Bild: Liam Daly / CC BY ND

Am 22. Juli 1999 ging der Instant-Messaging-Dienst MSN von Microsoft online - knapp ein Jahr, nachdem ICQ zum ersten Mal sein quietschendes "Ah Auh“ von sich gegeben hatte. Zwei Chatprogramme eroberten unsere Jugendzimmer, den Schulhof und veränderten die Gesprächskultur. Für immer.

Hands up, wer seine ICQ-Nummer auch noch zehn Jahre später auswendig weiß. 

Der technisch bestens ausgerüstete Mensch von heute nutzt natürlich längst WhatsApp, Facebook Messenger oder Snapchat. ICQ spielt in unserem Alltag keine Rolle mehr, obwohl das Programm theoretisch noch verwendet werden könnte. Weil die Features von damals unsere Kommunikation nachhaltig geprägt haben, ist es an der Zeit für etwas Internet-Nostalgia.

ICQ und MSN waren DIE Flirt-Werkzeuge.

Es gab nur eine Frage, die bei der Verabschiedung zählte: "Wann bist du später online?“ - was so viel hieß wie: "Der steht auf dich!“ Der erste Internetzugang wurde natürlich nicht nur dafür genutzt, um bei Hausaufgaben zu cheaten oder sich mit Freunden zu verabreden.

Chatten mit Jungs aus der Stufe über dir war so ungefähr das Aufregendste, was einer 14-Jährigen passieren konnte. Online, da war man immer einen Tick cooler und selbstbewusster als beim Brötchenkauf am Hausmeisterhäuschen.

Es war der Anfang einer Zeit, in der es nichts Besseres gab, als von der Schule nach Hause zu kommen und den grauen, 1,50 Meter hohen Rechner von Papa mit Windows 2000 anzuschmeißen, um auf den Verbinden-Button zu drücken.

Den Modem-Geräuschen nach zu urteilen, handelte es sich beim Herstellen der ohnehin super langsamen Internetverbindung meist um eine schwere Geburt. Es bliebt genug Zeit, um das Mittagessen aufzuwärmen und Katja Burkard zuzuschauen, wie sie fragwürdige Familienstreits bei RTL Punkt 12 anmoderierte.

Hatte das Internet-Modem dann sein Piep- und Knarzkonzert beendet und die Internetverbindung aufgebaut, bekam man schon mal Bauchkribbeln. Endlich mit dem Schwarm chatten - sofern der denn tatsächlich online kommen konnte und keiner in der Familie das Festnetz blockierte. 😱

Man konnte sogar ein Paar werden – einfach so beim Chatten.

Verständlicherweise wollte man sich auch noch abseits der sieben gemeinsamen in der Schule verbrachten Stunden via Cam sehen, um über die verhassten Klassenkollegen und Lehrer abzuhaten. Den Rucksack ins Eck werfen, erst mal eine Cola öffnen und dann tief durchatmen, bevor man dem "Schwarm“ eine sprachlich ausgereifte Nachricht wie "Hy, wie gez?" zukommen ließ.

Herzklopfen deluxe! Und das alles wegen der orthografischen Höchstleistung eines 15-Jährigen. Die meisten Unterhaltungen setzten sich ungefähr wie folgt fort:

Er. Hi wie gez?
Ich: Geht so. Dir?

Er: Jo. Wie war Physik?
Ich. Scheiße… nja. egal. bei dir?
Er: Auch. Was machst?
Ich: Fernschauen. u?
Er: Essen.
Ich: Hast HA gemacht?

Er: Ne. u?
Ich: Mach grad. Voll einfach.

Ooops, schon verliebt! Schnell ging das damals, zumindest genauso fix wie das Wechseln des Profilfotos. Ruckzuck das Partypic vom Wochenende gescreenshottet, ein bisschen die Augenringe weichgezeichnet, Kontrast umgestellt, Helligkeit aufgedreht, hochgeladen und schon war man offiziell zusammen! A <3 B since o5.o6.o7 I LOVE YOU 4EVER, HDGDL.

Stundenlanges Chatten am Rechner – selbstverständlich am Schreibtisch sitzend.

Ab vier offenen Fenstern war Schluss mit nachmittäglichem Spaß im Netz. Chatten, das war Vollzeitjob und Multitaskingtraining in einem. Dabei handelte es sich retrospektiv wohl eher um eine Vorbereitung auf die Masse an Nachrichten, die bald jeden Tag auf uns einprasseln sollte.

Und das nicht nur, wenn man selbstbestimmt den Entschluss fasste, am Rechner (!) online zu gehen. "Als offline anzeigen“ war der Klassiker unter den konversationsscheuen Incognito-Usern und besonders coolen Girls, die nie wirklich online waren, aber verdächtig schnell antworteten.

Es gab Tage, da hat man auf nichts anderes gewartet, als das Aufpoppen dieser einen E-Mail Adresse oder dem einen Nutzernamen in der Chatleiste am rechten Rand des Bildschirms. In den meisten Fällen bestand die Leiste aus einer Auflistung von Namen und Mailadressen, die sonderbare Buchstaben und Zahlenkombination beinhalteten. scr3ama89@hotmail.com ist online. Tag gerettet.

Wenn also heute ein Mitte 20-Jähriger sagt: “Früher war alles anders“, dann stimmt das nicht. Eigentlich war früher alles gar nicht so anders. Das wird gerne verdrängt, wenn man sich im Bus über Zwölfjährige aufregt, die erfolgreicher auf Instagram unterwegs sind als man selbst. 

Das Internet war schon 2005 das Tor zur Welt, nur wog es eben zehn Kilo. Und stand zu allem Überfluss auf dem Schreibtisch der Eltern.

Chat-Konversationen wurden bei Bedarf blitzschnell abgebrochen. Es gab dafür zwei Möglichkeiten: Entweder man setzte mit Abwesenheitsnotizen eindeutige Statements - besonders beliebt waren "Be right back“ oder "Away from Keyboard“ - oder aber färbte die ICQ-Blume gelb und stellte "am HA machen. Nicht nervn“ als Statusnachricht ein.

Die Regel war: Entweder du sitzt wie auf Kohlen vor dem Schirm, um dir das Gelaber über verlorene Handballturniere anzuhören, oder du gehst off, um eine Runde "Call of Duty 2" zu zocken. Wie rücksichtslos! Dabei war der Datentransfer zu "Boulevard of Broken Dreams“ von Green Day nach vier Stunden doch fast abgeschlossen.

Updates veränderten das Leben

Sich über illegale Downloads auf Limewire Viren einzufangen, die dann den Computer deiner besten Freundin wochenlang lahmlegten, gehörte zum Standard-Fail der mittleren 2000er Jahre.

Wenn wir uns heute davon stressen lassen, dass eine App fünf Minuten nicht abrufbar ist, sollten wir an die Zeit zurück denken, in der keiner im Haus telefonieren konnte, weil das neue ICQ-Update 25 Megabite groß war.

Wer als Teenager MSN und ICQ nutzte, ist in einer Zeit aufgewachsen, in der dir immer diese eine Person die schönste Schrift klaute und im Gegenzug nicht mal ihre coolen Buchstaben-Smileys rüberschickte. 

Der Moment, in dem :-* zu einem gelben Smiley mit Kussmund wurde, fühlte sich an wie ein Quantensprung der Technik.

Dieses Gefühl wiederholte sich ständig: Als die Sidebar farbig wurde, als man den "Kann ich deine Handynummer haben"-Part übersprang und mit dem Mittelstufen-Crush via ICQ telefonieren konnte und schließlich das Liebesgeständnis einem "ICQ tZers" überließ, der einem lächelnd "I like you" durch den Röhrenbildschirm entgegenquietschte. Antwortete dein Schwarm darauf mit einem Herz oder dem gleichen tZer, war man praktisch schon zusammen.