Bild: Salzgeber
Ob Raubtierkapitalismus oder Rassismus – auch abseits von Corona gibt es für die Menschheit einiges zu tun.

Nachdem die Debatten der vergangenen Monate sich vor allem um das Thema Corona drehten, richtet sich das öffentliche Interesse inzwischen auch wieder auf andere Dinge. Alltagsrassismus und Polizeigewalt rücken seit dem gewaltsamen Tode George Floyds in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, ebenso die zunehmende Ausgrenzung queerer Menschen in Polen und Ungarn. (bento)

Durch die Pandemie haben sich einige soziale Probleme sogar noch verschärft: Studien zufolge sind bereits zuvor Benachteiligte von den finanziellen Folgen der Krise besonders betroffen. Außerdem nahm die häusliche Gewalt in den letzten Monaten messbar zu – Opfer waren vor allem Frauen. Auch weil derzeit so vieles im Umbruch ist, könnte genau jetzt die richtige Zeit sein, um den Blick wieder verstärkt auf gesellschaftspolitische Belange jenseits der Pandemie zu richten. 

Diese vier Filme informieren und geben den notwendigen Motivationskick, um sich selbst einzubringen. 

Das Kapital im 21. Jahrhundert (Doku, 2019) 

Derzeit bei Amazon Prime Video inklusive und als Leihoption bei zahlreichen Streaming-Plattformen verfügbar, zum Beispiel bei Sky, Pantaflix und Kino on Demand.

Worum geht es?

Um den Turbokapitalismus als Wurzel zahlreicher Übel, nicht nur als Ursache sozialer Ungleichheit. Regisseur Justin Pemberton hat den gleichnamigen Weltbestseller des französischen Star-Wissenschaftlers Thomas Piketty verfilmt. Neben dem Autor selbst kommen intellektuelle Größen wie Joseph E. Stiglitz, Paul Mason und Francis Fukuyama zu Wort. 

Im Zentrum steht die These, dass nach einer kurzen Phase hoher sozialer Mobilität nun Vermögen wieder wichtiger als Arbeit geworden ist, dass also wieder verstärkt die Geburt darüber entscheide, welches Leben wir führen – nicht so sehr die erbrachte Leistung. Das führe dazu, dass es ähnlich wie in der Aristokratie wieder zur Bildung einer kleinen vermögenden Elite komme, die über Reichtum und Macht verfügt, während sich die Mehrheit mit prekären Jobs ohne Aussicht auf Besitz begnügen muss. 

Diese Perspektivlosigkeit und das Gefühl des Abgehängtseins tragen laut Piketty wieder zum Erstarken von Nationalismus bei: Migrantinnen und Migranten werden zu Sündenböcken, weil sie leichter angreifbar sind als multinationale Konzerne und ihre Bosse, die sich mit unsozialen Steuertricks aus der Verantwortung ziehen.

Der Film motiviert, durch…

…seine Einfachheit und Prägnanz. Klar, dass die Komplexität eines 800 Seiten starken Buches über Wirtschaftsgeschichte nicht eins zu eins ins Filmische übersetzt werden kann. Gerade die Verdichtung ist es allerdings, die die Perversionen des Neoliberalismus in aller Deutlichkeit vor Augen führt: Montagen von Luxusjachten vor den (steuer-)paradiesischen Bermudas, glitzernde Werbeexzesse am Times Square und Konsumorgien zur Weihnachtszeit treffen auf Bilder ausgebeuteter Solo-Selbstständiger, Elendsvierteln und Obdachlosen. 

120 BPM (Spielfilm, 2017)

Derzeit als Leihoption bei Amazon Prime Video, bei Google Play und Vimeo verfügbar.

Worum geht es?

Im Fokus steht die französische Aktivistengruppe "ACT UP", die 1989 nach dem Vorbild der gleichnamigen Organisation aus New York von HIV-Infizierten und Unterstützerinnen und Unterstützern gegründet wurde. Erzählt wird ihre Geschichte vor allem aus der Perspektive des jungen, energischen Sean (Nahuel Pérez Biscayart) und des eher zurückhaltenden Nathan (Arnaud Valois), der sich in Sean verliebt. 

Gemeinsam setzen sie sich dafür ein, dass die Politik endlich Maßnahmen ergreift, um gegen die Ausbreitung der verheerenden Seuche vorzugehen, und fordern Pharmaunternehmen auf, intensiver an entsprechenden Medikamenten zu forschen. Außerdem kämpfen sie gegen das Stigma an, das die Gesellschaft den Infizierten anheftet.

Der Film motiviert, durch…

…die faszinierende Dynamik zwischen den Aktivistinnen und Aktivisten. Ein Großteil der Geschichte wird über die leidenschaftlichen Debatten der Gruppe erzählt, die trotz wiederkehrender Streitigkeiten von einem echten Gemeinschaftsgefühl zusammengehalten wird. 

Regisseur und Drehbuchautor Robin Campillo war selbst bei ACT UP aktiv. Vielleicht gelingt es dem Film auch daher, bei aller Dringlichkeit nicht nur von der wütenden Verzweiflung, sondern auch der Hoffnung auf Besserung zu erzählen. 

#Female Pleasure (Doku, 2018)

Als Leihoption bei zahlreichen Streaming-Plattformen verfügbar, zum Beispiel bei iTunes, Maxdome und Amazon.

Worum geht es?

Fünf persönliche Geschichten, die exemplarisch für das Unrecht stehen, das Frauen überall auf der Welt im Namen der Religion oder Kultur zugefügt wird: Von der somalischen Aktivistin Leyla Hussein, die selbst weibliche Genitalverstümmelung erfahren hat und nun darüber aufklärt, bis zur ehemaligen Ordensfrau Doris Wagner, deren sexueller Missbrauch durch einen Vorgesetzten weder strafrechtlich noch durch die katholische Kirche geahndet wurde. 

Die Schweizer Regisseurin Barbara Miller sprach mit ihnen und anderen über ihren Kampf für (sexuelle) Selbstbestimmung. Die wohl bekannteste Protagonistin des Films ist jedoch Deborah Feldman, die für die Dokumentation durch die Straßen der ultraorthodoxen Gemeinde in New York fährt, aus der sie mit 23 Jahren geflohen ist – ihre Memoiren "Unorthodox" wurden gerade im Rahmen einer Netflix-Miniserie verfilmt. (SPIEGEL)

Der Film motiviert, durch…

…die erbauliche Botschaft, dass sich der Kampf gegen scheinbar unüberwindbare Widerstände lohnt, denn für die fünf Frauen hat sich ihr Leben zum Besseren gewendet. 

I Am Not Your Negro (Doku, 2017)

Derzeit im Netflix-Abo sowie gratis bei der Bundeszentrale für politische Bildung.

Worum geht es?

Medgar Evers, Malcolm X und Martin Luther King – sie alle wurden innerhalb von nur fünf Jahren ermordet. Eigentlich wollte Schriftsteller James Baldwin nach dem gewaltvollen Tod seiner drei Freunde ein Buch über die Situation der Schwarzen in den von Rassismus geprägten USA schreiben. 

Sein dreißigseitiges Manuskript für dieses nie verwirklichte Projekt hat Regisseur Raoul Peck 2017 in eine ebenso sprach- wie bildgewaltige Dokumentation übersetzt. Die scharfsinnigen Beobachtungen Baldwins, der in den 1950ern und 1960ern zu einem wichtigen amerikanischen Intellektuellen avancierte, werden mit starkem Archivmaterial, Filmsequenzen und Nachrichtenschnipseln aus den letzten zehn Jahren zu einer eindrucksvollen Montage zusammengesetzt.

Der Film motiviert dazu, aktiv zu werden, weil…

…sein Thema trotz der fünfzig Jahre alten Quelle brandaktuell ist. Bilder rassistischer Übergriffe auf die ersten Schwarzen Schülerinnen und Schüler, die 1957 in Little Rock eine High-School besuchten, verschmelzen mit den Ausschreitungen von Ferguson 2014 – und erinnern unweigerlich an George Floyd und die menschen- und demokratiefeindlichen Reaktionen auf die die Black-Lives-Matter-Proteste


Fühlen

"Wer ist bei uns der Mann?" – Warum Heteronormativität auch queere Beziehungen beeinflusst

Emily, 24, ist seit zwei Jahren mit ihrer Freundin Jess, 24, zusammen. Die beiden leben gemeinsam in London und betreiben einen Youtube-Channel. In ihren Videos zeigen sie sich ganz ungezwungen und erzählen, wie sie sich als lesbisches Paar in einer heterosexuellen Welt zurechtfinden, die sie immer wieder mit heteronormativen Rollenklischees konfrontiert.

Heteronormativität bezeichnet eine Weltanschauung, die Heterosexualität als den Normalfall ansieht. Eine Weltanschauung, die dazu führt, dass sich zwei verliebte Frauen immer wieder Fragen anhören müssen wie: “Wer ist denn der Mann und wer die Frau in eurer Beziehung?” Und weil diese Weltanschauung so vorherrschend ist, beeinflusst sie auch die Beziehungen von queeren Menschen.

So erzählt Jess, dass sie in ihrer Beziehung oft als der "männliche" Part wahrgenommen wird. “Ich bin in Beziehungen der dominantere Teil. Ich bin sehr beschützend”, sagt sie. Uns werde beigebracht, dass traditionellerweise Männer die Frauen beschützen. Dabei sei diese Dominanz für Jess keine Rolle, sondern ihr Naturell. Außerdem, da sind sich die beiden einig: Je nach Situation können sich die Rollen auch immer vermischen, auch sie sei manchmal dominant, sagt Emily. “So einseitig ist das auch gar nicht!“

Doch andere Menschen scheinen sich trotzdem zu wünschen, dass jede Beziehung in altbekannte Muster einzusortieren ist. Schuld daran ist das Schubladendenken einer heterosexuellen Welt, erklärt Umut Özdemir, Sexualpsychologe an der Charité in Berlin. "Problematisch kann es werden, wenn man als queerer Mensch versucht, sich an Kategorien oder Normen zu orientieren, die es so in der 'queeren Welt' nicht gibt."