) Partnersuche seit "Next" verändert hat und warum der Tinder-Swipe alles andere als neu ist:
Das Gepose
"Next": 2005—2008

Du gibst drei deiner besten physischen und / oder psychischen Attribute vor einer Kamera zum Besten.

Tinder: est. 2012
Du erwähnst neben intellektuell gehaltvollen Zitaten von Camus deine Körpergröße und erwartest für diese Form von Transparenz eine angemessene Würdigung.

Das Warten
"Next": 2005—2008

Du sitzt mit vier anderen potentiellen Lebensabschnittspartnern in einem Van und wartest sehnsüchtig auf deren Scheitern.

Tinder: est. 2012
Du sitzt zu Hause auf dem Sofa und wartest auf die erste unaufdringliche Nachricht.

Die Erwartungen
(Bild: tumblr.com / vitelisha )
"Next": 2005—2008

Du hast hohe Erwartungen.

Tinder: est. 2012
Du hast hohe, von gefühlsduseligen Nachrichten geschwängerte Erwartungen.

Der erste Eindruck
"Next": 2005—2008

Du hast keine Ahnung, wie die andere Person aussieht.

Tinder: est. 2012
Du hast ein wenig Angst, wie die andere Person in "Real Life" aussieht.

Die Aktivität

"Next": 2005—2008
Du darfst im besten Fall gemeinsam auf einem Flohmarkt trödeln und im schlimmsten Fall einen Geburtsvorgang nachstellen.

Tinder: est. 2012
Du darfst im besten Fall gemeinsam auf einem Flohmarkt trödeln und im schlimmsten Fall einen ganzes Bier lang Interesse an Mechatronik vorgaukeln.

Die schonungslose Ehrlichkeit

"Next": 2005—2008
Wenn dein Gegenüber denkt, dass du keinen Geschmack hast, wirst du es in 0,2380 Sekunden wissen. Next!

Tinder: est. 2012
Wenn dein Gegenüber denkt, dass du (doch) keinen Geschmack hast, wirst du es spätestens nach der nicht beantworteten, aber wohl gelesenen Nachricht erfahren. #seenzoned

Die Abfuhr
(Bild: Flickr.com / abnehmen / (cc by-sa) )

"Next": 2005—2008
Wenn du gefallen hast und trotzdem kein weiteres Treffen möchtest, hast du danach wenigstens ein paar Münzen in der Tasche.

Tinder: est. 2012
Wenn du gefallen hast und trotzdem kein weiteres Treffen möchtest, hast du den Salat.

Fazit

Was Tinder gemacht hat, ist im Prinzip nichts weiter, als den Moment der ersten Begegnung auf das Smartphone auszulagern. So kommt es im besten Fall gar nicht erst zu Reaktionen wie im folgenden Video:


Menschen sind oberflächlich, so is dating.


Für noch mehr Oberflächlichkeit haben wir ein Tinder für Tinder gebaut: