Bild: Netflix/Serial

Was ist spannender als ein gut konstruierter Krimi? Das echte Leben. Wenn echte Menschen, echte Verbrechen und echte Schicksale zu Unterhaltung werden, nennt sich das 'True Crime'. Noch spannender: Die große Aufmerksamkeit hat neue Bewegung in zwei reale Fälle aus den USA gebracht. Und die Geschichten fesseln nicht nur Zuschauer in Amerika.

Ausschnitt aus "Making a Murderer"(Bild: Netflix)
Zwei US-Formate haben besonders große Aufmerksamkeit auf sich gezogen:
  • "Making A Murderer“, die zehnteilige Netflix-Reihe von Laura Ricciardi und Moira Demos, gehört zu den bekanntesten Vertretern des Genres. Sie verfolgt die Geschichte von Steven Avery. Der Automechaniker aus dem US-Bundesstaat Wisconsin saß 18 Jahre lang unschuldig als Mörder und Vergewaltiger im Gefängnis, ehe ein neuer DNA-Test den wahren Täter entlarvte. Avery verklagte den Bezirk auf 36 Millionen Dollar Schadensersatz. Doch kurz nach seiner Freilassung wurde Avery erneut verhaftet – zusammen mit seinem 16-jährigen Neffen Brendan Dassey soll er die 25-jährige Fotografin Teresa Halbach ermordet haben. Ihr Auto wird auf Averys Grundstück gefunden.
  • Die erste Staffel des Podcasts "Serial“ dokumentiert den Fall von Adnan Syed, der 2000 für den Mord an seiner Freundin Hae Min Lee verurteilt wurde. Das Urteil: lebenslange Haft, plus 30 Jahre. Auch hier deckte die Recherche der Journalistin und Erzählerin Sarah Koenig schwere Ermittlungsfehler auf: Im Zuge ihrer Nachforschungen stieß sie auf eine Zeugin, die nie angehört worden war, obwohl ihre Aussage Syed entlastet hätte.
Ausschnitt aus "Serial"(Bild: Courtesy Serial )
Das Internet erhebt Einspruch:

"Making a Murderer“ und auch "Serial“ erreichten Millionen Zuschauer und Zuhörer. Sie diskutierten in Foren und in den sozialen Medien, sie sorgten dafür, dass die Berichterstattung nicht abriss, dass der öffentliche Druck zunahm. Der große Erfolg führte nicht nur dazu, dass beide Formate weitere Staffeln produzierten. Sondern auch, dass wieder Bewegung in die strittigen Fälle gekommen ist:

  • Die Verurteilung von Brendan Dassey wurde mittlerweile aufgehoben. Das Geständnis des damals 16-Jährigen wurde von einem Gericht als unfreiwillig eingestuft. Es bleibt abzuwarten, was dies für Avery bedeutet, der vor allem aufgrund von Dasseys Aussage verurteilt wurde.
  • Auch der Prozess gegen Adnan Syed wird neu aufgerollt. Ein Gericht stellte fest, dass seine Anwältin ihn unzureichend verteidigt habe. Bei der Wiederaufnahme des Verfahrens soll nun auch die Entlastungszeugin gehört werden, die im ursprünglichen Prozess übersehen wurde.
Sitzen in den USA wirklich so viele unschuldig im Gefängnis?

In den USA sind jahrzehntelange Freiheitsstrafen bei schweren Verbrechen keine Seltenheit. Anders als in Deutschland bedeutet das Urteil “lebenslänglich” hier in der Regel auch tatsächlich Haft bis zum Tod. Außerdem wird in vielen Bundesstaaten nach wie vor die Todesstrafe verhängt.


Die harten Strafen machen das System nicht zwingend umsichtiger. In den vergangen zehn Jahren wurden mehr als 900 Fehlurteile in den USA entdeckt und aufgehoben. Viele der zu Unrecht Verurteilten verbrachten Jahre im Gefängnis (Business Insider). Die Dunkelziffer ist schwer einzuschätzen. Eine Studie der Proceedings of the National Academy of Sciences geht jedoch davon aus, dass im Schnitt jedes 25. Todesurteil in den USA einen Unschuldigen trifft (PNAS).

Das überlastete Rechtssystem der USA trägt hierzu sicherlich bei. Viele Fälle kommen nicht einmal zur Verhandlung, sondern werden hinter verschlossenen Türen zwischen Anklage und Verteidigung abgesprochen. Gern wird Angeklagten etwa Strafmilderung zugesagt, wenn sie die Vorwürfe einräumen. Die Alternative: lange Wartezeiten in Untersuchungshaft mit unsicherem Ausgang. Wer sich keine gute Verteidigung leisten kann, geht damit ein hohes Risiko ein.

Szene aus "Making a Murderer"(Bild: Netflix)
Wir, die Jury?

Genau diese Lücke schließen Formate wie “Serial” und “Making A Murderer”. Sie ermitteln, überprüfen und zeigen so Löcher in der Verteidigung auf. Gleichzeitig erhöht das öffentliche Interesse den Druck auf die Behörden – schließlich möchte niemand die Verantwortung für einen publikumswirksamen Justizskandal tragen. Ohne diesen Druck von außen wäre wohl weder Dasseys noch Syeds Fall neu aufgerollt worden. Nebenbei sind diese wahren Geschichten natürlich auch noch unglaublich fesselnd.

Genau darin liegt aber auch das Problem:

Allzu schnell vergisst man als Zuschauer, dass auch True-Crime-Formate letztlich eine Geschichte erzählen wollen.

Für “Making A Murderer” wurden rund 700 Stunden Material gefilmt; übrig geblieben sind zehn (Slate). Natürlich gibt es einen Spin, eine Perspektive, eine Dramaturgie: Emotionale Interviews mit Averys Freunden und Verwandten legen dem Zuschauer seine Unschuld nahe, lange bevor die ersten Ermittlungsfehler in der Serie thematisiert werden. Das Auftreten von Polizisten, FBI-Beamten oder Richtern wird gern durch bedrohlich-düstere Hintergrundmusik begleitet. “Making A Murderer” verzichtet zwar auf einen Erzähler, erzählt aber dennoch eine ganz eigene Version des Falls.

Die Crew von "Making a Murderer" am Set(Bild: Netflix)

Ganz ähnlich sieht es bei “Serial” aus. Schon die Pilot-Folge trägt den bedeutungsvollen Titel, “The Alibi”. Die vergessene Zeugin steht im Vordergrund, noch ehe der Hörer die Details des Falls kennt. Von Anfang an erzählt der Podcast nicht die Geschichte eines Kriminalfalls, sondern die eines Justizskandals. Ob das der Wahrheit entspricht, bleibt abzuwarten – zwei ehemaligen Mitschülern zufolge soll die vergessene Zeugin nämlich schon vor Jahren mit dem Gedanken gespielt haben, für Syed zu lügen (Baltimore Sun).

Darf Fernsehen das?

Sollten True-Crime-Formate einen derartigen Einfluss auf die Justiz haben? Darf die Meinung von Fernsehmachern und -zuschauern über Schuld und Unschuld mitentscheiden? Selbst, wenn man davon ausgeht, dass sowohl Avery als auch Syed tatsächlich unschuldig sind, drängen diese Fragen sich auf. Schließlich plädieren True-Crime-Sendungen oft genug auch für die Schuld ihrer Protagonisten. Sollten sich die Behörden in solchen Fällen ähnlich reaktionsfreudig zeigen wie bei "Making A Murderer“ oder „Serial“, ist es wohl nur eine Frage der Zeit sein, bis True Crime einen Unschuldigen ins Gefängnis bringt oder zumindest seinen Ruf nachhaltig zerstört.

O.J. Simpson 2008 vor Gericht in Las Vegas(Bild: Getty)

Wie schnell das gehen kann, sieht man am Beispiel von O.J. Simpson. 1994 wurde der beliebte Ex-Footballer beschuldigt, seine Ex-Frau Nicole Brown Simpson und deren Freund Ronald Goldman ermordet zu haben. Nach einem langwierigen Indizienprozess und unablässiger Berichterstattung wurde Simpson schließlich freigesprochen. Die Öffentlichkeit hatte ihn jedoch schon längst für schuldig befunden. Simpsons Karriere erholte sich hiervon nie wieder. Seit 2008 sitzt er wegen bewaffneten Raubüberfalls in Haft. Die Geschichte fasziniert die Menschen bis heute: Gerade wurde eine Filmserie über den Fall mit Emmys ausgezeichnet.

All das ist dem True-Crime-Genre nicht vorzuwerfen -- es ist nicht die Aufgabe von Journalisten und Fernsehproduzenten, die Fehler des US-Rechtssystems zu beheben. Letztendlich können Formate wie "Making A Murderer" niemals die ganze Geschichte eines Verbrechens erzählen, sondern bestenfalls einen Teil davon. Das kann informativ und unterhaltsam sein. Nur voreilige Schlüsse sollte der Zuschauer aus dem gefährlichen Halbwissen nicht ziehen.


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