Bild: Netflix

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In diesem Beitrag verraten wir ein bisschen was über die Serie, das Spiel oder den Film — aber eigentlich nichts, was dir den Spaß verderben könnte.

Worum geht es in der Serie "Making a murderer“?

Das wütende Gefühl von Ungerechtigkeit steigt in einem auf, schaut man die neue True-Crime-Serie "Making a murderer“ auf Netflix.

Sie dreht sich um den amerikanischen Automechaniker Steven Avery aus Wisconsin. 1985 wird er wegen Vergewaltigung verhaftet und verurteilt. 18 Jahre sitzt er im Gefängnis, bis ein neu entwickelter DNA-Test seine Unschuld beweist. Der wahre Mörder, Gregory Allen, wird dank des Tests überführt. Avery verklagt den Bezirk auf 36 Millionen US-Dollar Schadensersatz. Das bringt die zuständigen Polizisten in Erklärungsnot. Die ungerechtfertigte Verurteilung löst beim Zuschauer ein erstes Gefühl von unangenehmer Ohnmacht aus. Das alleine könnte schon als Stoff für eine Dokumentation reichen. Doch es ist erst der Anfang der Serie. Ein Justizskandal, über den ganz Amerika spricht.

Denn kurz darauf klingelt die Polizei erneut bei Avery. Er wird von der Polizei verdächtigt, die 25-jährige Fotografin Teresa Halbach ermordet zu haben. Ihr Auto wird auf Averys Grundstück gefunden.

Die zwei Dokumentarfilmerinnen Moira Demos und Laura Ricciardi haben zehn Jahre lang den Fall Avery begleitet. Aus 700 Stunden Filmmaterial ist eine zehnteilige Doku entstanden, die seit Ende Dezember bei Netlfix läuft. Und das unheimlich erfolgreich.

(Bild: Danielle Ricciardi/Netflix)
Welche anderen Formate gibt es?

"Making a murderer“ ist nur ein Beispiel für den aktuellen Boom der True-Crime-Formate. Angefangen hat dieser Hype 2014 im Radio mit der Podcast-Serie "Serial“. Die amerikanische Journalistin Sarah Koenigs arbeitet hier den Mordprozess um den Schüler Adnan Syed auf. Er wurde dafür verurteilt, seine Ex-Freundin umgebracht zu haben. Letztes Jahr hat der US-Sender HBO die Doku-Serie "The Jinx“ veröffentlicht. Darin geht es um Morde, die der New Yorker Immobilienmoguls Robert Durst begangen haben soll. Auch in Deutschland wird das Format True-Crime immer beliebter. Der Stern hat Mitte 2015 das Magazin "Stern Crime“ auf den Markt gebracht, in dem es ausschließlich um echte Kriminalfälle geht.

True-Crime ist nicht neu. In Deutschland versuchte sich in den Sechzigerjahren die Serie "Aktenzeichen XY" im ZDF daran, echte Kriminalfälle zu lösen. 1965 erzählte der Roman "Kaltblütig“ von Truman Capote packend die Geschichte eines Mordes an einer vierköpfigen Familie. Einen größeren Medienrummel entfachte viel früher, bereits Ende des 19. Jahrhunderts, der Londoner Serienmörder Jack the Ripper. (The Guardian)

(Bild: Netflix)
Warum sind True-Crime-Formate wie "Making a murderer“ aktuell so erfolgreich?
1. Krimi-Themen ziehen immer

Serien wie "Making a murderer“ sind zwar eine besondere Art des Krimis, aber die Grundelemente des Genres greifen auch hier. "In den Krimi-Formaten geht es meistens um Schmerz, Angst, Hass, Liebe – um die großen Gefühle“, sagt Medienwissenschafter Jens Ruchatz. Und das scheint sich besonders gut zu verkaufen. Außerdem sei der Horrorfaktor auch wichtig. "Die Zuschauer gruseln sich auf eine angenehme Weise, da sie sich in Sicherheit befinden“, sagt die Kriminalpsychologin Lydia Benecke. Andere Leute können in die Personen der Krimis ihre dunkle Seiten reinprojizieren. Ohne jedoch selbst für etwas bestraft zu werden.

(Bild: Netflix)
2. Der Blick durchs Schlüsselloch reizt

True-Crime erlaubt den Blick durch das Schlüsselloch in das Leben anderer Leute. "Aus dem gleichen Grund, warum sich bei Unfällen lange Schlangen bilden, sind viele Leute Fans von True-Crime“, erklärt Benecke. Menschen können einen kurzen Blick in das echte Leben anderer Leute erhaschen. So erzählt "Making a murderer“ nicht nur die Geschichte des Angeklagten Steven Avery, sondern zeigt auch ungeschminkt den Blick auf den Rand der amerikanischen Gesellschaft.

"Der Zuschauer findet sich in der Rolle der Jury wieder. Er fragt sich, ob die Person wirklich schuldig ist."
Jens Ruchatz, Medienwissenschaftler
3. Man fragt sich: Was wäre wenn ich in der Situation wäre?

Auch wenn die Kriminalfälle meistens in den USA spielen, scheinen sie nah an der deutschen Lebensrealität der Zuschauer. Viele kommen früher oder später zur Frage: "Was wäre wenn?" Was wäre, wenn man selbst unschuldig auf der Anklagebank sitzen würden? Wie würde man sich selbst vor einem Angreifer schützen? "Die Zuschauer wollen sich mit diesen Fragen unbewusst schützen", sagt Benecke. "Making a murderer" spielt mit dem Gefühl, dass jeder in die Fänge der Justiz geraten könnte und 18 Jahre unschuldig im Gefängnis verbringen könnte.

4. Man will handeln

Natürlich fiebert man auch bei guten Krimis mit. "Bei True-Crime-Formaten werden diese Emotionen jedoch noch verstärkt", sagt Benecke. Denn der Zuschauer weiß, dass es sich bei den Fällen um reale Personen handelt. "Er findet sich in der Rolle der Jury wieder. Er fragt sich, ob die Person wirklich schuldig ist. Das ist eine Sache, die Fiktion nicht leisten kann", sagt Ruchatz. Die Zuschauer haben anders als bei fiktionalen Krimis die Möglichkeit, auch nach dem Ende der Doku selber zu recherchieren. Und das Bedürfnis, mit einem Happy End enden zu wollen, sei hoch. "Psychologisch muss das Gerechtigkeitsgefühl der Zuschauer befriedigt werden", erklärt Benecke. Bei "Making a murderer“ haben viele das Gefühl, dass Avery unschuldig sei. Fast 130.000 Amerikaner haben in einer Petition an Präsidenten Barack Obama die Begnadigung Averys gefordert.

(Bild: Netflix)
5. Eine Mischung aus Doku und fiktionalen Elementen

"Die neuen Doku-Serien wie "Making a murderer" arbeiten stark mit Mitteln der Fiktion“, sagt Ruchatz. Bereits der Vorspann der Serie zeigt diesen ästhetischen Ansatz. Musik wird nicht nur zur Erzeugung von Spannung eingesetzt. Aufwändige Luftaufnahmen, die man hauptsächlich aus Filmen kennt, zeigen die Hauptschauplätze der Serie. Diese Elemente werten die Originalaufnahmen aus den Gerichtssälen und die teilweise wackelige Kameraführung bildlich auf.

Serien wie "Making a murderer“ haben das Genre True-Crime aus der Schmuddelecke geholt. "Sie ziehen ein Publikum an, was vorher kein Reality-TV geschaut hat“, sagt Ruchatz. True-Crime scheint ein neues Lieblingsgenre für Hochglanzproduktionen zu sein.