Wir waren mal Stars...

Vor ein paar Wochen, in der WG-Küche eines Schulfreundes in Stuttgart. Etwa 4:30 Uhr, halb leere Tabakbeutel und ganz leere Weinflaschen auf dem Tisch. Wir reden vom einzigen Thema, das in so einem Moment angebracht ist: der guten, alten Zeit. Und über Musik. Er ist Musiker, ich hatte damals mit anderen aus unserem Freundeskreis eine Band. "Ein paar eurer Songs damals waren ja eigentlich ganz geil", sagt er, "gibt's da noch irgendwas online?

Ich, gebauchpinselt: "Klar, auf MySpace!"

Die Songs, zwei an der Zahl, werden auf der Seite noch angezeigt. Aber egal, wie verzweifelt ich den Play-Button malträtiere, es passiert nichts

Ähnliche Situationen habe ich in den letzten Jahren öfter erlebt, nachts und betrunken kommt manchmal Melancholie auf. Und alle paar Schwelg-Momente landet man wieder an einem Sehnsuchtsort, bei mir eben auf der MySpace-Seite meiner Band aus der Schulzeit. Ein paarmal hat der Player wirklich funktioniert, irgendwann aber nicht mehr. 

Und jetzt ist auch klar, warum nicht.  

Kürzlich wurde bekannt, dass bei einem Serverumzug riesige Datenmengen von Myspace aus Versehen unwiderruflich gelöscht wurden. 

Weg seien offenbar so gut wie alle Bilder, Songs und Videos, die Nutzerinnen und Nutzer zwischen 2003 und 2015 hochgeladen haben. Der Datenverlust ist wohl schon Mitte 2018 passiert. (SPIEGEL ONLINE)

Bei vielen hat diese Nachricht vor allem Überraschung ausgelöst: Was, MySpace gibts noch?

Einige haben aber auch ähnlich reagiert wie ich. Und waren traurig, schockiert, wütend. 

Vom Launch 2003 bis Ende der Nullerjahre war MySpace eines der meistgenutzten sozialen Netzwerke. Und für Hobbymusiker und Bands war es damals noch das, was seit einigen Jahren Soundcloud ist. Sie konnten sich dort eine Seite einrichten, ihre Musik hochladen und mit der ganzen Welt teilen.

Und so haben wir das auch gemacht. Wir, das waren The I.V. (IV, römisch vier für vier Bandmitglieder und IV ist auch die englische Abkürzung für eine Infusion – schlau, oder?). Ich habe Schlagzeug gespielt, war dementsprechend der Unmusikalischste in der Band. Noch heute muss ich an unseren Proberaum denken, jedes Mal, wenn ich durch einen modrigen, schimmligen Keller laufe, oder besser: ihn rieche. 

Die Historie von The I.V. liest sich grandios. 

Erst fast ausschließlich Red Hot Chili Peppers-Cover, dann mindestens eine Handvoll eigene Songs. Vier Auftritte plus ein spontaner Bühnensturm beim Abiball. Die beiden Songs, die es bei MySpace gab, weisen heute zusammen 367 Plays auf (davon geschätzt von Nicht-Bandmitgliedern: 7). 

Häufigste Fanreaktion auf das Bild: "Ihr seht aus wie ne schlechte A Cappella-Gruppe". Leider ist es immer noch auf MySpace verfügbar

(Bild: Claudia Jakob)

Einmal haben wir uns mit einem Song bei einem Bandcontest beworben. Wir wurden abgelehnt, weil wir zu unsauber spielten. Nur der Schlagzeuger, der sei wirklich on point gewesen! Der war auf der Aufnahme allerdings nicht ich, sondern ein Drumcomputer.

Wir waren der Hit, das sag ich euch. Wenn ihr nur diese Aufnahmen hören könntet...
Aber die sind weg. 

Das MySpace-Fiasko zeigt, was passieren kann, wenn wir uns mit unseren Daten und Erinnerungsstücken auf Internetkonzerne verlassen. 

Denn theoretisch könnte etwas Ähnliches jedem sozialen Netzwerk passieren. 

Hast du noch Urlaubsfotos, wenn Instagram sich morgen löscht? Weißt du noch, was für Musik dir gefällt, wenn alle deine Spotify-Playlists weg sind? Und erinnerst du dich, wann deine Freundinnen und Freunde Geburtstag haben, wenn Facebook plötzlich weg ist? 

Dass wir ausgerechnet Dinge, die uns so wichtig sind, Internetkonzernen anvertrauen, ist eigentlich absurd. Ob durch Hacks oder technische Fehler wie im Fall von Myspace: Selbst, wenn die Konzerne es wollen, können sie nicht für die Sicherheit dieser Daten garantieren. Und wir wollen gar nicht davon anfangen, mit wem sie diese Daten womöglich teilen. 

(Bild: privat – wahrscheinlich die Mama irgendeines Bandmitglieds.)

Ein mögliches Mittel dagegen sind natürlich Backups, Sicherungen auf Festplatten oder in der Cloud.

Noch sicherer wäre aber: zurück zur Hardware!

Druckt euch die Fotos aus, die euch am wichtigsten sind. Notiert euch wichtige Geburtstage in einem Kalender aus Papier. Wenn ihr Musik macht: Überspielt sie auf eine Kassette oder brennt sie auf eine CD, packt sie in eine Truhe und vergrabt sie an einem sicheren Ort. Auch deine Enkelkinder sollen schließlich noch den deepen Song über deine Lieblingsklamottenmarken hören, den du auf den freshen Beat gerappt hast!

Als vor ein paar Jahren bei mir eingebrochen und der Laptop und damit meine gesamte Musiksammlung geklaut wurde, hab ich angefangen, wieder CDs zu kaufen. Die klaut einem mit Sicherheit niemand.

Übrigens: Ich habe dann noch mal mit Jonathan telefoniert, dem Gitarristen der damaligen Band. Er hat die beiden Songs noch irgendwo gespeichert, sagt er. Schön. Vielleicht wäre es allerdings noch schöner gewesen, sie wären wirklich für immer verloren. In der Erinnerung meines betrunkenen, nächtlichen Ichs sind sie so gut. Das sollte man sich vielleicht nicht durchs Anhören kaputt machen.


Fühlen

Dominique hat Borderline, ist depressiv und alkoholsüchtig. Sie verrät, wie man diesen Kampf gewinnt
Ein Gespräch über psychische Gesundheit mit Bloggerin Dominique de Marné.

Jede dritte Frau und jeder vierte Mann in Deutschland haben im Laufe eines Jahres eine psychische Störung (TUD/BPtK)*. Das bestätigt auch Psychotherapeut Frank Jacobi von der Psychologischen Hochschule Berlin.

Besonders verbreitet sind Depressionen: Vier Millionen Menschen leiden hierzulande daran (WHO 2017). 

Dominique de Marné, 32, gehört auch dazu. Sie hat die Borderline-Persönlichkeitsstörung. 

Häufige Symptome der Erkrankung: Unsicherheit mit der Identität, instabile Beziehungen, selbstverletzendes Verhalten und Impulsivität (Psychiatrie.de). Dominique ist außerdem depressiv und alkoholsüchtig

Sie war überzeugt davon, alles alleine schaffen zu müssen. Sie brauchte lang, bis sie verstand: Es ist okay und wichtig, Hilfe anzunehmen. Sie machte eine Therapie. Auf ihrem Blog und an Schulen spricht sie heute über ihre Erfahrungen mit psychischen Störungen und Sucht. Jetzt hat sie ein Buch darüber geschrieben. 

Wir haben mit Dominique über psychische Störungen im Job, Morgenroutinen und Antidepressiva gesprochen.

Du sagst, psychische Störungen seien normal. Wie kommst du darauf? 

Studien zeigen, dass ein Drittel aller Menschen mindestens einmal im Leben psychisch erkranken. Und wenn man nicht selbst betroffen ist, dann kennt man höchstwahrscheinlich eine Person aus der Familie oder dem Bekanntenkreis. Wenn ich über meine Borderline-Störung oder Depression spreche, dann erlebe ich in drei von vier Fällen, dass mein Gegenüber anfängt, von eigenen Erfahrungen zu berichten.  

Haben wir alle einen Knacks?

Knacks klingt mir zu negativ. Wir sind eben alle unterschiedlich – was ist denn schon normal? Experten sagen, dass jeder Mensch jede psychische Störung aus dem eigenen Erleben kennt – aber nur in ganz kleinen, homöopathischen Dosen. Jeder kennt Ängste, depressive Phasen, Ticks oder Süchte. Bei einigen sind sie nur stärker ausgeprägt als bei anderen.