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Alkopops, Nokia, Knuddels – und Politik?

In dem Sommer, in dem Angela Merkel zur Kanzlerin wurde, quälte ein blauer Frosch das Land. Er fuhr Mofa und hatte einen eigenen Klingelton. Die Deutschen beugten sich über Sudokus und standen Schlange für einen neuen iPod. Wir waren Papst. Und machten Selfies mit der Webcam. Für die Generation, die im vergangenen Herbst zum ersten oder zweiten Mal wählen durfte, ist das weit weg. 

Doch für viele gibt es praktisch keine Welt vor Angela Merkel. Schule, Fernsehnachrichten, Gemeinschaftskunde-Abi – überall, wo wir über Politik diskutieren, spielt sie auch ein Rolle. Unser Denken soll zu ihrem Pragmatismus passen, sagen Forscher. Man nennt uns jetzt auch die "Generation Merkel"

Vieles hat sich in den vergangenen zwölf Jahren verändert. Doch wie war unser Leben, damals, als das alles noch neu war – und Angela Merkel Kanzlerin wurde?

Deutschland 2005: Tokio Hotel feierten ihren ersten Nummer-Eins-Hit.

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Die Kaulitz-Zwillinge und ihre beiden Kollegen, die schon damals keiner kannte, standen im August 2005 zum ersten Mal an der Spitze der Single-Charts. Keine zwei Monate folgte das Debütalbum "Schrei" und setzte den Erfolg fort. Bis heute wurde es über 1,5 Millionen Mal verkauft – übrigens ganz ohne YouTube, das 2005 erst gegründet wurde.

Alkopops machten Eltern verrückt und uns betrunken.

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"Komasaufen" war in den Nullerjahren eines der Schreckensworte bei jedem Elternabend. Schuld daran waren angeblich vor allem Alkopops. Jeder dritte Jugendliche soll zu Spitzenzeiten regelmäßig zu fruchtigen Alkoholgetränken wie "Bacardi Breezer" und "Smirnoff Ice" gegriffen haben. 

Mit einer eigene Alkopop-Steuer wollten empörte Eltern und Politiker den Spuk beenden. 2005 verdiente der Staat damit ordentlich Geld: 10 Millionen Euro soffen die jungen Leute in die Kassen. Zwei Jahre dauerte der Hype – 2007 stampfte Bacardi seine letzte Marke ein. (SPIEGEL ONLINE

Wir nutzten Knuddels und MySpace statt StudiVZ und Facebook.


2005 war Mark Zuckerberg noch an der Uni eingeschrieben. Niemand kannte StudiVZ oder Facebook. Wir nutzten MySpace und chatteten im Computerraum unserer Schule heimlich auf Knuddels.

Die komischen Typen wie "BöserPaul74" oder "FrecherJens81" sitzen wahrscheinlich heute noch im Knuddels-Chat und warten darauf, dass wir ihnen unsere ICQ-Nummer geben. Butler James, hilf uns!

Hunderte Flüchtlinge wollten zu uns, doch wir riegelten uns ab.

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Humanitäre Krise am Mittelmeer? Schon 2005 war das ein Thema, auch wenn es viele heute nicht mehr wissen. Im Herbst versuchten Hunderte verzweifelte Flüchtlinge gemeinsam nach Europa zu kommen. Ihr Weg führte sie dabei an den Grenzzaun von Melilla, einer spanischen Enklave in Nordafrika. 

Unsere Antwort auf den Ansturm waren noch höhere Zäune. Seitdem kommen die meisten Flüchtlinge direkt übers offene Meer. Allein in den vergangenen Jahren starben nach UN-Angaben dabei mehr als 10.000 Menschen.

Alle trugen bunte Gummi-Armbänder.

Lance Armstrong machte es mit den "Livestrong"-Armbändern gegen Krebs vor und alle folgten ihm. Eine Weile lang waren bunte Gummi-Armbänder für den guten Zweck schwer angesagt. Irgendwann hatte jedes Dorfgymnasium sein eigenes Charity-Bändchen und H&M verkaufte sie auch ohne guten Zweck. Zwölf Jahre später sieht man sie noch immer ab und zu – auf der Resterampe im Ein-Euro-Laden.

Wir stritten über Tangas und trugen Baggy Jeans.
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"Das gesamte Lid bis knapp unter die Brauen mit einem kleineren Flachpinsel lila schattieren und einen feinen Strich unter den unteren Wimpernkranz ziehen", empfahl eine Zeitung im Sommer 2005. Ein weiterer Tipp: "Funkelnde Steinchen um die Augen kleben – ein echter Hingucker!" Es ging nicht um Karneval.

Doch viele Teenager hatten erst einmal ganz andere Sorgen: Denn in vielen Familien wurde gestritten, ab wann man alt genug für ein Nabel-Piercing oder String Tangas ist. Jugendzeitschriften (auch ein Ding der Nullerjahre) halfen dabei und packten die Unterwäsche als Extras in ihre Hefte. 

Im Fußball war alles wie immer – außer in Hamburg.


Ein bekanntes Bild: Auch 2005 stand der HSV am Ende einer Bundesliga-Tabelle – allerdings ganz oben. Platz drei am Ende der Saison hieß: ab nach Europa!

Weniger überraschend: Meister wurden auch 2005 die Bayern. Trainer war damals Felix Magath. Heute wartet er nach seiner Zeit beim chinesischen Club Luneng auf eine neue Anstellung.

Für Handy-Klingeltöne gab es eigene Charts.

15 Millionen Euro soll Jamba allein mit dem "Crazy Frog" eingenommen haben. Der untenrum unangenehm freizügige Frosch gehörte neben Sweety, dem Küken, zu den nervigsten Repräsentanten des Klingelton-Hypes. 2005 erreichte er seinen Höhepunkt – in den britischen Charts scheiterten sogar Coldplay am Crazy Frog. 

Kanye West tickte erstmals so richtig aus.

Beim Hurrican Kathrina kamen im Sommer 2005 etwa 1.800 Menschen ums Leben. Nachrichtensender in aller Welt berichteten über die Naturkatastrophe. Doch auch Tage später saßen viele Betroffene noch in den Trümmern. Viele von ihnen waren schwarz.

Bei einer Fernsehrunde mit Stars platzte Kanye West schließlich der Kragen. Bis heute einer seiner bekanntesten Ausraster, die den Weg für viele weitere ebneten.

GTAs "San Andreas" sorgte für einen Skandal.

Im Jahr, in dem Angela Merkel Bundeskanzlerin wurde, kaufte man Computerspiele noch im Laden. Auf DVD oder CD-Rom. Der fünfte GTA-Ableger "San Andreas" sorgte wegen der Gewalt-Darstellungen schon vorab für viel Aufregung. 

Das Fass zum Überlaufen brachte jedoch ein Cheat, der schlecht animierte Sexszenen freischaltete. Selbst Ex-US-Präsident Bill Clinton – der wegen einer Sexaffäre fast selbst aus dem Amt geflogen wäre – wollte das Spiel verbieten lassen. Kurze Zeit später erschien ein Patch, GTA gibt es heute immer noch. Fast sexfrei.

In den Kühlräumen gammelte das Fleisch.

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Witze über dubioses Dönerfleisch, Pferde in der Lasagne und billige Bockwürste?

Fast alle haben ihren Ursprung im Jahr 2005. Das Jahr des sogenannten Gammelfleischskandals. Plötzlich interessierten sich alle für artgerechte Tierhaltung und gesundes Essen – ungefähr drei Monate lang. 2008 wurde "Gammelfleischparty" zum Jugendwort des Jahres.

Wir wollten das "Motorola Razr" und spielten "Snake". 

(Bild: dpa)

Zwei Jahre vor der Einführung des ersten iPhones waren Smartphones noch ein Fremdwort. Die meisten Menschen nutzten einfache Nokia-Handys, Angeber hatten ein Farbdisplay. Der Trend 2005: Klapphandys wie das "Motorola Razr". Stark!

Der BER wäre fast fertig geworden.

Was wird bleiben, wenn Angela Merkel eines Tages nicht mehr im Amt ist? Vielleicht die Baustelle des Hauptstadtflughafens in Berlin. 2005 kam es nach mehreren Klagen erstmals zu größeren Verzögerungen. Ein Sprecher sagte damals: "Wir müssen jetzt sehen, ob der Eröffnungstermin im Jahr 2010 noch zu halten ist."


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Flugzeug verliert jede Menge Goldbarren und Diamanten über Russland

Wenn ein Flugzeug unterwegs etwas verliert, dann ist es meistens nur ein gefrorener Urin-Klumpen. Über Russland hat es nun hingegen Gold geregnet. Genauer: Goldbarren, Diamanten und Platin im Wert von 368 Millionen Dollar.

Die Maschine war am Flughafen von Jakutsk (Russland) gestartet, direkt beim Abheben löste sich die Wand der Maschine – und riss ein Loch in den Frachtraum. 

Die Goldbarren prasselten auf die Startbahn nieder.