Bild: Dominik Pichler
Michael Buchinger im Hass-Interview

Der Dezember war ein guter Monat für Michael Buchinger. Der österreichische YouTuber ist vor allem für seine monatlichen Hasslisten bekannt, eine Anti-Geste in Zeiten von gesponserten Beauty-Hauls und kitschig inszenierten Paar-Momenten.

Silvester hasst er, Weihnachten auch. Die öffentlichen Verkehrsmittel in Wien sowieso und Menschen, die sich im Club vordrängen. Studenten, die dir ein schlechtes Gewissen machen, weil du “nur“ vier Kurse belegst statt sieben und Leute, die sagen, Liebe wäre die stärkste Macht der Welt.

Seine ersten Videos hat er mit 15 im ostösterreichischen Burgenland gedreht, mittlerweile hat der 23-Jährige über 110.000 Abonnenten. "Nur noch ein Buchinger Video, dann geh ich schlafen!“ - Dinge, die man sich vornehmen, aber sicherlich nicht einhalten kann. Dafür ist Michael einfach zu lustig. Er hält nichts von politisch korrektem Humor aus dem Frühstücksfernsehen und beschäftigt sich als Anglistik-Student lieber mit den Oscars als mit dem G7-Gipfel.

Wer Michael nach den Semesterferien mit einem Lächeln an der Uni sehen möchte, muss schon einen Handstand machen. Oder einen besonders guten Wein dabei haben.

Wir haben mit ihm über sein Lieblingsthema gesprochen: Hass.

Andere zeigen ihren Beautyschrank, du deine ungefilterten Emotionen. Wieso ist Hass so ein zentrales Thema in deinen Videos?

Ich wollte keine Favoriten-Videos machen, weil das alle machen. Ich wollte immer schon ein bisschen anti-sein und dachte mir: Ich mache genau das Gegenteil, nämlich Hass-Listen. Das ist dann ganz gut angekommen.

Nordkorea testet Bomben, Krieg in Syrien und auch sonst bilden die Nachrichten alle Facetten des menschlichen Irrsinns ab. "Es gibt wirklich Wichtigeres, über das man sich aufregen könnte, als Menschen in der U-Bahn!" Kennst du den Vorwurf?

Ich bekomme sowas ständig zu hören. Ich denke mir: Es gibt immer etwas Schlimmeres. Es wird immer Menschen geben, denen es schlechter geht, aber das macht meine Probleme nicht weniger schlimm. Höchstens im direkten Vergleich.

Das Ziel meiner Videos war für mich von Anfang an, meine Zuseher zu unterhalten und fünf Minuten lang ihren Alltag vergessen zu lassen. Ich versuche daher bewusst, harte Themen in meinen Vlogs zu vermeiden, obwohl ich mich privat natürlich mit ihnen auseinandersetze. Trotzdem möchte ich mich gerne weiterhin auf YouTube über meinen Alltag auslassen können.

Hast du schon einmal einen Hasskommentar geschrieben?

So richtig hasserfüllt? Glaube ich nicht. Wenn, war es eher konstruktive Kritik. Ich weiß ja, wie sich das anfühlt. Für mich ist ein typischer Hasskommentar böse und anonym, und das habe ich noch nie getan. Wenn, dann war es böse und unter meinem Namen.

(Bild: Dominik Pichler)

Was denkst du über Leute, die Gemeinheiten unter deine Videos posten?

Ich finde das ganz witzig! Früher, da hat es mich wirklich gestört. Ich dachte mir, es muss mich nicht jeder mögen. Aber je mehr ich das lese, desto öfter denke ich mir: Naja, jetzt hast du schon alles gehört. Außerdem geben die Kommentare guten Stoff für Videos. Ich hasse selbst so viel auf YouTube, dass es komisch wäre, wenn ich keinen Hass vertragen würde. Meine Freunde finden mich super und ich tu das auch. Es ist okay, wenn es Menschen gibt, die das nicht so sehen.

Was ist so befriedigend am Hassen?

Ich finde den Prozess an sich sehr emotional. Man kann sich gut abreagieren, deshalb liebe ich es, im Internet rumzuhassen.

Ich bin im realen Leben eine harmonischere Person, wenn ich den Dreck im Internet lasse.

Es ist doch so: Wenn man mit anderen Menschen etwas finden kann, über das man abhaten kann, ist etwas sehr Verbindendes. Das schweißt zusammen, oft noch mehr, als wenn man die gleichen Dinge mag. Ich finde es schade, dass Hass gesellschaftlich nicht gerne gesehen oder erst gar nicht als Hass betitelt wird. Aber im Grunde genommen ist es doch genau das. Wenn man mit dem Wort Liebe um sich wirft, dann kann man das mit Hass genauso. Ich glaube schon, dass eine gewisse Negativität für Freundschaften essentiell ist.

Wieso ist Hass gesellschaftlich so verpönt?

Ich wollte letztens ein paar Dinge bei Firmen durchsetzen, mit denen ich kooperiere. Die haben dann gesagt, sie wollen nicht, dass ich das Wort Hass verwende. Weil es zu real ist. Wenn es Terrorattacken gibt, sieht man das Wort Hass ja auch ganz oft in den Medien. Das ist denen dann zu negativ behaftet. Aber mein Hass ist ja anders als Terror! Terroristen und ich haben höchstens eines gemein, nämlich dass wir uns das Wort teilen.

Wutbürger bist du sicher keiner.

Ich bin zu oberflächlich in meinem Hass. Ich hasse kurz, dann habe ich mich eh wieder beruhigt. Andere Leute haben wahrscheinlich einen tiefergehenderen Hass als ich.

Was ist das Gegenteil von Hass?

Schwer zu sagen. Ich würde schon meinen Liebe. Wobei Liebe ja auch immer sehr breit gefasst ist. Deshalb habe ich diese Hasslisten. Weil es mich stört, wie Menschen das Wort Liebe verwenden: „Ich liebe diesen neuen Lippenstift!“ Sicher? Ich glaube nicht. Wenn die das so freizügig verwenden, dann verwende ich Hass genauso. Ich glaube das Gegenteil von meiner Form des Hasses ist quasi diese Form der Liebe: eben nicht ganz ernst gemeint.

(Bild: Dominik Pichler)

Erich Fromm unterscheidet zwischen reaktivem Hass und charakterbedingtem Hass. Während man bei reaktivem Hass aus einer tiefen Verletzung oder einer schmerzlichen Situation heraus hasst, ist der charakterbedingte Hass - man kann es schon vermuten - von einer bestimmten Persönlichkeitsstruktur abhängig.

Bist du von deiner Persönlichkeitsstruktur her hassend? Ist dein Hass charakterbedingt?

Bei mir entsteht Hass meist aus dem Affekt. Es heißt ja: Man soll sich überlegen, ob das, was einen gerade ärgert, auch noch in einem Jahr relevant sein wird. Aber ich rege mich eben am liebsten gleich total auf, obwohl ich weiß, dass es in einem Jahr total wurscht sein wird.

Ich glaube schon, dass es Leute gibt, die hassen können. Das ist eine eigene Kunst.

Ich reg mich darüber auf und dann ist das Ereignis oder das Gefühl aus meinem System draußen. Das hat etwas richtig Befreiendes.

Was hast du vor einem Jahr denn gehasst?

Das könnte ich mir jetzt ganz einfach im Internet ansehen. Es waren ziemlich sicher Leute in der U-Bahn. Ich habe mich aufgeregt über Leute, die mir im Club meine Privatsphäre rauben oder zu viel Platz einnehmen. Aber an ein konkretes Beispiel kann ich mich nicht erinnern, da hast du Recht.

Über was möchtest du dich dieses Jahr nicht mehr aufregen?

Über Leute, denen ich auf diversen Social Media Plattformen folge. Das finde ich anstrengend. Ich habe mir vorgenommen, denen nicht mehr zu folgen, wenn sie mich aufregen. Das ist doch wirklich etwas, das man beeinflussen kann. Ich will nicht in meine Timeline schauen und denken: Schon wieder, du Arschloch!

Es ist nicht nötig, sich in seiner Freizeit über Menschen aufzuregen, die man mit einem Klick aus seinem Leben löschen kann.