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Was die Neuauflage des Klassikers "Die Welle" anders macht – und warum sich das Gucken lohnt

Was passiert, wenn man eine Schulklasse in ein straff autoritäres Regelsystem zwängt und sie für Kritik und Fehlverhalten bestraft, für Gehorsam aber belohnt? Die Antwort auf diese Frage ("Sie werden Faschisten") findet man im Roman "Die Welle", der in Deutschland und Österreich in vielen Schulen zur Standardlektüre gehört. 2008 wurde der Stoff zuletzt verfilmt, mit Jürgen Vogel in der Hauptrolle.

Auf Netflix startet am 1. November eine Neuauflage des Klassikers – und nimmt sich vor, den Stoff komplett neu zu denken. Nun geht es um die Frage: Was passiert, wenn man Schülerinnen und Schülern nicht totalitäre, sondern systemkritische linke Gedanken einimpft? 

Schwappt die Welle auch in die andere Richtung? 

Gedreht wurde "Wir sind die Welle" in Gelsenkirchen, die Handlung spielt allerdings in der fiktiven Stadt Meppersfeld. Deren Geschwister-Scholl-Gymnasium ist eine durchschnittliche deutsche Schule: Streber, bauchfrei tragende Insta-Mädchen und Ökos teilen zwar das Klassenzimmer, ansonsten aber nicht viel.

(Bild: Netflix)

Das ändert sich, als ein neuer Schüler in die Oberstufe kommt. Der Neue, Tristan Broch, ist der linksalternative Traumtyp, vor dem Mama immer gewarnt hat: Der 17-Jährige spricht fließend arabisch, hilft den Schwachen, kämpft mutig gegen Rechtsradikale, kann Schlösser knacken und Rauchbomben bauen, spielt Beethoven am Klavier und kennt zur Klassenarbeit am ersten Schultag den Schlachtruf der Rebellen im Algerienkrieg auswendig. Man merkt schnell: Bei "Wir sind die Welle" wird nicht dünn aufgetragen. Haben wir erwähnt, dass Tristan aussieht wie der junge Heath Ledger? 

Mit seiner Revoluzzer-Attitüde schüttelt er jedenfalls mal eben das soziale Gefüge der Schule durcheinander. Am ersten Tag mahnt er Mobbingopfer Zazie: 

„Die werden nie aufhören, wenn du dich nicht wehrst.“
Tristan

Ein Satz, der sich wie ein Motto durch die ganze Serie zieht. Denn genau das tun Tristan und seine neuen Anhänger nun: Sie wehren sich. Gegen den Aufstieg der Rechten, gegen Umweltverschmutzung und gesellschaftliche Ungerechtigkeit.

Nicht nur die Protagonisten, auch die Feindbilder werden dabei mit sehr grober Schere ausgeschnitten: Die blau-rot-weißen Plakate der NfD-Partei etwa erinnern nicht gerade subtil an die wirklichen Rechtspopulisten der AfD. Auch gierige Miethaie, arrogant-sexistische Großindustrielle und schießwütige, Vegetarier hassende Cops mit Mettbrötchen sind zur Stelle.

Jede Ungerechtigkeit des Kapitalismus, der Rechtsruck und die Umweltzerstörung werden in "Wir sind die Welle" zum Endgegner jugendlichen Idealismus zusammengegossen. Leider versäumt es die Serie dabei, den Gegnern tatsächlich Tiefe zu geben. Sie sind eindimensional böse. 

Die Lösungsansätze der fiktiven Teenager für die Probleme sind ebenso einfach: Demütigung, Rache, Vernichtung. Mit Gewalt für den Frieden. 

Die Gruppe um Tristan wird bald vom viralen Internet-Spaß zum linksextremen Guerilla-Kommando. Einbrüche, Entführung und Körperverletzung – kein Mittel ist zu krass. Bei ihren an "Oceans Eleven" erinnernden Aktionen verbrauchen die Teenager mehr falsche Schnurrbärte als ein Freddie-Mercury-Kostümwettbewerb.

Foto der Dreharbeiten von "Wir sind die Welle". 

(Bild: Netflix)

Als Zuschauer fragt man sich zunehmend: Ist das wirklich der Weg in eine bessere Welt? Und wenn nicht: Was wäre die Alternative? 

Die Frage, die "Wir sind die Welle" stellt, ist dabei hochaktuell: Mit welchen Mitteln kann man gegen ein destruktives System vorgehen? 

In der Realität übt sich – nicht unumstritten – "Extinction Rebellion" für das Klima im zivilen Ungehorsam, die "SOKO Tierschutz" schleust sich in Labore ein, um Tierquälerei zu dokumentieren. Bei G20 hingegen erwiesen die Bilder des brennenden Schanzenviertels der Kapitalismuskritik einen Bärendienst. (bento)

Die Serie sei für die "Generation 2019" gemacht, sagt der ausführende Produzent Dennis Gansel, der schon beim Film von 2008 Drehbuch und Regie verantwortete. Er findet: "Mehr Zeitgeist geht nicht." 

Zum Zeitgeist gehört aber auch, dass die größere Gefahr heute von Rechts kommt. Zwischen 1990 und 2018 sind in Deutschland mindestens 83 Menschen durch rechtsextreme Gewalt zu Tode gekommen (Tagesspiegel). Der Mord an Walter Lübcke oder das Attentat von Halle sind in dieser Statistik noch nicht erfasst. 

Dieser Rechtsruck wird in der Serie nicht ausgeblendet, sondern als Triebfeder der fiktiven linken Gegenbewegung genutzt. Die erste Gewalt übt die Gruppe um Tristan bei einer Schlägerei mit rechtsradikalen Mitschülern aus. Ein verbindendes Moment, das die Gruppe motiviert, mehr zu tun – und extremer zu werden. 

Handwerklich ist das meist schick gemacht, auch der Soundtrack mit Billie Eilish und düsteren Elektro-Beats passt zur "Wir-gegen-den-Rest-der-Welt"-Stimmung. Störend bleiben hingegen die plakativen, unterentwickelten Charaktere, die so sprunghafte und überzeichnete Entscheidungen treffen, dass man sich sich als Zuschauer manchmal etwas für das Script schämt. Die Wandlung vom frustrierten Öko zum gewaltbereiten Nazijäger schafft Tristans Mitschüler Hagen hier schon in der ersten Episode. 

Und die Moral von der Geschicht?

Das "Welle"-Original zeigte damals, wie ein Totalitarismus-Experiment langsam außer Kontrolle gerät. Und wie attraktiv die Macht und das Gemeinschaftsgefühl des Systems für Außenseiter ist. 

In der neuen Serie hingegen werden die Schülerinnen und Schüler durch äußere Umstände und Systemversagen in die Revolution getrieben. Kontrolle haben sie eigentlich nie. Ihre Aktionen sind auch nie Spiel, sondern direkt brutaler Ernst. So fehlt am Ende aber leider die Erkenntnis, was einem das alles sagen will. Friedlicher Protest ist moralisch der Gewalt überlegen, vielleicht. Auch unter Linken gibt es einige verlorene Seelen, wäre auch möglich. Aber so ganz genau weiß man es nicht. 

"Wir sind die Welle", 6 Folgen mit je 45 Minuten, ab 1. November auf Netflix. 


Fühlen

Die vergessenen Kinder des Krieges: Ajna Jusić wurde bei einer Vergewaltigung gezeugt
Heute kämpft sie für die Rechte von Kriegskindern in Bosnien

Ajna Jusićs Vater ist ein Kriegsverbrecher. Erst mit 15 erfährt sie davon. Über den Krieg denkt Ajna in ihrer Kindheit nicht viel nach, auch nicht, wer ihr Vater ist. Sie weiß es nicht, antwortet sie, wenn andere Kinder fragen.

Erst als sie die Schule wechselt, und andere Teenager beginnen, Andeutungen zu machen, begreift Ajna, dass etwas faul ist. Sie forscht nach. Irgendwann hält sie einen Schuhkarton in der Hand, in dem ihre Mutter alle wichtigen Dokumente aufbewahrt. In einer Akte liest sie schließlich, dass ihre Mutter in einem Heim für Frauen lebte, die während des Bosnienkriegs systematisch vergewaltigt wurden. Und, dass sie als erstes Baby in der Medica Zenica Assoziation, einem Zentrum für Vergewaltigungsopfer, aufgewachsen ist. Ein Kind des Krieges. 

7000 solcher Kinder gibt es, schätzt die "Forgotten Children of War Association", ein Zusammenschluss betroffener Frauen und Männer. Niemand weiß genau, wie viele Kinder aus Vergewaltigungen im Bosnienkrieg 1993 bis 1995 gezeugt worden sind. Klar ist, dass es sehr viele Übergriffe gab: "Wir sprechen von 25.000 bis 50.000 Frauen", sagt Ajna. Sie nennt sie nicht "vergewaltigte Frauen", sondern "Überlebende". Wie ihre Mutter. 

Der habe sie zu verdanken, wer sie heute ist: eine Aktivistin für die Rechte der "vergessenen Kinder". 

Es ist Vormittag in der geschäftigen Innenstadt Sarajevos. Im Krieg fielen 3700 Raketen auf die Hauptstadt Bosniens. Alle 22 Sekunden eine, erzählt Ajna, Regenbogensocken und Stracheldrahttattoo auf der Wade, während sie zu einem Café läuft. Sie fährt sich durch die kurzen, dunklen Haare, lässt sich auf einen Holzstuhl fallen. "Ich habe nur eine Stunde." 

Vor eineinhalb Jahren ist ihre Geschichte ihr Job geworden. Routiniert erzählt sie davon, so, als ginge es um das Wetter. In Wirklichkeit hat Ajna zweineinhalb Jahrzehnte gebraucht, bis sie entschied, öffentlich darüber zu sprechen: "Es ist schwierig. Aber es ist wichtig für die Kinder und die Überlebenden", sagt sie und fächert sich mit der Speisekarte Luft zu.

Ajna, heute 25, leitet die Forgotten Children of War Association. Vor zwei Jahren saßen 60 betroffene Kinder und Mütter in einem großen Saal in Sarajevo das erste Mal zusammen. Seitdem schlossen sich die "vergessenen Kinder des Krieges" in einem Netzwerk zusammen, das über bosnische Grenzen hinausgeht. Das Problem ist fast überall das gleiche: Die Rechte der Kinder des Krieges, vergessen in einem Konflikt um Ethnien.