Bild: Warner Bros.
Eine autistische Autorin hat den Film für uns angeschaut

Was passiert, wenn Cro, Til Schweiger, ein Drehbuchautor, der schon einmal was von Autismus gehört hat, eine Menge Geld und eine Handvoll Filmkameras aufeinandertreffen? Spoiler: Nichts Besonderes.

Der Trailer zu "Unsere Zeit ist jetzt" war vielversprechend. Nicht, weil ich Cro-Fan bin, sondern weil da scheinbar eine Protagonistin zu sehen war, die nur ganz zufällig autistisch ist.

Trotzdem sitze ich dann als Autistin im Kino und habe ein bisschen Angst: Kann der Film das Versprechen aus dem Trailer einlösen? Wie klischeebelastet und fehlerhaft wird die Darstellung sein?

Wir Autistinnen und Autisten sind es nicht gewohnt, in Filmen als ebenbürtige Protagonisten zu funktionieren. Die mediale Darstellung von Autisten hat selten etwas mit der Realität zu tun. Im deutschsprachigen Film und TV werden wir auf ziemlich genau zwei Arten gezeigt:

  • Entweder als Pflegefälle oder als Genies, gerne gleich beides.
  • In den allermeisten Fällen jedenfalls männlich, rätselhaft, immer schlecht gekleidet und für alle anderen unangenehm.

Dann geht das Licht aus, der Film los und man lernt Vanessa kennen, Anfang 20, schön, Studentin und autistisch. Okay, denke ich, das ist anders, das ist neu und das ist vor allem sehr realistisch. Denn autistische Frauen sind noch immer deutlich unterdiagnostiziert und werden oft nicht wahr- oder nicht ernst genommen. Sie finden im öffentlichen Leben so gut wie gar nicht statt.

Aber wir sind da und wir sind viele.

Wir arbeiten oder studieren. Wir verlieben uns. Manchmal geht es schief, manchmal nicht. Wir trinken Alkohol, um für kurze Zeit beinahe normal zu wirken und gehen auf Partys und Konzerte.

(Bild: Warner Bros.)
In “Unsere Zeit ist jetzt“ geht es um drei junge Menschen, die eine Dokumentation über Cro drehen sollen:
  1. Ludwig, etwas schüchtern, unbeholfen und offenbar mit einem düsteren Geheimnis unterwegs, möchte eine Origin-Story als Animationsfilm produzieren.
  2. Vanessa, Autistin, will Cro mit ihrer Kamera begleiten und intime Momente in einer Dokumentation festhalten.
  3. Und dann ist da noch David, groß, Macho, Typ Arschloch, dem seltsamerweise alle Frauen hinterherjagen und dessen Lovestory mit Vanessa derart an den Haaren herbeigezogen ist, dass sie Rory Gilmores fragwürdigen Männergeschmack glatt unterbietet.

Der Film ist nichts, wozu man eine Meinung haben muss, nichts Kontroverses, nichts, was lange nach dem Anschauen nachhallt. Er setzt auf Stereotype und Sinnsprüche. Zum Ende hin bietet er tatsächlich noch einen netten Twist, der einen nicht vom Hocker reißt wie einst "Sixth Sense", aber auch nichts ist, was man spoilern möchte. Weil er noch das Aufregendste an der sonst banalen Story ist.

"Unsere Zeit ist jetzt" – das ist ein okayer Film über okaye Musik, mit Menschen, die dem Zuschauer recht egal sind, denn sie haben zu wenig Tiefe, um Identifikation zu ermöglichen.

Erfrischend ist allerdings, dass der Autismus der Filmstudentin nicht im Fokus steht. Vanessa wird nicht überpathologisiert, sie ist eben autistisch und kommt damit auf eine Art zurecht, die vielen von uns jungen Autisten und Autistinnen zu eigen ist: Erstaunlich selbstbewusst, leicht defizitär und ein bisschen ironisch. Man kann nicht einmal sagen, sie sei der Slapstick-Garant der Story, denn jeder Charakter im Film ist auf eine Youtube-eske Art überzeichnet und somit Quelle billiger Scherze.

Das ist tatsächlich eine der Stärken des Films:

Vanessa ist einfach nur eine von drei Hauptfiguren des Films, der sie behandelt, wie jede andere Figur – und dass man das positiv hervorheben kann, ja, muss, sagt sehr viel aus über die Darstellung von autistischen Menschen im Film.

Vanessa ist nicht der Freak des Films, im Gegenteil.

Vanessa ist nicht der Freak des Films, im Gegenteil. Ludwig, leicht stotternd und introvertiert, oder David, das Arschloch mit der stereotypen, deepen Seite, sind im Zweifel die gebrocheneren Figuren. Vanessa scheitert nicht an sich selbst, sondern an der Umwelt, die sie entweder behindert oder verändern möchte. Was ziemlich genau der Realität entspricht.

Natürlich hat der Film auch große Schwächen:

Dass Til Schweiger mehrfach das Wort "Spast" als Beleidigung verwendet, ist behindertenfeindlich. Einige Stellen im Film sind sexistisch, und der Gag mit dem gespielten Blinden war schon 1997 überflüssig. Es ist auch nicht jedes Detail im Bezug auf Autismus richtig. An vielen Stellen wirkt die Figur der Vanessa überzeichnet und bemüht gespielt.

Dennoch bleibt von einem belanglosen Künstler-Biopic vor allem in Erinnerung, dass ihm das gelingt, was ambitioniertere Projekte selten erreichen: Die gute Darstellung einer Autistin, die sich harmonisch in die Reihe der anderen Protagonisten einfügt.

Hier ist der Trailer zum Film:


Haha

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