Wenn wir Leiden liken

Der Hund schläft ruhig auf dem Fußboden, plötzlich scheint er im Liegen zu rennen. Er liegt auf der Seite, erst strampeln die Pfoten in der Luft, dann springt der Hund auf und läuft gegen eine Wand.

Das Video von "Bizkit the Sleep Walking Dog" (deutsch: Bizkit, der schlafwandelnde Hund) ist wohl eines der bekanntesten Tiervideos im Internet. Bis heute hat es mehr als 33 Millionen Aufrufe auf YouTube.

Woher kommt Bizkits seltsames Verhalten? Daphne Ketter, Tierärztin für Verhaltensmedizin an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, hat das Video analysiert, lustig kann sie den Clip nicht finden: "Ich vermute, dass es sich hier um eine sogenannte REM-Schlaf-Verhaltensstörung handelt", sagt Ketter. Normalerweise ist bei Hunden in der Phase des sogenannten tiefen REM-Schlafes die Muskulatur teilweise gelähmt, damit sie eben nicht plötzlich losrennen können. Funktioniert dieser Mechanismus nicht, kann sich der Hund verletzen.

Wer mit Ketter beliebte Tiervideos aus dem Netz mit vermeintlich tollpatschigen oder über-emotionalen Tieren durchgeht, hört bemerkenswert oft die Vermutung der Tierärztin, dass es sich beim Video-Protagonisten um ein krankes Tier handelt. Oder eines, das unter einer Verhaltensstörung leidet.

Wie sollen Laien beurteilen, ob ein Tier leidet?

Dennoch ist die Beliebtheit solcher Clips groß: Millionenfach werden sie gelikt, selbst von Tierfreunden. Der Gedanke, dass die Tiere in den Clips leiden könnten, kommt den meisten Nutzer offenbar nicht. Oder er wird verdrängt, ähnlich wie bei weit verbreiteten Netzvideos von Menschen, die beim Gehen ausrutschen, neben das Trampolin springen oder einen Gegenstand ins Gesicht gepfeffert kriegen: Aua, muss wehgetan haben. Tja, wird schon nicht so schlimm gewesen sein.

In der Pannenshow des Internets gehen Nutzer stets davon aus, dass schon nichts passiert sein wird, wenn das Video zu Ende ist. Wie bei Hund Bizkit. Nutzerkommentare zeigen, dass viele Laien vermuten, der Hund habe eben einen sehr realen Hundetraum.

Doch wie können wir den Unterschied zwischen harmlosem und krankhaftem Verhalten erkennen?

Anders als beim Menschen ist es beim Tier nicht ohne Weiteres möglich, sich in dessen Situation hineinzuversetzen. Der Versuch führt oft zu Fehleinschätzungen, wie beim vermeintlich schlafwandelnden Bizkit. Ketter warnt davor, die Situation der Tiere zu vermenschlichen.

Wer vermeiden möchte, Videos von vermutlich leidenden Tieren mit einem Like zu quittieren, kann auf einige Hinweise achten:

Selbstverletzung
In einem Video mit dem Titel "Dümmster Hund der Welt" ist ein Hund zu sehen, der scheinbar seinen Kauknochen gegen die eigenen Hinterläufe verteidigt.
Über vier Millionen Mal haben das die Nutzer angeklickt. "Ein gesunder Hund wüsste sehr wohl, dass er seine Ressource nicht gegenüber seiner Hintergliedmaße verteidigen muss", so Ketter. Sie vermutet hier eine "epileptische Komponente". In jedem Fall sei das kein "Normalverhalten" und sicher kein Video, das sie zur Belustigung teilen würde, sagt Ketter.
Angst, Panik, Stress
Viele Tiervideos im Netz zeigen Katze oder Hunde, die scheinbar grundlos ausrasten, fauchen, arglose Menschen attackieren. Im Titel wird den Tieren von den Besitzern und Urhebern der Videos oft das Attribut "mad", also frei übersetzt "durchgeknallt", verliehen.
Tiere aber, die so reagieren, erklärt Ketter, haben oftmals Angst, sind in Panik. Der Tierbesitzer bringt sie also auf jeden Fall während des Filmens in eine Stresssituation. Egal, ob das bewusst geschieht oder auch das Frauchen oder Herrchen die Signale seines Tiers nicht deuten kann: Für Ketter spricht ein solches Tierverhalten in Videos gegen das Teilen.
Sie begutachtet das Video einer besonders aggressiven Katze, die sich unter einem Tisch versteckt und den Fuß des Filmers anfaucht. Solche Katzen hat auch Ketter in Behandlung. "Da ist es wichtig, vorsichtig vorzugehen, damit man die Katze dazu bringen kann, nicht mehr so auf Menschen zu reagieren und sich in ihrer Umgebung wieder wohl zu fühlen."
Das ist aber ziemlich genau das Gegenteil dessen, was in dem Video zu sehen ist: 36 Millionen Mal wurde angeklickt, wie die Katze unter einen Tisch in die Ecke gedrängt wird, wie sie immer lauter faucht und versucht, sich gegen die vermeintliche Gefahr zu verteidigen.
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Nicht alles, was seltsam aussieht, muss ein Leiden sein. Tiere, die Laute von sich geben als würden sie sprechen, können dieses Verhalten ganz ohne Krankheiten entwickeln.(Bild: Screenshot/YouTube)
Wird die Situation für das Tier aufgelöst?

Doch nicht jede auffällige Reaktion von Tieren muss zwangsläufig auf gestörtes Verhalten hindeuten.

In manchen Videos geben Hunde zum Beispiel seltsame Laute von sich, sie knurren, geben oder fletschen die Zähne. Selbst die absurdesten Verhaltensweisen könnten aber antrainiert sein. "Solche Dinge können sich im Umgang von Halter und Tier auch ergeben", sagt Ketter.

Auch dieser Rottweiler ist nicht aggressiv oder unter Stress. Im Video hört man, wie der Besitzer deutliche Signale gibt. Auf etwas Knurren folgt eine Belohnung, und der Hund hört sofort wieder auf. Das alles spricht für antrainiertes Verhalten.(Bild: Screenshot/YouTube)

Das macht es schwerer, das Tierverhalten in den Netzvideos richtig zu deuten. Meistens aber gibt es im Bildmaterial doch Hinweise: "Der Laie kann das unter Umständen anhand der Signalgebung des Besitzers erkennen", sagt Ketter. "Reagiert das Tier auf ein Wort- oder Handsignal, deutet das auf antrainiertes Verhalten hin.

Einen großen Unterschied mache laut Ketter außerdem, ob ein Tier die Situation für sich auflösen kann oder nicht. Im Internet hat sich beispielsweise der Video-Trend entwickelt, bei dem Besitzer ihre Katzen mit Gurken erschrecken (bento) und die Reaktion filmen.

Schon fast ein eigenes Genre unter den Tiervideos: Katzen, die mit Gurken erschreckt werden. Die Katze fühlt sich am Futterplatz sicher und bemerkt die Gurke zunächst nicht.(Bild: Screenshot/YouTube)
Der Schreck ist dann aber umso größer. (Bild: Screenshot/ YouTube)

Das eigene Tier zu erschrecken sei prinzipiell keine gute Idee, sagt Ketter. Doch je nach Ausführung sei der vermeintliche Scherz unterschiedlich schlimm für das Tier. Werden die Tiere am Futterplatz erschreckt und türmen, ohne die Situation durchschaut zu haben, trauen sie sich möglicherweise tagelang nicht mehr aus ihrem Versteck. Auch nicht zum Fressen. "Das kann ernstzunehmende gesundheitliche Folgen für die Katze haben", warnt die Expertin.

In anderen Videos erkennen die Tiere aber nach dem ersten Schreck, dass von der Gurke keine Gefahr ausgeht. Manche essen sie sogar.

Ob ein Tier in einem Video leidet oder nicht, lässt sich häufig also nur durch genaues Hinschauen sagen, und auch dann nicht mit letzter Sicherheit. Teilen sollte man Tiervideos aber nur, wenn man sich sicher sein kann, dass die alte Pannenshow-Floskel tatsächlich gilt:

"Zum Glück ist ihnen nichts passiert."

Dieser Artikel ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.


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