Bild: 20th Century Fox
Du denkst, es geht in "Kevin allein zu Haus" nur um einen Achtjährigen und zwei Einbrecher?

Kevin – Allein zu Haus" war ein gigantischer, finanzieller Erfolg, der 1990 andere Neuerscheinungen wie "Pretty Woman", "Stirb Langsam 2" oder "Der mit dem Wolf tanzt" an den Kinokassen überholte (Box Office Mojo). Fast 30 Jahre später ist er zur Weihnachtszeit jedes Jahr ein Quotengarant, der allein in Deutschland mehrere Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer vor die Bildschirme lockt.  

Wer "Kevin – Allein zu Haus" heute als Erwachsener noch einmal schaut, merkt: Kevin hatte eigentlich genau die gleichen Probleme, die heute jeder Millennial kennt.

Du denkst, dass es in dem Film um einen Achtjährigen geht, der sich gegen Einbrecher verteidigen muss? Fast. Eigentlich erzählt der Film die Geschichte des ersten wahren Millennials:  

Im Film geht es um ein Kind, das in eine sichere, ökonomische Situation hineingeboren wurde, sich aber früh ohne Hilfe seiner Boomer-Eltern selbst versorgen muss. Kevins Eltern sind reich. Wie sonst könnte Peter McCallister einen Urlaub für mehrere Personen auf einem anderen Kontinent bezahlen. Ganz abgesehen von dem absurd großen Haus, in dem die Familie wohnt. Immer wieder betont der Familienvater, dass er wie verrückt arbeite, um sich und Kevins Familie diesen Wohlstand zu ermöglichen. Problematisch wird es, als Eltern nicht mehr da sind. Ohne die Hilfe seiner Eltern ist er aufgeschmissen. Das Geld, das er zum Überleben braucht, "leiht" er sich aus dem Sparschwein seines großen Bruders. 

Es ist ein bisschen so, wie im ersten Semester: Anfangs gefällt ihm seine Freiheit richtig gut. Die Eltern sind weg, er freut sich und macht das, worauf er Lust hat. Erst im Laufe des Films fängt er an, sich einsam zu fühlen und seine Familie zu vermissen. Die Leere in seinem Leben? Füllt er mit Fernsehen. Aber: Irgendwie kommt er zurecht. 

Doch dann kommen ihm alte, weiße Männer in die Quere.

(Bild: 20th Century Fox)

Beim Kampf gegen sie fährt er alle Geschütze auf, die Junge den Alten voraushaben: Ein quasi angeborenes Verständnis für Videorekorder, kreative Bastelkünste und selbstsicheres Auftreten bei vollkommener Ahnungslosigkeit. Woher er das alles weiß? Sehr wahrscheinlich aus dem Fernsehen. 

Doch trotz seines Erfindungsreichtums schafft er es alleine nicht, gegen die übermächtigen Männer zu gewinnen.

Kevin McCallister: der erste wahre Millennial. 

Zum Glück liefert der Film aber nicht nur überraschend genaue Voraussagen über die Probleme, die moderne Millennials überstehen müssen, sondern liefert die Lösungsansätze gleich mit. 

1 Fake it till you make it

Kevins erstes Problem: Er ist Kind in einer Welt, die für "Erwachsene" gemacht ist und nach anderen Regeln spielt. Obwohl er keine Ahnung hat, wie man einkauft oder Wäsche wäscht, lässt er sich diese Ahnungslosigkeit nicht anmerken.

  • Beim Wocheneinkauf belügt er die neugierige Verkäuferin und sagt, seine Mutter warte draußen. 
  • Mit einer Party aus Pappaufstellern schafft er es vorerst, die Gangster von einem Einbruch abzuhalten.
  • Den Pizza-Lieferanten und die Einbrecher täuscht er mit der Aufnahme eines alten Gangster-Films

Kevin geht es aber nicht darum, die Lügen für immer aufrecht zu erhalten. Sondern darum, es gerade so lange zu überstehen, bis sich eine wirkliche Lösung von alleine auftut. Der Pizza-Lieferant wird das Grundstück nie wieder ohne Polizeischutz betreten, die Verkäuferin im Supermarkt würde irgendwann misstrauisch werden. Eine Prokrastinations-Strategie, die den meisten Millennials von der Abschlussarbeit bis zur Start-up-Gründung bestens bekannt ist.

2 Vitamin B

Kevins zweites Problem: Machtlosigkeit. Er ist zwar viel schlauer und kreativer als die Männer, die ihn bedrohen. Trotzdem schafft er es am Ende nicht, sie allein zu besiegen. Sie sind einfach stärker als er. Erschwerend hinzu kommt, dass das System ihm mehr Hürde als Hilfe ist. Würde er als kleiner Junge die Polizei um Hilfe bitten, müsste er befürchten, selbst in Gewahrsam genommen zu werden – und sein Haus wäre ungeschützt.

Seine Lösung: Was Kevin wirklich vor den beiden Einbrechern rettet, sind andere Qualitäten, allen voran sein naives Herz. Obwohl er sich erst vor dem alten Nachbarn fürchtet, freundet er sich später mit ihm an – und im richtigen Moment kommt er ihm zur Hilfe.

Eine gute Metapher, da die meisten Millennials so machtlos sind, dass sie kaum etwas erreichen können, wenn ihnen nicht durch Glück oder gute Verbindungen manchmal etwas Hilfe angeboten wird: weder den Praktikumsplatz noch die Zwei-Zimmer-Altbauwohnung bekommt man, bloß, weil man der oder die beste ist. Sondern, weil man die richtigen Leute kennt.

3 Familie kann nichts ersetzen

Kevins drittes Problem: Einsamkeit. Denn so toll Freiheit, endloses Streamen alter Filme und ein regelloses Leben voller Käsemakkaroni auch sind – manchmal möchte man von guten Freunden (oder seiner Mutter) in den Arm genommen werden.

Seine Lösung: Niemals die Hoffnung verlieren, sich im richtigen Moment entschuldigen und es wertschätzen, wenn man Menschen in seinem Leben hat, die sich um einen sorgen. Spoiler: Das hilft im wahren Leben aber nicht immer.

Wenn wir “Kevin allein zu Haus” also jedes Jahr wieder gucken, hat das möglicherweise nicht nur damit zu tun, dass wir uns gerne an unsere Kindheit zurückerinnern. Vielleicht sehen wir auch einfach ein kleines bisschen von uns selbst in Kevin.


Fühlen

Junger Pfarrer über volle Gottesdienste an Weihnachten: Scheiß drauf, Kirche ist nur einmal im Jahr
"Mit einem Geschichtsvortrag darüber, was vor zweitausend Jahren geschehen ist, hole ich niemanden mehr hinterm Ofen hervor."

Manchmal sind es die Eltern, die darauf bestehen – oder für einen selbst gehört es zum Fest irgendwie dazu: Auch, wer das ganze Jahr keine Kirche von innen gesehen hat, den zieht es an Weihnachten häufig doch in den Gottesdienst. 

Etwa 734.000 Protestanten besuchten im Jahr 2018 regelmäßig den Sonntagsgottesdienst (EKD). An Heiligabend hingegen saßen etwa 8,3 Millionen Menschen in den Kirchenbänken. Und wer denkt, zumindest junge Leute boykottierten den Kirchbesuch: In diesem Jahr planen laut einer Umfrage 31 Prozent der Unter-30-Jährigen, an Heiligabend in den Gottesdienst zu gehen (domradio).

Wie findet das ein junger Pfarrer, wenn seine Religion für viele nur noch ein Ritual ist? 

Besuch bei Tim Fink, 33. Er ist seit diesem Jahr der neue evangelische Pfarrer im südhessischen Idstein. In der Kirche laufen die Vorbereitungen an diesem Nachmittag kurz vor Weihnachten auf Hochtouren, das Weihnachtsmusical muss geprobt werden. 600 Menschen sollen hier zum Weihnachtsgottesdienst kommen.

bento: Tim, was bedeutet die Weihnachtszeit für dich?

Tim: Erstmal viel Arbeit. Für mich ist Weihnachten in diesem Jahr etwas besonderes, weil es das erste Mal ist, dass ich den Weihnachtsgottesdienst in meiner neuen Gemeinde als Pfarrer feiere. Das hat etwas von "ins kalte Wasser springen", weil viele da sein werden, die ich noch nicht kenne – das macht es herausfordernd. Die Menschen sind in dieser ganz besonderen Weihnachtsstimmung und wollen so auch aus dem Gottesdienst herausgehen. Das ist kein Gottesdienst, bei dem eine Scheltpredigt angebracht wäre.

bento: Eine Scheltpredigt?

Tim: Eine Predigt nach dem Motto: Jetzt seid ihr also auch mal wieder alle da. Sowas habe ich von Kanzeln auch schon gehört. Ich denke, so etwas motiviert niemanden. Ich will die Menschen abholen, ich will sie mit meiner Predigt so beschäftigen, dass sie sich denken: Der Pfarrer gibt mir etwas mit.

bento: Aber mal ehrlich: Ärgert es dich nicht, wenn viele nie in den Gottesdienst kommen, außer mal an Weihnachten und Ostern?

Tim: Da gibt es diesen spöttischen Ausdruck der "U-Boot-Christen" – für Menschen, die zweimal im Jahr auftauchen, nur um dann wieder abzutauchen. Ich habe gar nichts gegen U-Boot-Christen, immerhin tauchen sie auf. Und ich finde es auch nicht schlimm, wenn jemand nicht auftaucht, weil er sein Christsein anders auslegt. Das ist die Religionsfreiheit: die Freiheit der positiven genauso wie der negativen Religionsausübung.

bento: Woran liegt es denn, wenn junge Menschen nur noch zweimal im Jahr in die Kirche gehen, und die Kirche sie während des Jahres nicht mehr erreicht?

Tim: Wir haben in der Kirche eine zu starke Komm-Struktur. Wir sagen den Menschen: "Komm zu uns, wir sind hier in der Kirche." Dass das ein niedrigschwelliges Angebot ist, stimmt nicht. Die Schwelle über die Kirchentür ist riesig, schon allein der Liturgie wegen. Wenn man die Gottesdienstordnung gar nicht kennt, wenn man Gottesdienst nie "gelernt" hat, dann fragt man sich doch: Warum soll ich an genau dieser Stelle Halleluja sagen?

Wir müssen uns fragen, was wir da verändern müssen. Muss sich nicht eigentlich Gottesdienst insgesamt verändern? Vieles entspricht nicht mehr unserer heutigen Sprache.

bento: Was muss sich ändern?

Tim: Wenn wir nun an Weihnachten predigen, dass uns ein Kind geboren ist, könnte man erstmal mit den Schultern zucken. Es werden täglich Tausende Kinder geboren. Mit einem Geschichtsvortrag darüber, was vor zweitausend Jahren geschehen ist, hole ich niemanden mehr hinterm Ofen hervor. Die Frage ist doch: Was hat das für dich und für mich heute, im Hier und Jetzt, für eine Bedeutung? Wenn ich diese Frage nicht beantworte, dann muss ich mich auch nicht wundern, wenn die Menschen nicht mehr kommen. Ich kenne diese Situationen ja selbst aus meiner Ausbildungszeit: Man sitzt im Gottesdienst mit vier oder fünf Leuten, und einer von denen ist noch der Organist. Das ist doch kein Gemeinschaftserlebnis, und das macht auch nicht wirklich Spaß. 

bento: Was fühlst du, wenn du vor so einer leeren Kirche stehst? Ärger, Frust, Enttäuschung…?

Tim: Eher Traurigkeit. Natürlich freut man sich über die, die gekommen sind. Aber ich denke mir, eigentlich haben wir doch so eine wunderbare Botschaft zu verkünden. Die heißt, Gott liebt dich, egal wie du bist. Aber wenn man dann nur vor fünf Menschen predigt, fragt man sich schon: Warum machen wir das eigentlich noch? Welche Aufgabe haben wir als Kirche überhaupt noch in der Gesellschaft? Gleichzeitig denke ich, wir werden dringender gebraucht denn je. Wir können etwas Gutes bewirken in der Gesellschaft. Das ist eine ganz wichtige Aufgabe der Kirche. Dass die evangelische Kirche ein Flüchtlingsschiff ins Mittelmeer schicken will, das ist für mich eine tolle Verkörperung des Evangeliums. 

bento: Es sind besonders die jungen Menschen, die die Kirche nicht mehr erreicht: Die Wahrscheinlichkeit für einen Kirchenaustritt ist zwischen Mitte und Ende 20 am höchsten (bento). Warum ist das so?

Tim: Das stimmt, und das ist natürlich auch bei uns so. Jeder Austritt tut weh, weil dann jemand ganz klar sagt: Ich spiele nicht mehr bei euch mit. Dass das so viele junge Menschen tun, kann ich auch irgendwie nachvollziehen: Das ist das Alter, in dem man mit dem Beruf beginnt und sieht, dass auf der Gehaltsabrechnung die Kirchensteuer abgeht.

bento: Aber wegen der Kirchensteuer wird auch nur austreten, wer zu diesem Zeitpunkt keinen Bezug zur Kirche aufgebaut hat. Was ist das Angebot, das Kirche jungen Menschen machen kann?

Tim: Gottesdienst ist nur ein kleiner Teil davon. Pfarrer sind auch einfach Gesprächspartner. In allen Lebenslagen. Pfarrer sind vertrauliche Personen, wir werden aus solchen Gesprächen nichts weitersagen. Ich möchte auf die Menschen zugehen und ihnen helfen, wenn sie gerade eine Krise bewältigen müssen.

Denn darum geht es doch heute. Der Generation zwischen 20 und 30 stehen so viele Türen offen wie noch nie. Wir ertrinken in einer Vielzahl an Möglichkeiten. Da müssen wir uns fragen: Was ist der Sinn meines Lebens? Wo möchte ich hingehen, wo möchte ich ankommen? Dabei würde ich die junge Generation, meine Generation, gern unterstützen.