4 Erkenntnisse zwischen X-Tina, Dr. Sommer und DSDS.

Wer zwischen 1980 und 2000 geboren ist, hat eher wenig zu lachen. Bei unseren Zukunftsaussichten kriegt man spontan Migräne: Die Heißzeit ist angebrochen, klimatisch wie politisch, die gesellschaftliche Stimmung im Land ist angespannt, die Arbeitsmarktsituation besorgniserregend, die Rente so gut wie abgeschrieben. 

Und was machen wir dagegen? Erstmal Insta-Storys und Gap-Years. Und dann? Gute Frage. 

Denn, da sind sich alle einig, die sich auf das Be- und Niederschreiben von Generationen spezialisiert haben: Wir Millennials sind unpolitisch und faul.

Doch wie konnte es so weit kommen? Das kann man in der Bravo nachlesen. 

Kaum etwas verkörpert die Zeit unseres Erwachsenwerdens wohl so sehr wie die "Bravo". Zu ihren besten Zeiten lasen Millionen Jugendliche in Deutschland das Magazin. Die Bravo informierte, unterhielt und: klärte auf. Das Dr. Sommer-Team nahm sich jahrzehntelang der Sorgen minderjähriger Briefeschreiber an, als es das Internet noch nicht gab, um peinliche Fragen zu beantworten.

Ein Bravo-Heft ist deshalb Ausdruck der Jugendkultur ihrer Zeit – und gleichzeitig eine große Einflussquelle auf alle, die sie lesen.

Aus diesem Grund haben wir uns eine Bravo vorgenommen, die vor genau 15 Jahren erschien, im Dezember 2003.

Und bei der Lektüre mindestens diese vier Eigenheiten unserer Generation verstanden:

1 Wir sehen die Welt nur noch durch unsere Smartphones

Smartphones haben unser Leben in vielerlei Hinsicht verbessert. Dank den schlauen Telefonen müssen wir keine Landkarten mehr kaufen, um durch die Welt zu finden, und nicht mehr auf Single-Partys gehen, um bedeutungslosen Sex zu haben.

Aber manchmal nerven Smartphones auch einfach nur. Zum Beispiel auf Konzerten, bei denen keiner mehr die Band anschaut, sondern nur den Bildschirm, auf dem die Insta-Story gebastelt wird. Oder bei Abendessen, die kalt werden, während alle noch versuchen, das beste Foto vom Hauptgang zu machen.

Bei Betrachten der 15 Jahre alten Bravo wird klar: Diese Entwicklung ging schon los, als die ersten Handys auf den Markt kamen.

So zahlte die Bravo "FunTastic!"-Abteilung 25 Euro an denjenigen, der das "MMS-Foto der Woche" einsandte. Die Ansprüche waren dabei denkbar niedrig: In der vorliegenden Ausgabe gewann beispielsweise eine gewisse Yvonne aus Zeven, die ihre beiden Klassenkameraden Kay und René beim Flexen ihrer spärlichen Teenagermuskeln vor irgendeinem Jugendherbergsbett ablichtete.

Auch die Witze im Bild verdienen Beachtung.

Schon damals hätte man eigentlich sagen sollen: Yvonne, spar dir den Speicherplatz. Sie stattdessen auch noch mit für Teenagerverhältnisse exzessiven 25 Euro zu belohnen, setzt für sie und ihre Altersgenossen hingegen Anreize in die völlig falsche Richtung. Danke, Bravo!

Außerdem findet sich in der Bravo ein früher Fall des Selfie-Wahns, der heute unsere Innenstädte und Dating-Portale überflutet: In einer Werbeanzeige eines Telefonanbieters sehen wir einen Jungen, der ein Tattoo auf seinem Oberarm fotografiert – damals noch im "Umgedrehtes-Telefon"-Modus (Neunziger-Kinder erinnern sich). "Frag doch Mutti, ob sie es macht", ruft man dem Bengel zu. Aber er hört es nicht. Er ist für immer oberkörperfrei in seinem Kinderzimmer gefangen. Und wir in unserer Instagram-App.

Kostet auch nur 1,99 Euro.

2 Wir wissen alles über Sex – haben ihn aber nicht

Millenials haben keinen Sex. Okay, ganz so schlimm ist es nicht. Aber tatsächlich schlafen junge Menschen heute weniger mit anderen als früher. (Archives of Sexual Behaviour)

In der Bravo wurde offen über Sexualität geschrieben. So offen, dass das Magazin unter manchen Schulbänken gedealt wurde wie frisches Gras aus Holland, weil Mutti und Vati den Stoff zu Hause niemals erlaubt hätten.

"Schwule Jungs – wo finde ich sie?", fragt ein gewisser Roland das Dr. Sommer-Team. Geh in die Schwulenkneipe oder einen Sportverein, raten die Experten. "Ist Küssen in der Schule verboten?", will Doreen wissen. "Ganz sicher nicht", antwortet Dr. Sommer. 

Zwei Seiten weiter sehen wir im Aufklärungs-Fotoroman Julia, 16, und Steffen, 17. Was aussieht wie eine gewöhnliche Foto-Lovestory, eskaliert an der sexuellen Front weitaus schneller: Eben waren die zwei noch zusammen im Kino – im nächsten Bild sind sie in Schlüpfer und BH im Bett. Das muss dieses Petting sein, von dem wir in unserem späteren Leben nie wieder gehört haben! "Beide sind sehr erregt", erklärt die Bildunterschrift. Soso.

Da werde ich ja heute noch rot.

In der "That’s Me"-Rubrik wird es dann noch expliziter: Auf den legendären Nackedei-Seiten zeigen sich Bierbrauer Alex und die Bürokauffrau Julia, ohne Kleidung, ohne erkennbaren Grund. Im nebenstehenden Interview erfährt man dann, wer wann gezüngelt hat oder wer lieber auf die Richtige wartet (Alex zum Beispiel – obwohl der "einige Mädchen" kennt, die "sofort mit mir ins Bett gehen würden").

Der Fantasie überließ die Bravo praktisch nichts. 

Und so saßen wir da, hatten noch nicht mal unseren ersten Kuss erlebt, wussten aber dennoch, dass erogene Zonen überall lauern, manche Penisse klein, andere riesig sind und dass man schon vom Lusttropfen schwanger werden kann.

Sex war 2003 quasi auserzählt – musste man ihn da noch selbst ausprobieren?

Nicht unbedingt, sagt der ausgewachsene Millennial, schläft sonntags einmal mit seinem festen Partner und macht es sich den Rest der Woche vor Netflix bequem. Da gibt es wenigstens noch Menschen, deren Brustwarzen und Polöcher wir noch nicht in der Bravo gesehen haben.

3 Wir wurden so lange mit Retorten-Stars gequält, bis wir den Influencern in die Arme liefen

Irgendwann Anfang der 2000er Jahre stießen Musik- und Fernsehgoldgräber auf ein besonders großes Nugget namens "Castingshows". Von da an zogen RTL, Pro7 und alle anderen Kanäle ohne Unterlass junge Menschen durch ein eher grobmaschiges Netz, um eine Menge instabiler Bands und bedauernswerter One-Hit-Wonder zu erbeuten.

Die vorliegende Bravo ist auf dem Höhepunkt dieser Phase erschienen: Es gibt den großen Report aus der DSDS-Villa der zweiten Staffel (wer noch sagen kann, wer die gewonnen hat, bekommt ein Bauchnabel-Tattoo geschenkt!); ein Interview mit "Pop Idol"-Teilnehmer Gareth Gates (der, wie wir erfahren, eine Vorliebe für ältere Frauen hat); Poster von den Preluders und Akay von Overground (Fun Fact: Letzterer managt jetzt Kollegah!). 

Denise, Gunther und Kemi – wer erinnert sich nicht?

Überall finden sich Zeugnisse dessen, was Dieter Bohlen der deutschen Musikindustrie angetan hat: Bei den übersetzten Songs wird enthüllt, dass es in "Believe in Miracles" von den DSDS-Allstars darum geht, dass man an Wunder glauben soll. Und in den deutschen Single-Charts belegt Alexander Klaws unsterbliche Unabhängigskeits-Hymne "Free like the Wind" den dritten Platz.

Für alle, die sich nicht erinnern:

Vielleicht hatten zumindest ein paar dieser Musikerinnen und Musiker sogar Talent. Doch das durften sie leider nicht ausleben – stattdessen wurden sie zu Showgeschäft-Marionetten. Und kaum waren sie erfolgreich, fielen sie auch wieder zusammen. Da hatte man sich gerade in die Musik von Overground verliebt, kam schon wieder die Trennung. Weil diese Acts Kunstprodukte waren.

Und dann kamen die Influencer mit ihrem Authentizitäts-Versprechen. 

Menschen, die sich ihre Fanbase selbst erarbeiteten. Die uns mit selbstgedrehten Videos in ihr Schlafzimmer ließen und keinen gewieften Manager hatten. Und deshalb alles waren, nur nicht künstlich. 

Ist es ein Wunder, dass wir diesen Menschen verfielen?

Okay – schon 2003 standen die Zeichen nicht so gut für die Generation Y. Aber etwas Positives haben wir auch gefunden:

4 Uns ist endlich klar, dass Frauen alles zusteht, was Männern auch zusteht

Ja, auch heute ist noch nicht alles gut in Sachen Geschlechtergerechtigkeit. Frauen werden immer noch täglich Opfer von Gewalt durch Partner, Frauen verdienen immer noch weniger als Männer

Doch trotzdem: Mit jedem Jahr, das verstreicht, werden Frauen freier, unabhängiger, und stärker. Weil es mutige Menschen gibt, die sich für ihre Rechte einsetzen. Und weil Frauen auf Social Media ihre Stimme erheben – und damit selbst so einem schweren Thema wie sexualisierter Gewalt entgegen treten.

Und auch in der Bravo 2003 war dieser Spirit schon zu spüren. 

Das Heft klärte junge Frauen auf – nicht nur anatomisch. Es erklärte, wie man es vermeidet, schwanger zu werden, dass jede Frau jederzeit 'Nein' sagen kann, zu besitzergreifenden Partnern und auch zu Eltern. Wichtiges Wissen für ein selbstbestimmten Leben.

Es zeigte außerdem Frauen wie Katrin, die einzige Hubschrauber-Pilotin bei der Bundeswehr, die sich gegen tausende andere männliche Bewerber durchsetzte.

You go, Katrin!

Okay, vielleicht hätte im Artikel über Katrin nicht unbedingt stehen müssen, dass sie das "hübsche Mädchen mit dem warmen Lächeln und der leisen Stimme" ist. 

Dennoch: Vielleicht ist irgendein Mädchen, das damals die Bravo gelesen hat, heute selbst Pilotin.

Auch wenn sie dabei wahrscheinlich ständig Selfies macht und abends Dagi Bee bingt, statt sich um die Fortpflanzung zu kümmern.


Fühlen

Dieser Typ hat einen Weg gefunden, Hass in Liebe zu verwandeln
Hey, schönes Profilbild!

Wenn du online bist, wirst du beleidigt. Diese Regel gilt inzwischen eigentlich für sämtliche soziale Netzwerke. 

Denn jeder, der sich dort mehr oder weniger öffentlich äußert, ist der – in den meisten Fällen höchst unsachlichen – Kritik von Menschen ausgesetzt, die anderer Meinung sind, oder auch einfach nur pöbeln wollen.