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Gerechtigkeit

"Ich dachte wirklich, wir wären da weiter" – SPD-Politikerin rasiert sich eine Glatze und wird beschimpft
"Die Reaktionen zeigen mir, dass wir nicht gleichberechtigt sind."

Um im Internet beschimpft zu werden, reicht – spätestens – in Zeiten von Corona offenbar auch ein neuer Haarschnitt. Diese Erfahrung musste in dieser Woche Hanna Reichhardt machen. Die 26-jährige Studentin ist stellvertretende Bundesvorsitzende der Jusos, der Jugendorganisation der SPD, und nach eigenen Angaben "Antifaschistin, Internationalistin mit Punk-Vergangenheit". 

Bekannt wurde sie diese Woche jedoch, weil sie sich die Haare abrasierte und ein Foto davon auf Twitter veröffentlichte. Tausende Menschen kommentierten das Bild, vielfach zustimmend, oft aber auch beleidigend oder frauenfeindlich.

Wir haben mit Hanna darüber gesprochen, wie sie die Diskussion um ihr Profilbild erlebte – und was es politisch bedeutet, wenn Frauen bewusst auf ihre Haare verzichten.

bento: Du hast am Montag ein Profilbild veröffentlicht, das dich mit Glatze zeigt. Welche Reaktionen hast du seitdem erhalten?

Hanna Reichhardt: Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich. Ich habe viele positive Rückmeldungen bekommen, aber auch Nachrichten von oft älteren Männern, die sich von meinem Haarschnitt offensichtlich provoziert fühlten. In manchen Nachrichten wurde praktisch mein gesamter Lebenslauf ausgewertet. Manche Männer schrieben mir, ich sei keine Frau mehr und vermutlich arbeitslos. Andere fragten, was meine Eltern nur falsch gemacht hätten. 

Am Dienstag kamen dann E-Mails. Ein rechtsextremer Youtuber hatte mein Bild in seinem Tagesrückblick veröffentlicht, dadurch bekam ich noch mehr Hassnachrichten. Ich prüfe gerade mit Freunden, wie ich mich dagegen wehren kann. Das Bild gehört ja immer noch mir, beziehungsweise dem Freund, der es aufgenommen hat.

bento: Kannst du noch einmal kurz erzählen, wie es überhaupt dazu kam, dass das Bild so viel Beachtung fand wurde?

Hanna: Es ging los, als ein "Bild"-Redakteur mein Foto aufgriff und dazu schrieb, dass so wohl Jusos in Zeiten geschlossener Friseure aussehen. Ich kenne ihn nicht, aber ich glaube, es sollte einfach ein schlechter Witz sein. Was nach seinem Tweet losging, war aber wie eine Lawine. Der Mann hat 40.000 Follower, von denen viele mein Bild weiterverbreiteten und kommentierten.

Ich habe auf seinen Tweet reagiert, er hat darauf aber leider nicht mehr geantwortet. Die Beschimpfungen gingen dennoch weiter. Ein anderer Journalist bezeichnete mich als Mannweibchen, das nicht arbeite, und ein AfD-Abgeordnete erklärte mit meinem Profilbild, dass sich die SPD von ihren Wählerinnen und Wählern verabschiedet habe. Schon irre.