Neulich war es wieder soweit. Gerade waren neue Details zur "König der Löwen"-Realverfilmung bekannt geworden. Beyoncé soll Nala sprechen – diese Meldung sorgte bei einigen meiner Kollegen für Unmut. 

Beyoncé? Kenne ich. Nala? Keine Ahnung. "Ist das ein wichtiger Charakter?", frage ich vorsichtig in die Runde. "Hä – hast du etwa König der Löwen nicht gesehen?" ist die Antwort.

Und ich komme mir vor, als hätte ich gerade gestanden, mir mit 26 Jahren die Schuhe nicht selbst binden zu können.

Denn ja: Ich habe "König der Löwen" nicht gesehen. Und auch "Bambi" nicht, oder das "Dschungelbuch", oder "Mulan" oder "Pocahontas". Kurz: Disney-Filme haben in meiner Kindheit keine Rolle gespielt. Weil sie meiner Mutter nicht gefallen – und weil meine Mutter nur Filme mit uns schauen wollte, die sie selbst mochte.

Und eigentlich sollte das für eine erwachsene Person egal sein. Ist es aber nicht.

Denn je älter ich werde, desto häufiger komme ich in solche Situationen: Ich unterhalte mich mit anderen Menschen, irgendjemand erwähnt einen Disney-Film und sofort ertönen reihum die "Wisst ihr nochs" und "Ach wie schön das wars". Bis ich an der Reihe bin und zugeben muss, dass ich den Film niemals gesehen habe. 

Die Reaktionen darauf sind immer die gleichen – meine Gesprächspartner finden das unverständlich bis skandalös, beginnen mit mehrfachem Nachfragen ("Aber zumindest das Dschungelbuch musst du doch…") und enden mit Annahmen über meine Kindheit (entbehrungsreich, trostlos, verpfuscht).

Und obwohl das wie eine Belanglosigkeit scheinen mag, fühle ich mich in diesen Situationen unwohl – ausgeschlossen, irgendwie, als ob etwas mit mir nicht stimmen würde. So, als ob ich mich rechtfertigen müsste. Tatsächlich schäme ich mich heute, mit 26, mehr, einen Kinderfilm nicht gesehen zu haben, als mit 6.

Aber was ist so schlimm daran, dass ich das "Dschungelbuch" nicht gesehen habe?

Warum löst das jedes Mal viel heftigere Reaktionen aus als zum Beispiel die Tatsache, dass ich keinen Film der "Fack ju Göthe"-Reihe gesehen habe?

Das habe ich eine Freundin gefragt, die Disney-Filme über alles liebt. Ihre Antwort: "Ich stelle mir deine Kindheit jetzt einfach verdammt traurig vor." 

Diese Befürchtung kann ich allerdings entkräften. Es gibt viele schöne Dinge, die ich mit meiner Kindheit verbinde – Spiele, Urlaube, Freundschaften, Bücher und gelegentlich auch mal einen Film. 

Und bloß, weil Astrid Lindgren-Verfilmungen nicht von Elton John vertont wurden, haben sie mir damals nicht weniger Spaß gemacht.

Disney ja, aber mit mehr Realismus? Diese Künstlerin zeigt die Charaktere als echte Menschen:

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Eine andere Freundin erklärt es so: Disney habe ihr mit seinen Geschichten Werte vermittelt, sagt sie, von Freundschaft, von Miteinander, von Fürsorge und Liebe

Das mag ja sein. Aber diese Werte kann man mit Sicherheit auch woanders lernen – von der Familie zum Beispiel, oder – wenn es Fiktion sein muss – aus Büchern. 

Und steht Disney nicht auch immer wieder in Kritik, fragwürdige Geschlechterrollen zu zeigen? Oder Menschen unrealistische Vorstellungen von Liebe zu vermitteln – zumindest habe ich das im Namen einer StudiVZ-Gruppe gelesen.

Damit will ich gar nicht sagen, dass ich Disney-Filme für besonders schädlich halte. 

Ich habe nichts gegen Unterhaltung – auch nicht gegen Zeichentrick. Vor ein paar Jahren habe ich am Neujahrsmorgen mit Freunden "Die Schöne und das Biest" im Fernsehen gesehen. Aber diese Erfahrung hat mich weder traumatisiert noch verzaubert. Es war eben: ein Kinderfilm.

Die Antwort muss also woanders liegen.

Ich vermute, dass die Reaktionen mit zwei Dingen zu tun haben. 
  • Zum einen ist da der Nostalgie-Faktor von Disney-Filmen. Wenn wir das Erwachsensein manchmal satt haben, sehnen sich viele von uns zurück nach einer Zeit ohne Steuerklärungen und Beziehungsdramen: der Kindheit. Und damit auch nach Dingen, die wir mit dieser Zeit verbinden, und die uns damals froh gemacht haben.

Der Milchreis mit Kirschen, den man sich nach einem stressigen Tag abends macht. Die Benjamin Blümchen-Kassette zum Einschlafen. Oder eben der Disney-Film, den man sich an einem verkaterten Sonntag im Bett anschaut. 

Das alles sind Dinge, die sich gut anfühlen, ohne Kehrseite, ohne schlechtes Gewissen.
  • Zum anderen sind Gemeinsamkeiten ein Weg, Bindungen zu anderen Menschen aufzubauen. Das gilt auch für gemeinsame Erinnerungen – selbst wenn sie nicht zusammen erlebt wurden.

Als um 1990 in Deutschland geborene Menschen haben wir einen gewissen Pool an gemeinsamen Erinnerungen: Wir haben die Wiedervereinigung nicht wirklich miterlebt, dafür aber den 11. September, wir haben eine Währungsumstellung hinter uns und mindestens eine Rechtschreibreform. All diese Erlebnisse schaffen eine gemeinsame Basis, auf der wir uns unterhalten können – und die dafür sorgt, dass ich mit einem 27-Jährigen aus Berlin schneller ins Gespräch komme als mit einem 56-Jährigen aus Singapur.

Zu dieser gemeinsamen Basis gehören auch Kindheitserinnerungen – und weil sie in unserer Nostalgie so unverfälscht schön rüberkommen, eignen sie sich besser für gemeinsames Schwelgen als die Frage, wo man denn am 11. September war, als man die Nachricht hörte.

Dass ich den "König der Löwen" nicht gesehen habe, irritiert meine Gesprächspartner dann vielleicht in einem solchen Moment – und verhindert, dass wir uns über eine geteilte Erinnerung nahe kommen können.

Mit Disney kannst du auch nichts anfangen – mit anderen Zeichentrickfilmen aber schon?

Allerdings: Allen vorherigen und künftigen Gesprächspartnern möchte ich in diesem Fall sagen. Ja, es kann nett sein, über Kindheitserinnerungen zu reden. Manchmal mache ich das auch – neulich zum Beispiel, als es am Mittagstisch um die besten Süßigkeiten am Kiosk ging.

Aber es gibt genug Themen aus dem Hier und Jetzt, über die wir uns unterhalten können (ja, auch schöne!). 

Und deshalb fände ich es nett, wenn ihr mir kein blödes Gefühl gebt, bloß weil ich einen Film über sprechende Löwen nicht gesehen habe. 

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