Bild: Agnete Brun

Anders Breivik tötete am 22. Juli 2011 mehr als 77 Menschen. Er zündete eine Autobombe in Oslo vorm Regierungsgebäude, dabei kamen acht Menschen ums Leben. Anschließend erschoss er auf der Insel Utøya bei einem Ferienlager 69 Menschen. 

Die Insel liegt nur etwa 30 Kilometer entfernt von Oslo, 560 Jugendliche waren dort in einem Camp der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Breivik rief sie zusammen, mit dem Vorwand, über den Anschlag in Oslo berichten zu wollen. Dann schoss er gezielt auf sie, jagte sie etwa 70 Minuten lang über die Insel – bis eine Anti-Terror-Einheit ihn festnahm. 

Viele der Jugendlichen, die überlebten, waren danach traumatisiert. Sie hielten mehr als 70 Minuten Todesangst aus, den Anblick von erschossenen Freunden, die Angst, Familie und Freunde nie wieder sehen zu können. 

Der Film "Utøya 22. Juli", der ab Donnerstag in den Kinos läuft, erzählt von diesen 70 Minuten. Er folgt Kaja, einer fiktiven Figur, die über die Insel flieht und verzweifelt ihre Schwester sucht. 

Wir haben uns den Film "Utøya 22. Juli" vorab angeschaut – und dabei Unterschiedliches empfunden. Was, lest ihr hier:

Hanna

72 Minuten lief der Rechtsterrorist Andres Breivik über die kleine Insel Utøya und erschoss Jugendliche und Kinder. Etwas mehr als eine Stunde – das ist im normalen Alltag nicht besonders viel Zeit. Doch in dieser Situation muss es sich wie eine Ewigkeit angefühlt haben. Niemand kann nachvollziehen, was die jungen Menschen auf Utøya empfunden haben. 

Doch der Film vermittelt den Hauch einer Idee davon: Er wurde in Echtzeit gedreht und in einem einzigen Take. Keine Schnitte, keine Zeitsprünge – und damit auch keine Atempause für die Zuschauer. Die wackelige Handkamera nimmt einen mit auf die Flucht, in die Verstecke, zu den Sterbenden, den Verletzten, den Momenten der Hoffnung und denen der unendlichen Angst. 

Die Minuten verstreichen quälend. Immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ich hoffe, die Ruhe im Wald der Insel bedeute das Ende des Leids. 

„Doch dann ertönen wieder Schüsse und die Darsteller und ich zucken zusammen.“
Hanna

72 Minuten, die einfach nicht enden wollen und die man trotzdem aushalten muss. Was den Film so schwer zu ertragen macht, ist gleichzeitig seine Stärke. Natürlich kann ich das Leid der Jugendlichen nicht durch einen bloßen Film nachempfinden, aber er hat mir die Situation sehr nah gebracht. Vielleicht zu nah? Auf dem dunklen Heimweg habe ich jedenfalls zum ersten Mal seit vielen Jahren Angst vor dem Bösen in der Welt.

Vicky

Ich erinnere mich noch daran, wie schockiert ich war, als ich im Sommer 2011 von dem Anschlag hörte. Ich fragte mich: Wie viel Hass muss in einem Menschen stecken, damit er so etwas macht? Und: Gibt es mehr Menschen, die wie er ihren Hass entladen wollen? 

Ich fuhr selbst jeden Sommer in ein großes Feriencamp und konnte mir bis dahin keinen geschützteren Raum vorstellen. Während ich den Film schaue, die Zelte sehe, in denen Kaja und ihre Freunde schlafen, erinnere ich mich an meine Gedanken von damals. Ich weiß, dass ich nicht nachfühlen kann, wie viel Angst sie gehabt haben müssen. Aber der Film bringt es einem als Zuschauer so nah, dass es fast weh tut. 

Dass Breivik, oder besser sein Darsteller, im Film nicht gezeigt wird, macht ihn noch bedrohlicher. Erst am Ende sieht man ihn weit entfernt auf einem Felsen stehen, nur ein kleiner schwarzer Punkt. 

„Der Mörder, vor dem Kaja und ihre Freunde fliehen, bekommt kein Gesicht. “
Vicky

Breivik ist in "Utøya 22. Juli" vor allem ein Geräusch. Die Schüsse, die durch den Wald und über die Felsen knallen, die töten und selbst den Zuschauer zusammenschrecken lassen. 

Am Ende des Films lese ich die Texttafeln, die mir erzählen, was am 22. Juli noch geschah. Etwa, dass Breivik zuvor auch eine Bombe vor dem Regierungsgebäude gezündet hatte. Dass er ein rechter Terrorist war, dass die Einsatzkräfte auf Utøya hätten Schlimmeres verhindern können, wenn sie früher dagewesen wären. 

Kontext, der wichtig ist, im Film aber keinen Platz findet. Kontext, der mir fehlt. Ich bleibe mit dem Gefühl zurück, dass es nicht reicht, sich auf die Anschlagsminuten auf der Insel zu fokussieren, um das Breivik-Attentat völlig zu erfassen. 

Phu

Die Frage, die mich vor des Films immer wieder beschäftigte: Lässt sich ein so realer Terror wirklich in einem Film umsetzen? Nachdem ich den Film geschaut habe, kann ich sagen: Ja, es ist möglich. 

„Aber will man das sehen? Auf keinen Fall ein zweites Mal.“
Phu

"Utøya 22. Juli" von Regisseur Erik Poppe ist ein physischer Film. Ein Film, den man in erster Linie erlebt oder besser gesagt: über sich ergehen lässt. Es ging dem Regisseur nicht darum, das Geschehen faktisch oder analytisch aufzuarbeiten. Es ging ihm darum, den Zuschauenden – so nah es irgendwie geht – in die Situation der Verfolgten hineinzuversetzen. Fast eineinhalb Stunden – so lange dauerte das Attentat, und so lange muss auch der Zuschauer den Film aushalten. Die Handkamera ist mitten im Geschehen, ist Mitläufer oder gar selbst Gejagter. Somit sind auch wir mittendrin: Fühlen uns ratlos und orientierungslos, wissen nicht, woher die Schüsse kommen, verstecken uns im Gebüsch und halten den Atem an, aus Angst, uns könnte jemand finden.

Man sagt oft nach Ereignissen wie 9/11 oder Utøya: Wir können nicht annähernd nachempfinden, wie es sich wohl anfühlen muss, das miterlebt zu haben. Nach dem Film von Erik Poppe meine ich: Das war ein guter Versuch, den Zuschauer so nah wie möglich heranzuholen.

Der Trailer zum Film:

Franziska

Der Anschlag auf Utøya war der Anschlag eines Rechtsradikalen auf die liberale offene Gesellschaft Norwegens. Wie macht man einen Film über solchen Terror, über seine Opfer und die Angst, die er verbreitet, wie bringt man ihn auf die Leinwand – und setzt dem Terror trotzdem kein Denkmal?

„Erik Poppe ist es gelungen, in dem er sich für die brutalst mögliche Ehrlichkeit entschieden hat. “

Die Geschichte der Hauptfigur Kaja ist zwar fiktiv, aber sie basiert auf vielen Erzählungen. Die Kamera, die mit ihr zu fliehen scheint, erhebt sich nicht über sie, es gibt keine allwissenden Erzähler, keine Einordnung, keine Handreichung. Niemand wird plötzlich zum übermenschlichen Helden, und Poppe hütet sich davor, seinem Film künstlich eine Pointe oder eine Moral zu verleihen. 

Der Terror, er ist zwar verängstigend. Aber er schrumpft auch zusammen auf das, was er war: ein unnötiger Akt der Grausamkeit. 

Und so schafft er etwas, was nur wirklich großer Kunst gelingt: ein Denkmal ohne Pathos – für die Überlebenden und die Toten. 

Jan 

Was ist der Unterschied zwischen Terror und Horror? Während der 90 Minuten, die "Utøya 22. Juli" dauert, habe ich mir diese Frage oft gestellt. Denn Zeit zum Nachdenken bietet der Film trotz allem Schrecken reichlich. Minutenlang kauert die Kamera mit den Opfern des Anschlags im Dreck, dann wackelt sie wieder über einen zerstörten Zeltplatz, nur, um gleich wieder irgendwo für längere Zeit in Deckung zu gehen. 

Dieses Hin und Her zeichnet den Film aus. Man kann es für authentisch halten. Doch dann sind da wieder die Überwältigungstricks, die man in einem angeblich so empathischen Film kaum erwartet hätte. Wenn Kinder gleich zu Beginn aus dem Off kreischen, es aber doch nur Spaß ist. Wenn die großartig spielende Hauptdarstellerin Andrea Berntzen vermeintlich voller Pathos direkt in die Kamera spricht und sich dann umdreht, um ein Headset zu entblößen. 

„Wenn ein Kind stirbt und Sekunden später "Mama" auf dem vibrierenden Handydisplay auftaucht. “

Vielleicht ist das alles nötig, um zu erahnen, was die Kinder und Jugendlichen auf Utøya erlebt haben. Vielleicht ist es aber auch einfach ein großes Missverständnis, worum es bei dem Anschlag auf ein linkes Jugendlager wirklich ging. Am Ende des Films war ich aufgewühlt, hatte aber kaum etwas verstanden. Dass Texttafeln im Abspann die Rahmenhandlung erklären sollen, spricht dafür, dass ich vielleicht nicht der Einzige war, dem es so ging. 


Today

Junger Journalist stirbt bei Sturz im Hambacher Forst – Räumungsarbeiten ausgesetzt

Was ist passiert?

Während der großen Räumungsaktion im Hambacher Forst ist ein Journalist abgestürzt und wurde dabei tödlich verletzt. Der Mann war durch eine Hängebrücke gebrochen und etwa 15 Meter in die Tiefe gestürzt. 

Die Räumung im Hambacher Forst wurde "bis auf weiteres" unterbrochen. "Wir können jetzt nicht einfach so weitermachen", sagte NRW-Innenminister Herbert Reul.