Auf YouTube gibt ein Journalist Nachhilfe in Geschichte – und hat mehr als 400.000 Follower. Warum schauen ihm so viele Jugendliche zu? Was finden sie bei ihm, was sie in der Schule vermissen?

Die Zuschauer deines YouTube-Kanals sind durchschnittlich 17 Jahre alt – und schalten ein, obwohl Sie über Brexit, Landtagswahlen oder Eurokrise sprechen. Wie schaffen Sie das?
Schüler – und übrigens auch Erwachsene – haben grundsätzlich eine Abneigung gegenüber allem, was zu pädagogisch daherkommt. Wenn man sich aber in der Lebenswelt der Leute bewegt, die man erreichen will, kann man fast jedes Thema vermitteln, sogar das Rentensystem. Es kommt auf die Ansprache an - und wie man die Inhalte verpackt.
Gib mal ein Beispiel für eine gute Verpackung.
Ich wollte ein Video machen über Lohnabzüge und das Sozialversicherungssystem. Sehr sperrig, das würde sich normalerweise niemand angucken. Ich habe dann einen Gehaltszettel von mir gezeigt und erklärt, warum die Zahl nach den ganzen Abzügen nicht mehr so schön aussieht, wo das Geld hingeht und wer das kriegt.

Damit die Zuschauer dranbleiben, muss ich sie in den ersten 30 bis 40 Sekunden neugierig machen. Beim Video über Inklusion habe ich am Anfang Fragen gestellt: Was habt ihr heute gemacht? Stellt euch vor, ihr hättet im Rollstuhl gesessen. Hätte das alles dann auch so funktioniert?

Mirko Drotschmann

Mirko Drotschmann, Jahrgang 1986, nennt sich auf YouTube MrWissen2go. Auf der Plattform erklärt der Historiker, Autor und Journalist geschichtliche Ereignisse und aktuelle Themen.

Wie bist du auf die Idee für den Kanal gekommen?
Meine Frau hat auch einen YouTube-Kanal, und ich fand schon immer das direkte Feedback und das Verhältnis zu den Zuschauern spannend – auch aus journalistischer Sicht.

Nachdem ich eines Tages mit meinem Schwager für seine Abi-Geschichtsklausur gelernt und er verstanden hatte, was ich ihm sagen wollte, habe ich den Versuch bei YouTube gewagt.
Wie entscheidest du über die Themen?
60 bis 70 Prozent sind Zuschauerwünsche. Was besonders häufig nachgefragt wird, versuche ich umzusetzen. Den Rest überlege ich mir selbst. Dabei gehe ich nach Aktualität oder greife Themen auf, die ich wichtig finde.

Zum Terror in Nizza habe ich selbstverständlich etwas gemacht, aber auch zu Magersucht oder der Frage, woher der Hass kommt zwischen Veganern und Fleischessern.

Schüler melden sich bei dir, damit du ihnen mit YouTube-Clips die Welt erklärst. Sollten sie das nicht in der Schule lernen?
Schüler schreiben mir oft, dass ihre Lehrer zu selten auf aktuelle Themen eingehen. Die Jugendlichen wollen wissen, was in Syrien los ist, warum Griechenland am Rand einer Pleite steht oder wieso in der Türkei ein Putsch versucht wurde.

Ältere Schüler wollen häufig auch praktische Dinge wissen, zum Beispiel, was sie bedenken müssen, wenn sie ihr erstes Auto kaufen oder eine Wohnung mieten wollen, welche Versicherungen sie brauchen oder wie sie eine Steuererklärung machen können.
Der Unterricht ist also nicht zeitgemäß?
Die Lehrpläne sind zu voll. Die Lehrer haben kaum Zeit, auf aktuelle Themen oder Wünsche der Schüler zu reagieren. Sie sind die Getriebenen des Systems – daran müsste man etwas ändern.
Was genau sollte geändert werden?
Aus meiner Sicht muss nicht jeder Schüler in der Schule Latein gehabt haben oder sich jahrelang mit Goethe und Schiller beschäftigen. Um die Schüler zu erreichen und zu begeistern, sollten Lehrer die Möglichkeit haben, auch mal mit der Zeit zu gehen und im Deutschunterricht zum Beispiel Texte von Haftbefehl zu analysieren.

Das kann man auf fast alle Fächer herunterbrechen: In Bio könnte man über Präimplantationsdiagnostik sprechen, weil das in den Medien ist. Und auch in Mathe gibt es definitiv Bereiche, die später wichtiger sind als die Kurvendiskussion.

Ich habe mir als Schüler selbst gewünscht, Wahrscheinlichkeitsrechnung oder Statistik intensiver zu lernen - denn das hätte ich gebrauchen können. Das Problem liegt aber auch in der Lehrerausbildung.

Du bist selbst häufig bei Lehrerfortbildungen. Was läuft in der Ausbildung schief?
Viele bekommen noch Methoden aus den Siebzigerjahren beigebracht, wonach der Lehrer wie ein Dozent auftritt. Ein guter Lehrer sollte aber wie ein Journalist sein, der weiß, wie seine Zielgruppe tickt, damit er sich immer wieder neu auf sie einstellen kann.

Heute müssten Lehrer also wissen, was Snapchat und Instagram und wer die YouTube-Stars ihrer Schüler sind. Viele Lehrer machen so etwas aber auch schon, und das finde ich super.
Das ist neben allem anderen, was Lehrer leisten müssen, ganz schön viel verlangt.
Finde ich nicht. Mein Lehrer hat immer von Schallplatten gesprochen, obwohl wir alle CDs gehört haben. Sorry, aber so jemandem nehme ich vieles nicht ab. Heute wiederum würden mich die Schüler nicht ernst nehmen, wenn ich von CDs spreche, weil sie nur noch MP3s hören oder auf Spotify unterwegs sind.

Neue Medien sind nicht das Allheilmittel, aber es hilft schon, wenn man sie ab und zu im Unterricht einsetzt und so auch einen Bezug herstellt zu den Formen, wie sich die Kids außerhalb der Schule informieren und kommunizieren.
Wirkt das nicht eher anbiedernd und plump, wenn ein Lehrer erst ein paar Tweets von Erdogan vorliest und dann als Hausaufgabe aufgibt, Seite 85 bis 107 im verstaubten Geschichtsbuch zu lesen?
Naja, da wäre ich nicht so streng. Außerdem passiert bei Schulbuchverlagen gerade einiges. Zum Beispiel gibt es in einigen Büchern bereits QR-Codes: So kann man einen Text lesen über die Sportpalast-Rede von Joseph Goebbels und dann den Code scannen und sich die Rede im Video anschauen. Das ist perfekt. Ich hoffe, da kommt noch mehr.

Dieses Interview ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.

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