Bild: Berkay Gumustekin / Unsplash

Ich kann es einfach nicht mehr ertragen. In True-Crime-Podcasts werden Frauen verprügelt, in Heinz Struncks Buch "Der Goldene Handschuh" werden sie brutal ermordet, in "Game of Thrones" werden sie vergewaltigt und gedemütigt. Gewalt gegen Frauen wird ständig und überall dargestellt. 

Mir ist bewusst, dass es solche Taten in der Realität gibt. Trotzdem macht es mich inzwischen nur noch wütend, wenn der hundertste Film und die x-te Serie mir abends auf dem Sofa explizite Gewaltszenen gegen Frauen zeigen. Darauf habe ich keine Lust mehr. Doch wie umgeht man so etwas? Filme werben ja nicht mit ihren wunderbar frauenverachtenden Szenen. 

Ich dachte bisher, ich müsste einfach damit klarkommen. Bis ich diese Seite im Netz entdeckte:  

Auf "Does the dog die?" sortieren Menschen Filme, Serien oder Bücher nach Themen, die sie nicht ertragen können. 

Zum Beispiel: "Der schwarze Charakter stirbt zuerst", "es gibt Dusch-Szenen" oder eben "ein Hund stirbt". 

In mehr als 60 von den Nutzerinnen und Nutzern erstellten Kategorien kann man Filme und Serien danach sortieren, ob das Genannte vorkommt – oder eben nicht. 

Wer zum Beispiel nichts gegen Mord, Folter und Vergewaltigung hat, aber nicht ertragen kann, dass Haustiere zu Tode kommen, hätte dank "Does the dog die?" vielleicht niemals mit "Game of Thrones" angefangen. 

Viele Kategorien sind sehr spezifisch: "Sexuelle Übergriffe" tauchen in der Liste auf, "Gewalt gegen Frauen" leider nicht – dafür sind fast jede Phobie, jeder Ekel und etliche praktische Hinweise für Eltern vorhanden: "Jemandem wird die Vorstellung vom Weihnachtsmann oder ähnlichem versaut", "es gibt Spinnen", "es wird gepupst oder gespuckt". 

Im ersten Moment wirkt die Kombination der Themen skurril.

Denn manches verstehe ich sofort: Wer einen Elternteil verloren hat, schon mal Opfer von rassistischer Gewalt war oder bei einer nahestehenden Person eine Krebsdiagnose erlebt hat, will bestimmt auch mal einfach einen Superheldenfilm gucken und dabei nicht überraschend an traumatische Ereignisse erinnert werden. So jemand kann Filme, die das Thema auch nur am Rande aufgreifen, ausschließen.

Anderes wirkt auf mich fremd: Einige Personen kriegen offenbar durch Kameraperspektiven Angstzustände, die wirken, als würde man das Geschehen aus einem Versteck heraus beobachten. Manche autistischen Personen soll es aufwühlen, in einem Film ein Baby schreien zu hören, erfahre ich aus einer Kategoriebeschreibung.

So etwas dürfte in kaum einer regulären Triggerwarnung auftauchen.

Und genau das macht diese Seite so fantastisch: Sie erinnert an die verbindende Kraft des Internets. Denn hier kann jede und jeder nicht nur zeigen, was ihn oder sie fertig macht. Es besteht auch noch die Möglichkeit, dass man Gleichgesinnte findet – oder zumindest entdeckt, dass überraschend viele Menschen eine Abneigung gegen Hühner teilen.

Wer sich trotz der Vielfalt noch nicht repräsentiert fühlt, kann auch noch eigene Vorschläge einreichen – sie brauchen dann lediglich genug Votes, um als neue Kategorien in die Liste aufgenommen zu werden. Während es "Ertrinken" und "jemand ist besessen" geschafft haben, hängt der Wunsch nach einer Warnung vor Brücken noch in der Schwebe.

Ich drücke ihm die Daumen. Denn irgendwie ist es schön, bei allem Negativen mal wieder die warme Seite des Internets zu spüren: In der sich Gleichgesinnte finden und gegenseitig stärken können – egal wie individuell ihre Bedürfnisse sind. Selbst wenn es nur darum geht, sich beim nächsten Filmabend wohlzufühlen.


Future

Mit dem Pony in den Krieg: Wir haben das Werbe-Festival der Bundeswehr besucht
So war es beim Tag des offenen Panzers.

Groß aufgefahren hat sie, die Truppe: Auf dem Gelände der Hamburger Bundeswehr-Universität gibt es Airbrush-Tattoos und Raketenwerfer, Klettergarten und Aufklärungsdrohnen, Scharfschützengewehre und einen begehbaren Darm. Zweimal überrollt ein Leopard-Panzer ein Auto, zu Vorführungszwecken. Ein Pony wird über das Gelände geführt – warum, weiß niemand so genau. Eine Band aus Uniformierten spielt Songs von Lenny Kravitz und Metallica. Neben Erbsensuppe, Bratwurst und Bier gibt es auch Sushi-Burritos, Veggie-Burger und eine mobile Kaffeebar. 

Ein Familienfest in Tarnfarben.  

Klar: Die Bundeswehr kämpft mit Nachwuchsproblemen und versucht, sich bei jungen Menschen als attraktiver Arbeitgeber zu etablieren. 

Auch deshalb fand am Wochenende zum fünften Mal der "Tag der Bundeswehr" statt. An insgesamt 14 Standorten bundesweit veranstaltete das deutsche Militär eine riesige Werbeaktion für sich selbst. Nach Angaben der Bundeswehr kamen insgesamt fast 270.000 Besucherinnen und Besucher.

Einer davon war ich. Mein letzter Kontakt mit der Bundeswehr ist fast neun Jahre her: Meine Musterung. Da herrschte noch ein rauher Ton. Als ich im Gespräch mit dem Arzt kurz zögerte, fuhr er mich an: "Klare Frage, klare Antwort! Wir sind hier bei der Bundeswehr!" 

Heute gibt sich die Bundeswehr ganz anders. Der weitläufige Campus der Universität ist voll lächelnder Menschen in Uniformen, weiße, graue, blaue, camouflagierte. Schon bei der angenehm unpeniblen Rucksackkontrolle am Eingang nehmen gut gelaunte Soldatinnen und Soldaten die Gäste in Empfang.

Ich bin alleine gekommen, einsam fühlen muss ich mich aber trotzdem nicht. Die Presseoffiziere möchten mir am liebsten alles zeigen. Das solle sich nicht wie Überwachung anfühlen, sagt mir einer von ihnen. Tut es dadurch nur noch mehr, deswegen bitte ich darum, erstmal unbegleitet einen Rundgang machen zu dürfen. Das wird genehmigt, Interviews darf ich allerdings nicht alleine führen. Ich überlege kurz, stramm zu stehen. 

Mitten auf dem Gelände, irgendwo zwischen Panzern und dem Sushi-Burrito-Stand, stolpere ich in einen  bunten Wegweiser. Er zeigt Himmelsrichtung und Entfernung aller aktuellen Auslandseinsätze der Bundeswehr an. Afghanistan, 4690 km, hellblau. Litauen, 947 km, pink.