Bild: Netflix
Empowerment oder Ernüchterung?

Die 18-jährige Marie Adler wird im Jahr 2008 vergewaltigt. Nach ihrer Anzeige bei der Polizei wird sie vernommen, untersucht, fotografiert. Die Beamten finden keine brauchbaren Spuren. Zwar gibt Marie an, gefesselt worden zu sein, hat auch sichtbare Verletzungen und Blutergüsse. Die Geschichte der traumatisierten Frau klingt den Ermittlern aber zu wirr, zu wenig glaubhaft. Aus der Ermittlung gegen einen Unbekannten wird eine Ermittlung gegen Marie. 

2015 wird durch diesen mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Artikel bekannt: Marie Adler hat die Wahrheit gesagt – und sie ist nicht das einzige Opfer des Vergewaltigers.

Auf diesem realen Fall aus den USA beruht die Netflix-Serie "Unbelievable".

Die Serie erzählt in acht Episoden die Geschichte einer jungen Frau, der nach einer Vergewaltigung niemand glaubt, und von zwei Polizistinnen, die Jahre später gemeinsam den Täter fassen wollen.

Obwohl die Serie schon vor dem Bekanntwerden der Taten von Harvey Weinstein und der daran anschließenden MeToo-Debatte in der Produktion war, passt sie in die Diskussion: Welche Ausmaße hat sexualisierte Gewalt in westlichen Gesellschaften? Wie können wir das Tabu darum auflösen?

Aus Sicht der Macher nimmt "Unbelievable" dabei eine ermutigende Rolle ein. Susannah Grant, Showrunnerin und Produzentin, sagte in einem Interview, die starken weiblichen Charaktere gäben der Geschichte einen "empowernden" Charakter. Außerdem erhalte sie viele positive Reaktionen, vor allem von jüngeren Menschen, die sich freuten, dass das Thema sexualisierte Gewalt endlich ins Licht der Öffentlichkeit rückt und Opfern Mut gemacht wird. (KCRW)

Tatsächlich ist das Engagement und die Hartnäckigkeit der beiden Polizistinnen in "Unbelievable" beeindruckend und mitreißend. 

Doch haben solche Serien wirklich eine ermutigende Wirkung auf Opfer sexualisierter Gewalt – oder könnten sie nicht vielleicht sogar das Gegenteil bewirken?

Denn die Ungerechtigkeit und der Schmerz, den die Protagonistin erlebt, sind mindestens ebenso eindrücklich wie die Beharrlichkeit der Polizistinnen. Marie wird Unvorstellbares angetan, und statt Trost und Hilfe bekommt sie aus ihrem Umfeld Misstrauen und Anschuldigungen entgegengebracht. Auch die Art, wie die Ermittler in der Serie anfangs mit ihr umgehen, macht nicht gerade Mut, sich im Fall einer realen Vergewaltigung an die Polizei zu wenden.

Und tatsächlich ist die US-Serie bei der Darstellung der Ermittlungen oft gar nicht so weit entfernt von dem, was deutsche Opfer erleben. 

Das sagt Carola Klein, Beraterin in der Berliner "LARA Fachstelle gegen sexualisierte Gewalt an Frauen". Sie unterstützt die Frauen in polizeilichen Befragungen und vor Gericht, als "psychosoziale Prozessbegleitung". In mehr als 16 Jahren Berufserfahrung hat sie einige Fälle erlebt, die dem von Marie Adler ähnelten: "Die Fragen der Polizei sind sehr intim: 'Wie groß war der Penis, wie tief ist er eingedrungen, wie viele Finger hat er genommen?' Da habe ich schon erlebt, wie Frauen von Beamten angeschrien wurden, weil sie sich nicht mehr an Details erinnern konnten." 

Carola kennt aber auch einfühlsame Beamte, die wüssten, wie wichtig Hilfe und Unterstützung sind, und dass Betroffene im schlimmsten Fall retraumatisiert werden könnten. Viele Ermittler würden sie daher selbst zu Vernehmungen einladen.

Wo finden Betroffene direkt nach Übergriffen Informationen?

Das bundesweite Telefon für Opfer von Gewalt bietet eine gute Anlaufstelle. Unter der kostenlosen Nummer 08000 116 016 wird Opfern auf 18 Sprachen geholfen. Die Beraterinnen können Betroffene auch an regionale Hilfsangebote weitervermitteln.    

Betroffene können zudem hier eine Beratungsstelle in ihrer Nähe finden: frauen-gegen-gewalt.de

Seit MeToo und der Diskussion um das verschärfte Sexualstrafrecht habe Carola viel zu tun, sagt sie. Die Zahl der Anfragen sei gestiegen, ebenso die Bereitschaft, Anzeige zu erstatten. Die vermutete Dunkelziffer an Straftaten ist bei sexueller Gewalt dennoch sehr hoch.

„80 bis 90 Prozent der Betroffenen gehen nicht zur Polizei, mindestens.“
Carola Klein

Zwei Gründe hinderten Frauen immer noch daran, nach einem Übergriff die Polizei einzuschalten. 

Erstens die schwierige Beweislage, vor allem bei länger zurückliegenden Fällen. Zweitens die opferfeindlichen Mythen, die viele Frauen hierzulande selbst verinnerlicht hätten: "Dass man sich wegen seines kurzen Rockes nicht wundern braucht. Dass es ohne Kampf keine Vergewaltigung geben könne, weil man ja mitgemacht habe."

Als Folge trauten sich viele Frauen nicht, gäben sich sogar eine Mitschuld am Übergriff: "Für die Opfer ist es ein schlimmes Gefühl. Der Kontrollverlust, der Verlust der Selbstwirksamkeit. Und dass die eigene Menschenkenntnis kaputt zu sein scheint, weil man dem Täter vertraut hat", sagt Carola. Denn drei Viertel der sexualisierten Gewalttaten gegen Frauen gehen von Bekannten aus: Nachbarn, Verwandte, Kommilitonen, Dates (EU-Studie).  

In der Serie bricht Marie irgendwann zusammen, als sie wieder und wieder erzählen muss, was sie erlebt hat. Auch das ist nicht so weit von der Realität entfernt: "In keinem Fall bleibt es Opfern erspart, mindestens zwei- oder dreimal zu erzählen, was einem geschehen ist", sagt Carola.

Was macht es nun mit Opfern sexualisierter Gewalt, wenn sie dabei zusehen, wie Marie in "Unbelievable" leidet?

Einerseits ist auch Carola Klein der Meinung, dass es gut ist, wenn in Fiction-Formaten sexualisierte Gewalt und auch die Schwierigkeiten, die Betroffene erleben, thematisiert werden. 

Gleichzeitig sieht sie das Risiko, dass man sich als Betroffene noch mehr Gedanken über die Mythen und Gefahren macht: "Ich bin erst auf die Serie aufmerksam geworden, weil eine Klientin mir davon erzählt hat. Sie hat nun noch mehr Angst davor, zur Polizei zu gehen. Sie denkt: 'Mir würden die auch nicht glauben, ich glaube mir selbst ja kaum.‘"

„Empowerment ist das nicht.“
Carola Klein

Wie gehe ich vor, wenn ich Opfer eines sexuellen Übergriffs geworden bin?

Folgendes rät Carola Frauen, die sich vor einer Behandlung wie in "Unbelievable" fürchten: 

Wer direkt von geschulten Spezialisten befragt werden wolle, kann eine Anzeige bei der Online-Wache der Polizei erstatten. Dann erspart man sich den unangenehmen ersten Gang zur Polizeistation, man wird dann direkt vom Landeskriminalamt eingeladen. Wer direkt nach einem Übergriff aber die Polizei verständigt, kann gemeinsam mit den Beamten ins Krankenhaus fahren und Beweise sichern lassen. 

Je nach Situation könnten beide Verfahren Vorteile haben, sagt Carola. Wichtig sei in jedem Fall, nicht allein zur Polizei zu gehen. Man brauche nicht gleich die Anwältin einschalten, eine Freundin sei aber eine große Hilfe. Außerdem könne man eine Befragung jederzeit abbrechen.

Wer noch nicht weiß, ob überhaupt Anzeige erstattet werden soll, aber trotzdem Spuren sichern möchte, kann dies bei "anonymisierten Spurensicherungen" im Krankenhaus machen lassen. Je nach Region sind diese Angebote allerdings besser oder schlechter aufgestellt, erklärt Carola: "In Berlin geht das zum Beispiel nur über die Gewaltschutzambulanz und nicht am Wochenende."  

Eine Serie wie "Unbelievable" regt durch ihre brutale Ehrlichkeit trotzdem dazu an, sich mehr Gedanken über den Umgang mit Opfern sexualisierter Gewalt zu machen.

Denn eines wird beim Schauen jedem bewusst: Hätte ihr Umfeld Marie geglaubt und sie unterstützt, hätte ihr viel zusätzlicher Schmerz erspart bleiben können. 

Vielleicht kann dieser Gedanke dabei helfen, Opfern einfach zuzuhören.


Gerechtigkeit

Österreichische Youtuber attackieren die ÖVP

Als Rezo die CDU "zerstörte", lernten auch weniger YouTube-affine Generationen, wie politisch die Plattform sein kann. Ein paar Monate und über 16 Millionen Klicks später hat Rezo Nachahmer. Das Partei-"Zerstörungsvideo" ist eine Art Genre geworden, sagen Netzexperten. Nur echt mit Hunderten Quellen im Google Doc. (Netzpolitik.org)

In Österreich sind kurz vor der Parlamentswahl gleich zwei Zerstörungs-Videos aufgetaucht. Ziel ist die konservative ÖVP. Dahinter stecken zwei junge Wiener Studenten. bento hat mit beiden gesprochen.

Paul, 22, studiert Politikwissenschaften, ist Mitglied der Grünen und für die "Zerstörung der ÖVP" verantwortlich. Aus der Partei habe aber niemand etwas mit dem Video zu tun gehabt, sagt er. Nur ein paar Stunden später ging Konstantins Video "Die echte Zerstörung der ÖVP" online. Er ist 23 und studiert Jura. 

Paul und Konstantin kennen sich nicht, sie haben erst nach dem Upload vom Anderen erfahren. Trotzdem ähneln sich die Videos. Beide gehen die ÖVP hart an, die seit 1987 regierte – bis die jüngste Regierung im Mai am Ibiza-Skandal zerbrach. (bento)

Rezo ist das Vorbild für beide Videos. Konstantin und Paul beziehen sich direkt zu Anfang der Clips auf ihn. Auch der Stil ist ähnlich: Schnelle Schnitte, wenig Pausen, umfassendes Quellenverzeichnis. Vereinfachte Argumentationen, die Berufung auf Experten und Wissenschaftler und die Betonung auf dem Klimawandel: Das Rezept für die "Zerstörungs"-Videos kommt eindeutig von Rezo. 

"Wir geben Geld dafür aus, um unseren Planeten zu zerstören", sagt Konstantin. Er meint, dass Flugzeugtreibstoff nicht besteuert werde und die Pendlerpauschale Autofahren belohne. "Wir haben gesehen, wie die ÖVP jahrzehnteelang die Klimakrise ignoriert hat, weil sie Politik für Konzerne und Unternehmen gemacht hat, nicht für Menschen." In Fußnoten verweist Konstantin auf eine Reihe von Quellen, die er in einem Googe-Doc zur Verfügung stellt. Auch das hatte bereits Rezo so gelöst. 

Der Tenor in Pauls "Zerstörungs"- Video ist ähnlich. Einige der Themen doppeln sich. Paul traut sich allerdings auch an komplexere Themen, wie das Mercosur-Abkommen mit Ländern Südamerikas. Seine Argumentation ist trotzdem simpel. "Das klimafeindlichste Abkommen der Welt" eine "riesige Katastrophe für den Amazonas-Regenwald". Wer mehr wissen will, muss im Google-Doc die Quellen aufrufen. Es gehe darum, die Fakten zu kennen und bei der kommenden Wahl entsprechende Schlüsse zu ziehen, sagt Paul.

"Ich will euch einfach nur zeigen, wie die ÖVP Politik gegen die Meinung von zig Experten macht", sagt Konstantin zu Beginn seines Videos. Wie bei Rezo ist die Berufung auf Experten und Wissenschaftler der Grundton der Argumentation. Ziffernnoten in der Volksschule seien "Schwachsinn", sagt Konstantin. Das hätten Experten schon "zigmal" gezeigt. Die Partei fördere klimaschädliches Verhalten mit "Zigmilliarden" Euro.

"Ich dachte direkt: So viel von dem, was Rezo sagt, trifft auch auf Österreich zu", sagt Konstantin zu bento. Wie Rezo geht es auch den beiden um die Regierungspolitik der vergangenen Jahre. Nacheinander werden Klimakrise, Bildungsgerechtigkeit und Vermögensverteilung abgearbeitet.