Was haben wir damals bloß für Dinge mitgesungen?

Als Kind wünscht man sich von Musik vor allem eins: eine eingängige Melodie. Der Text spielt eher eine untergeordnete Rolle. Viele Lieblingslieder werden aber auf Englisch gesungen, während sich die eigenen Englischkenntnisse auf "In London fährt ein Doppeldeckerbus zur Queen" beschränken.

So kommt es, dass wir viele der Songs, die wir als Kinder geliebt haben, gar nicht so richtig verstanden haben. 

Hört man sich die Ohrwürmer von damals heute an, mit Englischkenntnissen und Erwachsenenwissen, tritt dann manchmal Erstaunliches zu Tage. Und auf einmal wird einem klar, was man da damals eigentlich so lautstark mitgesungen hat: Songs über Sex, Gewalt und Drogen zum Beispiel.

Wir haben elf solcher Songs gesammelt, die du als erwachsene Person mit neuen Augen siehst.

Who let the Dogs out? – Baha Men (2000)

Was wir dachten: Es geht um Hunde. Hunde, die ausbrechen. Und um den, der nicht gut auf die Hunde aufgepasst hat. (Nur: wer ist das?)

Was wir dann dachten: Ein paar Jahre später begannen Menschen sich zu erzählen, dass mit "Dogs" eigentlich hässliche Frauen gemeint sein sollen. Die Sänger, so die Erzählung, beschwerten sich, dass zu viele unattraktive Damen auf einer Party auftauchten.

Was es wirklich bedeutet: Tatsächlich bedeutet der Song genau das Gegenteil: Er richtet sich nämlich gegen Männer, die Frauen blöd anmachen. Geschrieben haben "Who let the Dogs out" nicht die "Baha Men", sondern ein Mann aus Trinidad und Tobago. 2016, 16 Jahre nach dem Erfolg der Cover-Version, enthüllte er, dass es sich um einen "Männer-bashenden Song" handelt. (Huffington Post)

Waterfalls – TLC (1994)

Was wir dachten: Dass "Waterfalls" kein fröhlicher Tanzflächen-Füller ist, war schon irgendwie klar. Doch was waren diese Wasserfälle, denen man nicht hinterherjagen sollte? Unrealistische Träume vielleicht? Ein unerreichbarer Schwarm?

Was es wirklich bedeutet: In "Waterfalls" nahmen sich TLC weitaus größere Themen vor: Im Text geht es um gesellschaftliche Probleme der USA der 1990er Jahre, so zum Beispiel Drogenhandel, Gewalt und HIV. 

Das wird zum Beispiel in Zeilen wie diesen deutlich:

His health is fading and he doesn't know why / Three letters took him to his final resting place
Seine Gesundheit wird schlechter und er weiß nicht wieso, drei Buchstaben brachten ihn in seine letzte Ruhestätte

MMMBop – Hanson (1997)

Was wir dachten: MMMBop. Babaduwap. MMMBABAb. MMMBop. Was auch immer das heißen soll – es ist auf jeden Fall nichts Trauriges, oder?! 

Was es wirklich bedeutet: Tatsächlich sind die Lyrics überraschend deep für eine Band, die aus drei minderjährigen Brüdern besteht. Laut Zac Hanson geht es in um die Sinnlosigkeit des Lebens: Denn früher oder später verschwinde alles – Jugend, Geld. Deshalb solle man zusehen, Menschen zu finden, mit denen man bedeutungsvolle Beziehungen aufbaut (Songfacts). (Was das mit "MMMBop" zu tun hat, bleibt allerdings unklar.)

And when you get old and start losing your hair / Can you tell me who will still care?
Und wenn du alt wirst und deine Haare verlierst, kannst du mir sagen, wer sich noch für dich interessieren wird?

Hey Ya! – Outkast (2003)

Was wir dachten: "Hey Ya!" fehlt bis heute auf kaum einer Party. Deshalb muss es logischerweise auch irgendetwas mit Party zu tun haben. Könnte einfach ein schlichter Anmachspruch sein – so wie "Hey, na!" vielleicht.

Was es wirklich bedeutet: In Wahrheit ist der Text ziemlich melancholisch. Jemand äußert Zweifel an seiner aktuellen Beziehung, fragt sich, ob Liebe überhaupt jemals für immer sein kann.

If they say nothing is forever – then what makes love the exception?
Wenn sie sagen, dass nichts für immer ist – was macht Liebe dann zur Ausnahme?

Tatsächlich haben Outkast die Wirkung des Liedes aber genau so vorausgesehen – und singen deshalb:

Y’all don't want to hear me, ya just want to dance!
Ihr hört mir doch gar nicht zu, ihr wollt doch nur tanzen!

Genie in a Bottle – Christina Aguilera (1999)

Was wir dachten: Dass Christina Aguilera damals schon noch recht jung war. Und dass sie in diesem Video ganz schön körperbetont tanzt. Dass der Flaschengeist aber vermutlich irgendeine Metapher für ein unschuldiges Teenagerproblem wie Schüchternheit ist.

Was es wirklich bedeutet: Als der Song rauskam, war er vielen US-amerikanischen Radiosendern viel zu heiß. Denn der Text ist der ziemlich unverblümte Wunsch einer jungen Frau, die endlich entjungfert werden möchte.

I feel like I’ve been locked up tight, for a century of lonely nights, waiting for someone to release me
Ich fühle mich, als wäre ich eingeschlossen gewesen, für ein Jahrhundert einsamer Nächte, wartend, dass jemand mich herauslässt

Christina Aguilera erwiderte Kritikern damals, dass es im Song aber vor allem um eins gehe: Selbstachtung – denn man solle sich nicht "aufgeben", bevor man nicht den nötigen Respekt erhalten hat. (Wikipedia)

Oder, wie sie es im Song ausdrückt: "auf die richtige Art und Weise gerieben wurde".

Hands Clean – Alanis Morissette (2002)

Was wir dachten: Ein starker Song von einer starken Frau! Wahrscheinlich geht es um eine Beziehung, vielleicht um das Leben an sich, wer weiß das schon.

Was es wirklich bedeutet: Alanis Morissette arbeitet in dem Lied ihre Beziehung zu einem viel älteren Mann auf, die sie mit etwa 14 Jahren hatte. Über Jahre habe sie den Mund gehalten und den Mann gedeckt, erzählte Morissette später. In "Hands Clean" endlich darüber zu reden, sei eine Befreiung für sie gewesen. (Wikipedia)

And no one knows except the both of us / And I have honored your request for silence
Und keiner außer uns weiß es, ich habe deine Bitte nach Schweigen respektiert

Kennt man den Hintergrund, merkt man erst, wie abstoßend der gesamte Text des Liedes ist – denn darin gibt die Sängerin Sätze wieder, die der ältere Mann zu ihr gesagt hat.

I might want to marry you one day if you watch that weight and keep your firm body
Wenn du auf dein Gewicht aufpasst und deinen festen Körper behältst, möchte ich dich vielleicht eines Tages heiraten

Good Riddance (Time of your Life) – Green Day (1997)

Was wir dachten: Ach, so ein trauriger Song über einen Abschied. Ach, wie nett vom Sänger, dass er der Person alles Gute fürs weitere Leben wünscht.

Was es wirklich bedeutet: Tatsächlich war Billy Joe Armstrong vor allem eins, als er den Song schrieb: verdammt sauer. Denn seine Freundin war einfach so nach Ecuador gezogen. Seine Reaktion: "Good Riddance" – das heißt so viel wie "Gut, dass ich dich los bin." (Songfacts)

I hope you have the time of your life
Ich hoffe, du hast die Zeit deines Lebens

Das ist also nicht mehr als die verbitterte Ironie eines Verlassenen.

Macarena – Los del Rio (1993)

Was wir dachten: Eigentlich überhaupt nichts. Denn wir waren viel zu sehr damit beschäftigt, den dazugehörigen Tanz auf die Reihe zu kriegen. Außerdem ist er auf Spanisch – was nur die wenigsten von uns als Kinder verstanden.

Was es wirklich bedeutet: Übersetzt man den Song, merkt man, dass die Geschichte dahinter eigentlich überhaupt nicht zum Tanzen einlädt – denn es geht um eine Frau, die ihren Freund mit zwei anderen Männern betrügt, als er von der Armee eingezogen wird. Ups.

And while he was being sworn in as a conscript / She’s giving it to two friends
Und während er einberufen wird, gibt sie es zwei Freunden

It wasn't me – Shaggy (2000)

Was wir dachten: Ja, Shaggy hat irgendetwas angestellt und will es nicht gewesen sein. Aber wie schlimm kann es schon gewesen sein, wenn er so lustig singt?

Was es wirklich bedeutet: In dem Song geht es um einen Mann, der von seiner Freundin beim Sex mit einer anderen Frau erwischt wurde. Ein Freund rät ihm, auf die Vorwürfe einfach nur eins zu antworten: "Ich war's nicht". 

Und wenn man genauer hinhört, ist "It wasn't me" wirklich überhaupt nicht jugendfrei:

Picture this: we were both butt-naked banging on the bathroom floor
Stell dir das vor: Wir waren beide nackt und trieben es auf dem Badezimmer-Boden

Semi-Charmed Life – Third Eye Blind (1997)

Was wir dachten: Dass "Semi-Charmed Life" der optimale Song ist, den man spielen kann, wenn man Gäste hat, die eigentlich Rockmusik mögen, aber man "was Fröhliches" auflegen will. Und dass das Leben, über das da gesungen wird, auf jeden Fall ein schönes ist.

Was es wirklich bedeutet: Der Song handelt von Crystal Meth-Abhängigkeit. Und das noch nicht einmal besonders versteckt:

Doing crystal meth / Will lift you up until you break 
Crystal Meth zu nehmen, hebt dich hoch, bis du zerbrichst

Den fröhlichen Klang des Songs wählte die Band absichtlich: "Er soll zeigen, wie verführerisch Speed ist", so Sänger Stephan Jenkins. (Billboard)

Gasolina – Daddy Yankee (2004)

Was wir dachten: Auch so ein Fall, wo die Sprachbarriere noch ein bisschen höher war – denn Daddy Yankees schnelles Spanisch ist wirklich sehr schwer zu verstehen. Was man aber auf jeden Fall versteht: "Gasolina" – und das heißt doch Benzin. Also geht es vermutlich um Autos, oder?

Was es wirklich bedeutet: Der Song strotzt nur so vor sexuellen Anspielungen: Daddy Yankee singt darin für eine Frau, auf die er scharf ist. Er sagt zwar auch, dass er sie mit dem Auto abholt – doch dass Gasolina wirklich für Benzin steht, ist eher unwahrscheinlich. Denn wer sagt zu seinem Date schon so einen Satz?

Dame más gasolina!
Gib mir mehr Benzin!

Nun ja. Ihr merkt schon.


Today

Vor 25 Jahren haben Neonazis das Haus dieser Frau angezündet
So erinnert sich die Überlebende von Solingen heute.

Mevlüde Genç humpelt langsam in Zimmer 118 des Solinger Rathauses, sie stützt sich auf ihren Gehstock, lässt sich auf einen Stuhl sinken. 75 ist sie jetzt, hört nicht mehr so gut, und erst vor Kurzem haben die Ärzte sie wegen eines grauen Stars am Auge operiert.

Aber die Seniorin ist nicht hier, um über ihre körperlichen Gebrechen zu sprechen. Sondern über die seelischen Wunden und Narben, die sie und ihre Familie seit einem Vierteljahrhundert quälen. "Dieser Schmerz", sagt Genç auf Türkisch, "hat sich überhaupt nicht geändert, ich spüre ihn auch heute noch wie am ersten Tag."