Bild: Pro7 / Jens Koch
Wir haben Thilo Mischke getroffen

Eigentlich würde man ihn gerne hassen: Er ist jung, erfolgreich und bekommt Geld dafür, in der Welt herumzureisen. Andererseits möchte man da, wo er hin geht, wahrscheinlich gar nicht hin. Thilo Mischke, 36, besucht für seine Pro7-Serie "Uncovered" die gefährlichsten Orte und Menschen der Welt. Mit der Kamera ist der Berliner zu Besuch bei mexikanischen Auftragsmördern, kurdische Soldatinnen und chinesischen Drogen-Großhändlern. 

Die erste Staffel wurde mit positiven Kritiken überhäuft, Pro7 bestellte schnell eine Fortsetzung. Das Feedback der Zuschauer ergab auch: Vor allem die düsteren und ernsten Momente kamen an. 

Und so wird diese Staffel genau das: düster und ernst. Der Trailer wurde wegen der blutigen Bildschnipsel zwischenzeitlich bei Facebook geblockt, nun ist er wieder zu sehen. 

Der offizielle Trailer für die zweite Staffel von uncovered

+++TRAILER+++MIT TON HÖREN+++LOS!+++TEILEN//TEILEN//TEILEN

Wir haben Thilo in Hamburg getroffen. 

Etwas abgekämpft sieht Thilo noch aus, als er in Hamburg aus dem Zug steigt. Sieben Monate war er am Stück unterwegs, auf 79 Flügen hat er 200.000 Kilometer zurückgelegt. Er sieht nicht aus wie ein Kriegsberichterstatter, wie ein harter Hund. Mit dem pinken Kragen unter seinem Sweater wirkt er eher wie der nette Typ, den man vor der Stammkneipe nach einer Kippe fragt. 

Nach dem Trailer drängt sich die Frage auf: Was war die schlimmste Erfahrung?
Ich habe in den letzten Monaten viele Tote und viele Schießereien gesehen, aber in Mexiko Pilze zu nehmen, war eindeutig am schlimmsten. Wir sind mit Drogentouristen durch den Urwald gereist und haben dann nach einem traditionellen Reinigungsritual von einem schamanischen Guide einen abgekochten Pilzsud zum Trinken serviert bekommen. Ich dachte, ich sterbe. Ich hatte einen absoluten Horrortrip, sah Geister und Totems. Eine Stunde lang hatte ich mit meinem Leben abgeschlossen.
Warum nimmst du vor der Kamera Drogen?
Na ja, ich mache das nicht, weil ich gerne Drogen nehmen will – sondern weil ich verstehen möchte, warum andere das tun, als journalistisches Selbstexperiment. Warum klinken sie sich aus, betreten durch Drogen eine andere Welt und riskieren extrem schlechte Erfahrungen? Ich glaube, wenn ich so einen Horrortrip mit 20 gemacht hätte, hätte das mein Leben auf eine andere und vermutlich nicht positive Bahn gelenkt. Heute kann ich das – Gott sei Dank – besser einordnen.
Aber wäre das nicht abschreckend gewesen? 
Es war ja abschreckend. Aber was ich meinte, ist: Ich hätte nicht mit Anfang 20 über den Tod nachdenken wollen. Nicht so, wie der Pilz mich dazu angeregt hat.
Du hast Schießereien erwähnt, wo war es am gefährlichsten?
Sicher in Somalia. Wir haben einen Risikotouristen begleitet, der fast ausschließlich Krisengebiete bereist. In dem Land darf man nicht länger als 48 Stunden außerhalb des Flughafens verbringen, warnt das Auswärtige Amt. Denn dann weiß die Al-Schabab-Miliz, dass du da bist. Entweder wirst du entführt oder erschossen, sagt man. Als wir im Land unterwegs waren, hatten wir privates Sicherheitspersonal dabei, die sind bei einem heranfahrenden Jeep nervös geworden und haben mit ihren Kalaschnikows gefeuert, um ihn zu vertreiben.
Hier war Thilo überall unterwegs:

Diese fünf Folgen hat die Doku

"Rausch" begleitet Touristen auf Pilzreisen in Mexiko, beleuchtet den Drogenkrieg auf den Philippinen und verfolgt die Spur des Haschs, das aus Marokko nach Europa kommt.
Für "Schmutzige Geschäfte" hat Thilo zusammen mit dem Guardian den internationalen Organhandel verfolgt und in Shanghai mehrere Tonnen MDMA-Rohmaterial gekauft.
Die Folge "Kämpfer" zeigt junge Frauen im Irak, die an der Front Im Krieg gegen den IS und für ein freies Kurdistan kämpfen.
"Tourismus extrem" begleitet risikofreudige Westler beim zweifelhaften Vergnügen, Somalia zu erkunden. Als Bonus singt Thilo in einer nordkoreanischen Karaokebar "Wonderwall" .
In der Episode "Organisiertes Verbrechen" sehen wir Motorradgangster in Neuseeland und Auftragskiller in Mexiko.
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Andere Doku-Filmer bleiben hinter der Kamera, lassen ihre Geschichten für sich sprechen. Warum hast du dich entschieden, die Storys über deine Person und deine Erlebnisse zu erzählen? 
Das war eher zufällig, ich habe festgestellt, dass viele der düsteren Themen sich besser erzählen lassen, wenn ich Bezug zu unserer Lebenswelt herstelle. Ich fungiere dann als Stellvertreter für den Zuschauer.
Wie geht deine Freundin damit um, dass du dich immer in Gefahr begibst?
Die ist immer dabei, sie kümmert sich in unserem Team als Redakteurin um Inhalt und Ton. Als wir im Nordirak ankamen, wollten wir dort die weiblichen Soldatinnen im Kampf gegen den "Islamischen Staat" interviewen. Wir waren noch keine zwei Minuten da, da ging schon ein Gefecht los. Wir hatten noch nicht mal die Schutzwesten an. Ich habe fast geheult und sie stand eiskalt mit dem Mikrofon daneben und hat den Ton geregelt, damit man mein Gebrabbel auch versteht. Es war gut, dass sie dabei war.

Ohne sie an unserer Seite wären wir gar nicht an die Kämpferinnen herangekommen. Männer haben ihnen Dinge angetan, die sich niemand vorstellen möchte. Sie wurden vergewaltigt, ihre Familien umgebracht. Sie tragen deshalb eine symbolische Patrone auf ihrer AK-47. 'Eher töte ich mich hiermit, als dass ich noch einmal vergewaltigt werde', bedeutet das.
Jesidische und persische Frauen kämpfen im Nordirak gegen den IS und für ein freies Kurdistan.(Bild: Pro 7 / Michael Terhorst)
Du hast mal in einem Interview erzählt, dass du mit deinen Risiko-Reisen deine Helikoptereltern verarbeitest. Kannst du das genauer erklären? 
Ich wurde sehr behütet, weil ich als Neunjähriger einen schweren Verkehrsunfall hatte. Meine Eltern waren sehr besorgt, Busreisen waren tabu. Auf Klassenfahrten musste ich dann mit dem Flugzeug hinterher. Diese Suche nach Gefahren ist irgendwie auch ein Abnabeln von der elterlichen Fürsorge.
Gibt es dir einen Kick, wenn du so krasse Sachen hautnah erlebst? Oder warum begibst du dich freiwillig in diese Gefahr?

Nein, kein Kick. Das ist das falsche Wort. Es ist eher so, dass Unmöglichkeiten mich reizen. Das fängt in meinem Leben hier an, wenn Menschen sagen: ‚Du kannst kein schweinisches Buch schreiben und ernstzunehmender Journalist sein‘. Ich denke dann: ‚Warum nicht?‘
Wenn ich für Reportagen unterwegs bin, reizt es mich, an Orte zu gelangen, die unerreichbar scheinen. Erzählen will ich dann von deren Erreichbarkeit. Und der Nähe zu unserem Leben.
Wir haben hier keine Lösungen. Wir wissen nicht mal, was das Problem ist.
Thilo Mischke
Hat dich all das, was du gesehen hast, verändert? 
Ja, ich bin ernster geworden. Und toleranter gegenüber Konflikten. Ich habe in Sindschar, im Irak, die zersprengte und verwesende Leiche eines IS-Kämpfers gesehen. Die Soldatin, die uns herumführte, sagte hasserfüllt: ‘Und sein Vater liegt im Garten.‘ Ich habe mich in dem Moment gefragt, warum er wohl zum IS gegangen ist. War er ein schlechter Mensch, oder hatte er einfach Angst?

Und ich musste daran denken, dass selbst ein IS-Kämpfer irgendwo eine Mutter hat, die weint, wenn er stirbt. Eine Mutter, der die Weltpolitik egal ist. Solche Kriege und Konflikte werden am Küchentisch entschieden, in den Familien. Und am Ende kämpft man gegen den Nachbarn. So was begreift man nicht, wenn man eine Landkarte in den Nachrichten sieht.
Jetzt, zurück in Deutschland: Was macht dir hier Angst?
Wenn man in Mexiko jemanden fragt, wie man den Drogenkrieg beenden soll, hat da keiner eine Antwort. Und niemand glaubt, Recht zu haben – auch nicht die Politiker vor Ort. Hier glauben alle, zu wissen, was Sorgen und Nöte sind. Jeder hat die Lösung für die Flüchtlingsproblematik oder den Nahost-Konflikt. Nur: Wir haben hier keine Lösungen. Wir wissen nicht mal, was das Problem ist. Es macht mir Sorgen, dass es sich hier alle so leichtmachen.
8000 Menschen sind im Drogenkrieg der philippinischen Regierung gegen Chrystal Meth und die eigene Bevölkerung bereits gestorben.(Bild: Pro 7 / Martin Gasch)
Du hast mehr von der Welt gesehen als die meisten anderen: Welches sind denn die drei schönsten Orte? 
In Tokio gibt es in Shinjuku ein kleines Café, in dem man die ganze Nacht Yakuza-Mitglieder beobachten kann. Sie trinken schlechten Filterkaffee für acht Euro und machen Geschäfte, während im Hintergrund die Neon-Metropole leuchtet. Da bin ich eigentlich bei jedem Japan-Trip. 

Dann natürlich Island. Das ist mein Kontrastprogramm für den ganzen Stress. Da will ich eigentlich mindestens zweimal im Jahr sein. Das Land ist so entspannt, dass man keinen Reisestress hat. Man kann einfach drei Stunden Mittagsschlaf machen und muss sich dafür nicht schämen. Oder man kann an einer Tankstelle im Nirgendwo sitzen, Mikrowellenessen 'genießen' und das Panorama wirken lassen. Ich habe auch ein Buch über Island geschrieben, um andere Touristen davon fernzuhalten. Damit ich die Insel nur für mich allein habe.

Mein dritter Lieblingsort ist eine Wiese in Brandenburg. Da werde ich jetzt zum Runterkommen erst mal in der Sonne liegen, das Lustige Taschenbuch lesen und Zebraspinnen beobachten.

"Uncovered" startet am Montag, 24. Juli, um 21.10 Uhr auf Pro7. 


Haha

Eine 5-Jährige verkauft Limo – und muss dafür Strafe zahlen

Wer erinnert sich nicht an seine ersten Versuche, Geld zu verdienen? Mit selbstgemachten Waffeln, Kuchen oder bunten Kunstwerken stellte man sich als Kind auf die Straße, um für mehr Taschengeld zu sorgen.

Auch die fünfjährige Tochter des Wirtschaftsprofessors Andre Spicer kam auf diese Idee. Ihre Ware: selbstgemachte Limonade. Zusammen mit ihrem Papa stellte sie einen Stand vor dem Londoner Lovebox Festival auf und verkaufte ihre Hauslimo an die Festival-Besucher. Doch viel Geld kam nicht zusammen. (BBC)