Bild: Netflix
"Tuca & Bertie" ist die Zeichentrick-Serie über 30-jährige Frauen, die uns gefehlt hat.

Zwei Vögel, die beste Freundinnen sind. Eine Stadt, in der alles möglich ist. Und viele Situationen, die einem wie der eigene Alltag vorkommen. "Tuca & Bertie" läuft seit Anfang Mai auf Netflix. Für mich ist sie die beste Serie, die man derzeit streamen kann – und ja, ich schaue auch die achte Staffel Game of Thrones. Denn keine andere Serie stellt derzeit so gut dar, wie das Leben von Frauen um die 30 wirklich aussieht.

Was ist "Tuca & Bertie"?

"Tuca & Bertie" handelt von einem Tucanweibchen und einer Singdrossel. Die zwei 30-jährigen Vogelfrauen leben in einer Fantasiestadt, die von Tieren, Pflanzen, Menschen und sprechenden Gegenständen bevölkert ist. Tuca ist gerade aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen, denn Bertie lebt nun mit ihrem Freund Speckles zusammen. Tuca wohnt deshalb ab sofort in der Wohnung oben drüber.

Sie und Bertie gehen als beste Freundinnen durch eine Welt, in der es Schlangen-U-Bahnen, Katzenberge und sprechenden Torten gibt. Umso erstaunlicher ist es, dass einem dieser Alltag als Zuschauer – und insbesondere als Zuschauerin – trotzdem seltsam bekannt vorkommt.

Die Schauspielerinnen und Comedians Tiffany Haddish und Ali Wong leihen Tuca und Bertie ihre Stimmen und geben ihnen damit einen unverwechselbaren Charakter. Die ausführende Produzentin Lisa Hanawalt hat schon der Animationsserie "BoJack Horseman" einen eigenen Stil verliehen, den sie jetzt bei "Tuca & Bertie" adaptiert hat.

"Tuca & Bertie" ist also eine Serie von einer Frau, die von Frauen (also Vogelfrauen) handelt und für Frauen gemacht ist. Anders als "Family Guy", "Die Simpsons", "Rick and Morty", "Bob’s Burgers", "Southpark" und so weiter und so gleich. Ja, es gibt auch Serien wie "Girls" oder "Broad City", die sich aus einer nicht-männlichen Perspektive an die Zuschauerinnen und Zuschauer wenden. Der Großteil der Serien richtet sich aber auch heute noch an die Norm. Und die ist meist weiß, heterosexuell und männlich.

Ali Wong (links) spricht die Singdrossel Bertie, Tiffany Haddish das Tucanweibchen Tuca.

(Bild: Eddy Chen/Netflix)

"Tuca & Bertie" zeigt Frauen, wie sie wirklich sind und eben nicht immer nur so, wie Männer denken, dass Frauen sind. 

Frauen können genauso eklig, stumpf oder dreckig sein wie Männer. Und sie können genau die gleichen guten und schlechten Charaktereigenschaften haben. Sie müssen nicht immer nur so vor Klischees triefen. Die latent genervte Hausfrau, die ihren Ehemann trotz seiner Fehler liebt und gerade mal für die Dauer einer Folge versucht, ein eigenes Business zu gründen oder die eigene Identität fernab von Küche und Kindern zu finden, habe ich einfach schon zu oft gesehen. 

Und auch Animationsserien wie "Disenchantment", die bewusst mit dem Bild emanzipierter Frauen spielen, sind von Männern produziert worden. Und ehrlich gesagt ermüdend eindimensional.

"Tuca & Bertie" traut sich mehr.

In einer Folge haut Berties linke Brust ab, weil sie keine Lust mehr auf die sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz hat. In einer anderen geht es um sexuelle Wünsche in der Partnerschaft. Oder darum, wie man sich aus toxischen familiären Beziehungen löst.

Ich habe noch nie wegen einer Vogelfrau in Skinny Jeans geweint. Doch hier erzählt sie zutiefst bewegend, wie sie als Kind missbraucht wurde. Ich habe noch nie so sehr mitgefühlt, wie eine Animationsfigur leidet, weil sie gerade ihre beste Freundin verliert. Und ich habe noch nie so sehr eine Rede aus einer Sitcom gefeiert, die klipp und klar ausdrückt, dass wir Frauen verdammt noch mal respektiert werden wollen.

„Ich bin eine erwachsene Frau. Ich verdiene es wie eine erwachsene Frau behandelt zu werden und nicht wie irgendein Objekt. Ich bin nicht dazu da, um euch zu unterhalten und ich bin nicht euer Spielzeug. Also geht mir lieber aus den Augen oder ich polier' euch die Fresse!“
Bertie

Wenn die beiden wieder versuchen Freundschaft, Beziehung und Job parallel zu managen, fühle ich mich immer wieder an meinen eigenen Alltag erinnert. Ist das, was ich tue, immer das Richtige? Ihnen geht es genauso wie mir.

Das alles spielt in einem knallbunten Setting, in dem sehr viel, sehr schnell passiert. Man fühlt sich als Zuschauerin wie auf einem Zuckerschock und kann nicht aufhören, immer mehr zu naschen. Die Serie wirkt gleichermaßen real und surreal – auch deshalb muss man sich bei unangenehmen Situationen nie fremdschämen.

Bertie besucht ihre Nachbarin Draca, eine echte Crazy-Plant-Lady.

(Bild: Netflix)

Ich fühle mich von dieser Serie verstanden und ernstgenommen.

Komisch, dass es zwei Vögel in einer Konfettiwelt braucht, um klar zu machen, welcher Content mir so lange gefehlt hat. Ich wünschte, es liefen mehr Serien wie "Tuca & Bertie" und nicht zum hundertsten Mal die gleichen Storys. Auch Superheldinnenfilme wie "Wonderwoman" oder "Miss Marvel" zeigen, das es sich lohnt, Fantasy-Filme aus weiblicher Perspektive zu erzählen.

Die ausführende Produzentin Lisa Hanawalt hat bereits als Produktionsdesignerin und Produzentin für den einzigartigen Animationsstil bei "BoJack Horseman" gesorgt.

(Bild: Eddy Chen/Netflix)

Macht das alles "Tuca & Bertie" zu einer Frauenserie? Äh, nein!

Natürlich ist die Serie auch für Männer sehenswert. Ich habe schließlich bislang auch ausschließlich Serien gesehen, die von Männern und auch größtenteils für Männer geschrieben wurden. Ich wünsche mir, dass Frauen selbst nicht immer wieder nur als Statistinnen für die männliche Perspektive genutzt werden. 

Ich will, dass sich Frauen in Zukunft nicht darüber freuen müssen, dass es Serien gibt, die sich auch an sie richten und ehrlich auf ihre Lebensrealität eingehen. Weil es dann selbstverständlich sein wird, dass sich Inhalte, die heute nur scheinbar geschlechtsunspezifisch sind, tatsächlich an alle richten.


Gerechtigkeit

Onur Özata ist einer der renommiertesten Anwälte für Opfer rassistischer Gewalt – mit 35
Sein erstes Büro war eine Abstellkammer

Onur Özata hat erst seit einem Jahr seine Zulassung, als er Terroristin Beate Zschäpe im Gerichtssaal gegenübersitzt. 
Der NSU-Prozess ist ein Mammut-Verfahren: 438 Prozesstage, über 60 renommierte Anwälte aus ganz Deutschland – und Özata ist dabei.

Vor ihm liegen Papier und ein Stift. Er soll Notizen machen, vertritt an einigen Tagen den Anwalt eines Opfers des Bomben-Attentats an der Keupstrasse. "Dort zu sitzen und mitzuwirken, war unheimlich beeindruckend, gerade als Türkischstämmiger", erinnert er sich.

Özatas Büro liegt damals in einem Hinterzimmer in Berlin Wilmersdorf. Eine Abstellkammer in der Kanzlei des Vaters eines Freundes. Özata darf sich im Raum voller Akten zwei Regalreihen freiräumen. Sein Name steht nicht einmal auf dem Türschild. Die bisherigen Mandanten sind Familie und Freunde. Es geht um Scheidungen, Verkehrsdelikte, Drogen. "Wald und Wiese", nennt er das.

Heute nimmt Onur Özata auf einem Ledersofa in der Ecke seiner Kanzlei in einer geräumigen Altbauwohnung in Schöneberg Platz.

Er ist mittlerweile einer der wichtigsten Opferanwälte rassistischer Gewalt in Deutschland. Özatas ist 35, wirkt aber jünger, trägt Anzug und eine Hornbrille. Seine Worte wählt er mit Bedacht. Die Liste seiner Fälle liest sich beeindruckend:

Der NSU-Prozess, der Prozess gegen Oskar Gröning, den Buchhalter von Auschwitz, und gegen SS-Wachmann Reinhold Hanning, gegen den ausländerfeindlichen Mörder Rolf Z., und gegen den Waffenhändler des Attentäters im Münchner Einkaufszentrum OEZ.

Alte Nazis, neue Nazis, das habe sich so ergeben, sagt Özata.

Er kommt aus Berlin Wilmersdorf, wuchs in einem Akademikerhaushalt auf. Anwalt zu werden war eine pragmatische Entscheidung. "Meiner Familie war es wichtig, dass ich etwas Bodenständiges mache."

Politisiert wurde er erst später: 2011. Da lief Anders Breivik Amok und der NSU flog auf. Özata war damals Referendar, seine Kommilitonen sprachen von einem Einzelfall. Özata sah das anders. Er fühlte, dass die Stimmung in Deutschland kippte.

Özata lernte den Anwalt Mehmet Daimagüler kennen, der holte ihn in die Kanzlei nach Schöneberg und legte ihm seinen ersten Fall auf den Tisch:

Burak Bektas, erschossen. Zehn Leitz-Ordner hatte die Staatsanwaltschaft per Kurier geliefert. Der Stand der Ermittlungen: seit 2012 ergebnislos. Ein rechtsextremer Hintergrund wurde vermutet. Kein Verdächtiger, kein Prozess. Das war viel Verantwortung für Özata, der die Eltern vertreten sollte.