Netflix-Dokus über reale Serienmörder und Entführungsopfer, Podcasts über Kriminalfälle und ganze Zeitschriften, die sich nur der Nacherzählung von Verbrechen widmen: Das True Crime-Genre ist, spätestens seit Truman Capote es mit seinem Buch "Kaltblütig" zur Kunstform erhob, ein zuverlässiger Publikumsmagnet.

Doch es scheint nicht alle Personengruppen gleichermaßen anzuziehen. Zahlen belegen: True Crime-Formate werden vor allem von Frauen konsumiert

"Stern Crime", eine der auflagenstärksten True-Crime-Zeitschriften in Deutschland, wird laut Angaben des Verlags Gruner + Jahr zu 81 Prozent von Frauen gelesen (Süddeutsche Zeitung). Eine Auswertung von Nutzungsdaten englischsprachiger True-Crime Podcasts ergab, dass diese von deutlich mehr Frauen als Männern gehört werden. Bei "My Favorite Murder" ist beispielsweise 80 Prozent der Hörerschaft weiblich – obwohl Männer durchschnittlich sogar etwas häufiger Podcasts hören (Brandwatch).

Und auch in meinem Umfeld stelle ich fest: Ich kenne einige Frauen, die leidenschaftlich gern True Crime-Zeitschriften lesen oder Podcasts hören. Aber keinen einzigen Mann.

Warum interessieren sich Frauen so besonders für reale Verbrechen? 

Eine Frage, die gar nicht so leicht zu beantworten ist. 

Bisher gibt es fast keine wissenschaftlichen Untersuchungen zu dem Thema (und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler spekulieren nicht so gern über etwas, zu dem es keine Datenbasis gibt). Doch wer nachforscht, findet trotzdem ein paar Anhaltspunkte, die Aufschluss über dieses Phänomen geben könnten.

So gibt es eine einfache statistische Tatsache: Frauen haben mehr Angst vor Verbrechen. 

Eine Umfrage des Bundeskriminalamts und des Max-Planck-Instituts aus 2017 zeigt, dass Frauen in Deutschland sich deutlich unsicherer fühlen als Männer, und dass sie mehr Angst haben, Opfer von Verbrechen zu werden (BKA). Beispielsweise fürchteten sich 22 Prozent der weiblichen Befragten vor einer Körperverletzung, während das nur bei 13 Prozent der Männer der Fall ist. Ein möglicher Grund für das gesteigerte Interesse an True Crime ist, dass Frauen sich ohnehin gedanklich mehr mit Verbrechen beschäftigen – und solche Formate deshalb eher ihr Interesse wecken.

Einen tieferen Einblick gibt eine der wenigen empirischen Studien zu dem Thema. 

Zwei Forscher aus den USA beschäftigten sich im Jahr 2010 mit der Frage, warum True Crime-Bücher vor allem von Frauen gelesen werden (Social Psychological and Personality Science). Mit einer Reihe von Experimenten wollten die beiden herausfinden, was genau die Leserinnen an "Geschichten von Vergewaltigung, Mord und Serienkillern" interessiert. In einem A/B-Test manipulierten sie die Klappentexte von Büchern – um zu schauen, welche Versionen mehr Zuspruch bekommen.

Das Ergebnis: Frauen entschieden sich eher für Bücher, in denen Frauen das Opfer eines Verbrechens wurden. Sie fanden Bücher interessanter, in denen die psychologischen Hintergründe des Täters beleuchtet werden. Außerdem zogen sie Bücher vor, in denen sich Opfer erfolgreich gegen Angreifer wehrten.

Daraus folgerten die Forscher, dass es Frauen bei True Crime-Büchern vor allem um einen praktischen Nutzen für ihr eigenes Leben geht: Ihrer Interpretation nach wollen Frauen aus diesen Texten lernen, potenzielle Straftäter im Alltag zu erkennen, und konkrete Verteidigungsstrategien abschauen.

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True Crime als Selbstverteidigungs-Kurs? Diese Erklärung greift mir zu kurz.

Im Realitäts-Check zeigt sich ein anderes Bild: Wenn ich die True Crime-Fans unter meinen Freundinnen frage, klingen ihre Antworten anders: Eine sagt, sie schaue gern in die Abgründe der Gesellschaft und des Einzelnen. Eine andere fasziniert der Gedanke, dass in jedem von uns etwas Böses, vielleicht sogar ein Mörder stecken könne. Doch ist diese Faszination typisch weiblich?

Mit diesen Gedanken im Kopf rufe ich Lydia Benecke an. Benecke ist Kriminalpsychologin, sie arbeitet mit Sexual- und Gewaltstraftätern. 

Sie schreibt selbst Bücher über reale Kriminalfälle und hält darüber Vorträge. Bei diesen Vorträgen seien Frauen im Publikum "definitiv die Mehrzahl", sagt sie.

Generell erklärt sie den Reiz von True Crime mit einer Mischung aus Emotion und Neugier. Verbrechen seien emotional sehr aufgeladen – und Emotionen erzeugten nun mal Aufmerksamkeit. "Berichte von echten Verbrechen verursachen Gruseln, Entsetzen, Mitgefühl – da guck ich natürlich hin", sagt sie. Außerdem hinterließen sie Antwortbedarf: "Die Taten sind so weit weg vom eigenen Erleben, dass ich verstehen möchte: Was ist der Täter für ein Mensch? Wie kann ich mir erklären, was er getan hat?"

Bei der Erklärung, warum das besonders Frauen anspricht, ist sie vorsichtig – eben weil gesicherte Studienergebnisse fehlen.

Allerdings gebe es Studien, die zeigen, dass Frauen sich tendenziell eher für Menschliches, und Männer eher für Sachliches interessieren. "Das könnte auch dazu führen, dass sie sich verstärkt True Crime zuwenden." Es gibt außerdem Forschungsergebnisse, die Frauen höhere Empathie bestätigen, also die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzufühlen (Translational Psychiatry). Das wiederum könnte damit zusammenhängen, dass sie sich eher menschlichen Themen hinwenden. Diese triggerten eher die Empathie, so Benecke. "Das sind allerdings alles nur Hypothesen – und Spekulationen schwierig", betont sie. "Es bedarf hier deutlich mehr Forschung."

Außerdem könne man bei solchen Männer-Frauen-Unterschieden nie sagen, wie viel davon wirklich biologisch bedingt, und wie viel sozial beziehungsweise Lerneffekt-bedingt ist. "Frauen werden vielleicht belohnt, wenn sie sich menschlichen Themen zuwenden, während Männer in ihrem Interesse für Sachthemen bestärkt werden."

Kürzlich ist ein neues True Crime-Format auf den Markt gekommen, "Closer Crime", ein Ableger der Promizeitschrift, über prominente Verbrechen, speziell für Frauen (Bauer).

Ist True Crime am Ende nichts anderes als ein Klatschmagazin, in dem statt Promi-Schwangerschaften Mordfälle ausgeweidet werden?

Meine True Crime-Freundinnen widersprechen mir: Da gehe es um viel mehr, sagen sie. "True Crime ist auch politisch", erklärt mir eine. Thematisiert werde schließlich nie nur die Tat an sich, sondern auch die gesellschaftlichen Umstände


Gerechtigkeit

Wie Dominik Obdachlosen mit einem Duschbus helfen will

Mit 16 flog er zu Hause raus und landet auf der Straße. Die nächsten zehn Jahre war Dominik Bloh immer wieder obdachlos. Erst mehr als zehn Jahre später, im April 2016, hielt er zum ersten Mal einen eigenen Wohnungsschlüssel in seinen Händen - und schrieb ein Buch über seine Zeit auf der Straße: "Unter Palmen aus Stahl".

Inzwischen ist er zu einer Stimme für Obdachlose geworden: Jede Woche bloggt er über ihre Belange. Und gerade ist der 30-Jährige dabei, eine Idee zu verwirklichen, die er schon hatte, als er noch auf der Straße lebte: 

Ein Duschbus, der durch Hamburg fahren soll und in dem sich Obdachlose pflegen können. 

Noch bis zum 26. April läuft eine Crowdfunding-Aktion, welche die Kosten für den Umbau bezahlen soll. 

Den Bus haben die Leute hinter dem Projekt "GoBanyo" bereits bekommen, im Herbst soll er, wenn alles glatt läuft, das erste Mal durch die Stadt fahren. 

Wir haben uns mit Dominik Bloh getroffen und über seine Idee gesprochen – und welche Rolle eine Dusche bei seinem Weg aus der Obdachlosigkeit gespielt hat.

Dominik, du hast zehn Jahre lang immer wieder auf der Straße gelebt. Wie oft hast du damals geduscht?

Selten. Manchmal wochenlang nicht. Wenn nichts mehr ging, habe ich mir manchmal Geld zusammengeschnorrt, um ins Schwimmbad zu gehen und mich dort im Bad fertig zu machen für eine Stunde.

Es ist einfach das, was am meisten fehlt, das ist mir krass bewusst geworden. Bei all den Grundbedürfnissen, die man versucht zu befriedigen, steht die Dusche hinten an. Jeden Tag Essen zu bekommen und einen warmen Ort zu finden, das ging schon irgendwie klar. Aber sich zu pflegen, sei es auch nur so etwas wie eine Rasur oder für etwas länger auf Toilette zu gehen – das war immer am schwierigsten.

Wo gibt es denn Duschen für Obdachlose?

Kostenlose Duschen sind in Hamburg hauptsächlich zentral gelegen, in den üblichen Aufenthaltsstätten. Es gibt aber zwei Gründe, warum diese keine gute Lösung sind: Zum einen bist du mit deinen anderen Bedürfnissen schon so beschäftigt, dass du dich nicht an Öffnungszeiten, Wartezeiten und Listen zum Eintragen halten kannst. Zum anderen: Wenn du dann mal dort bist, dann kommt aus vielen Duschen nur kaltes Wasser raus. Oder da ist Scheiße in der Ecke von jemandem, der vor dir drin war.

Und irgendwann bist du dann so dreckig, dass du dich schämst. Da schaffst du es gar nicht mehr, diesen Weg in die Innenstadt zu gehen, zu den Aufenthaltsstätten.

Die Idee des Busses ist es, das umzudrehen: Dass wir die Menschen eben nicht in die Innenstadt schicken, wo sie dann dreckig durchlaufen müssen. Nein, wir fahren zu ihnen hin, dann können sie sich dort duschen und trauen sich auch, in zentralere Gebiete zu fahren.

Was kann denn eine ordentliche Dusche bewirken?

Bist du dreckig, isolierst du dich. Auf der Straße bedeutet das: Kapuze aufsetzen und sich verstecken. Wir alle wollen uns ja wohlfühlen in unserer Haut. Das ist einfach ein Grundbedürfnis und darauf bauen viele Dinge auf: Unsere Ausstrahlung nach außen – aber auch nach innen. 

Bei einer Dusche geht es viel um Selbstbewusstsein und das Selbstwertgefühl. Und es geht auch darum, wie man am Leben seiner Mitmenschen teilhaben kann. Wir isolieren uns, wenn wir uns nicht wohlfühlen in unserer Haut. Und das macht diesen Weg, zurück in die Gesellschaft zu finden oder das Hilfesystem zu nutzen, noch schwieriger.

Welche Rolle hat das bei deinem Weg aus der Obdachlosigkeit gespielt?

Es gab mit Sicherheit mehrere Gründe, aber es war einer davon. Ich habe 2015, als viele Flüchtlinge in Hamburg angekommen sind, in den Messehallen mitgeholfen. In der Kleiderkammer gab es einen sehr korrekten Menschen, der hat mir die Duschen in der Halle gezeigt.

Da bin ich morgens um 7 in dieser 8000-Quadratmeter-Halle aufgestanden, konnte danach frisch geduscht in den Tag gehen und Gutes tun. Und in dieser Aufgabe hatte ich wieder einen Sinn.