Allein wegen dieser 4 Momente.

Ende 2005 waren mit einem Mal vier Jungs aus Magdeburg mit zweifelhaften Frisuren die größten Stars, die Deutschland zu bieten hatte.

Bill, Tom, Georg und Gustav – zum damaligen Zeitpunkt zwischen 15 und 18 Jahre alt – veröffentlichten als "Tokio Hotel" ihr Debütalbum "Schrei". Nach den deutschen Charts waren die im Ausland dran, es folgten Touren durch Nord- und Südamerika, Auftritte in Japan, Russland oder Israel.

Obwohl der Erfolg anhielt, bleibt der Band bis heute eines oft verwehrt: Respekt. Gerade zu Anfang bestand ihre Fanbase vor allem aus pubertären Mädchen.

Ihre Musik war zu rockig, um als Pop zu gelten, und zu poppig, als dass sich Fans "richtiger" Rockmusik nicht von ihr abgrenzen müssten. Besonders Frontsänger Bill Kaulitz, der sich schminkte und trotzdem Groupies hatte, wurde zur Zielscheibe von Spott und Hass. Bill und Zwillingsbruder Tom wurde das zu viel. Sie wanderten nach Los Angeles aus – dort leben sie bis heute.

Für die arte-Dokumentation "Hinter die Welt" hat der Filmemacher Oliver Schwabe nun die vier von "Tokio Hotel", die inzwischen Männer sind, begleitet. 

In persönlichen Gesprächen erzählen sie, wie es war, früh berühmt zu werden – und sie berichten von den höchst unterschiedlichen Wegen, die sie gefunden haben, damit umzugehen.

Und auch wer sich nicht für ihre Musik interessiert – Tom, Bill, Gustav und Georg zuzuhören, ist faszinierend und bewegend.

Besonders diese 4 Punkte berühren dabei:

1

Wie weit Fans gehen

In der Zeit nach "Schrei" lebten die Kaulitz-Brüder in einem Haus im Hamburger Umland. Bill erinnert sich:

An den Wochenenden waren bei uns teilweise 50 Leute vor der Tür.
Bill

Vor ihrer Tür hätten Fans gecampt, Lagerfeuer gemacht, quasi gewohnt. Eine Attraktion seien sie gewesen. Ein zwei Meter hoher Zaun hätte sie von ihrer Umwelt getrennt. "Du konntest nicht in Ruhe kacken gehen", sagt Schlagzeuger Gustav über das Leben der Zwillinge.

Auch heute hat Tokio Hotel Fans auf der ganzen Welt. Die Band macht damit richtig Geld – bei Konzerten gibt es teure "Upgrade-Tickets", mit Meet and Greets, die Pressekonferenzen gleichen, und gemeinsamer Selfie-Session im Anschluss.

Manchmal, sagt Bill, treffe er noch immer Menschen, die ihm Angst machen. Die sich eine Beziehung zu ihm einbilden, von Telefonaten berichten, die nie stattgefunden haben. 

(Bild: Screenshot arte)

In ihrem Zuhause in L.A. haben Tom und Bill nun aber weitesgehend ihre Ruhe, genießen die Anonymität. Wo jeder berühmt ist, ist es keiner mehr so richtig. 

2

Wie schwer es manchmal ist, anders zu sein

Bill Kaulitz ist jemand, der auffällt. Das ist in der Doku so, wenn er, weiß blondiert, mit hohen Schuhen und Kunstpelzmantel durch die Wüste spaziert. Das war 2005 so, als er mit Kajal und Stachelfrisur durch den Monsun musste. Und das war in seiner Kindheit so – als er, wie er in der Doku erzählt, von seinem Sportlehrer aufgefordert wurde, mit den Mädchen zu turnen, weil sein Sportoutfit zu exzentrisch war.

Nur eine Erfahrung von vielen, die Bill machte, beim Aufwachsen im ländlichen Sachsen-Anhalt, wo er und sein Bruder groß wurden.

Und sicher auch nur eine Geschichte von vielen, von Menschen, die nicht hineinpassen, die anders sind. Bill hatte den Mut, anders zu bleiben.

(Bild: Screenshot arte)
Für mich kam es nie in Frage, mich anzupassen oder mir das Leben ein bisschen leichter zu machen.
Bill

Heute rührt es ihn, wenn er auf Konzerten in Ländern wie Russland Menschen sieht, die seinem Stil nacheifern. Weil er weiß, wie schwer man es sich damit machen kann – und er diese Leute dennoch dazu inspiriert.

3

Die besondere Verbindung, die die zwei Brüder haben

Dass Zwillinge eine besonders enge Geschwisterbindung haben, hört man immer wieder. Bei Bill und Tom, der eine exzentrisch-laut, der andere lässig-cool, ist die auf den ersten Blick vielleicht weniger sichtbar. 

Wenn sie gemeinsam durch die Wüste ziehen, wie in der Doku zu sehen, glaubt man ihnen aber sofort, wenn sie sich als einen Kreis beschreiben, "wie eine Person".

Unsere Gefühle sind fast immer gleich.
Tom
(Bild: Screenshot arte)

Tom beschreibt Bill als die treibende Kraft in seinem Leben, Bill sieht in Tom seinen Anker, seinen Beschützer. Partner hätten es bisher immer schwer gehabt, keine andere Beziehung hätte lange gehalten.

Denn eigentlich, so erklärt Tom, der aktuell mit Heidi Klum zusammen ist, hätten die beiden schon alles, was man in einer Beziehung suche. Er selbst bräuchte "eigentlich nur noch jemand für den sexuellen Part".

Wenn ich mich den Rest meines Lebens nicht mehr verlieben würde, wäre das völlig okay für mich.
Tom

4

Wie sehr sich das Leben der vier Bandmitglieder unterscheidet

Tokio Hotel spielen noch immer mit derselben Besetzung, mit der sie damals in Magdeburger Jugendclubs angefangen haben. Das ist erstaunlich – gerade, wenn man bedenkt, wie jung die vier damals waren.

Seitdem ist viel passiert, mehrere Studioalben, Touren um die ganze Welt. Bill und Tom sind nach L.A. gezogen. Gustav und Georg sind daheim geblieben

Zwischenzeitlich ist Georg auch mal nach Hamburg gezogen, erzählt er, trotzdem verbrachte er jede freie Minuten in Magdeburg. Also ging er wieder zurück.

Du hast die Elbe hier, du fährst 'ne Viertelstunde, bist mitten im Wald.
Georg
(Bild: Screenshot arte)

Sowohl er als auch Georg schätzen ihre Heimat. Von der Familie geerdet zu werden, helfe ihm immer sehr, erzählt Gustav. Er hat einen Bootsführerschein gemacht, auch hierbei findet er Ruhe.

Für Georg ist es der Sport, jeden Tag trainiert er, er mag es, einen täglichen Ablauf zu haben. Sein Traum: Ein Roadtrip, drei Wochen Island. Bis dahin tun es aber auch erst mal Ausflüge mit seinem Hund.

Im Studio und auf der Bühne sind die zwei Magdeburger trotzdem immer mit dabei. Neben dem schillernden Bill und dem coolen Tom wirken sie zuweilen wie Fremdkörper. Wenn man sie denn überhaupt wahrnimmt. Und trotzdem scheint die Band zu funktionieren.

Nur vier von vielen starken Momenten einer Dokumentation, die vier spannende Charaktere zeigt.

Die einfühlsam, kurzweilig und mit schönen Bildern beweist: Es lohnt sich, Tokio Hotel zuzuhören. Selbst, wenn man "Durch den Monsun" damals ätzend fand: Während wir erwachsen geworden sind, sind es eben auch diese vier Menschen.

Die Doku in voller Länge kannst du hier in der arte-Mediathek nachstreamen.


Gerechtigkeit

"Juden Jena": So gekonnt reagiert Carl-Zeiss-Jena auf antisemitische Provokation
Ein Tweet – und drei schöne Reaktionen darauf

Der Fußballclub Carl Zeiss Jena muss sich regelmäßig antisemitische Sprüche anhören und Schmierereien ertragen. Seit Jahren kommt es bei Fußballduellen im Osten mit Beteiligung des Traditionsvereins zu Beleidigungen und Zwischenfällen. 

Die Anhänger vom FC Carl Zeiss Jena gelten politisch eher als linksgerichtet – also werden sie von rechts angegangen. 

"Im Westen rufen sie: 'Baut die Mauer auf', im Osten: 'Juden Jena'. Lauter alte dumme Sprüche, die man schon langsam überhört", hatte vor einigen Jahren der damalige Beauftragte vom Jenaer Fanprojekt versucht, eine Erklärung zu finden (SPIEGEL ONLINE).

Nun hat der Verein eine perfekte Antwort auf jüngste antisemitische Beschimpfungen.

Die Vorgeschichte:

Bei Fußballspielen des FC Carl Zeiss Jena gibt es immer wieder Rufe wie "Juden Jena", auf Graffitis in der Stadt sind Judensterne neben dem Mannschaftslogo zu sehen. Doch für das Thüringer Ministerium für Inneres und Kommunales stellt das keinen Straftatbestand dar. 

Die Landtagsabgeordnete Katharina König-Preuss von den Linken hatte eine entsprechende Kleine Anfrage gestellt, um den Verein zu unterstützen. Doch das Ministerium watschte sie ab. 

Die Ausrede des Ministeriums:

Das Innenministerium und die Staatsanwaltschaft sehen die Verwendung "Juden Jena" im Zusammenhang mit Fußball als unkritischer an. Genauer begründen sie: 

"Nach der im Zusammenwirken mit den Leitenden Oberstaatsanwälten erarbeiteten Rechtsauffassung der Thüringer Generalstaatsanwaltschaft erfüllt die Parole "Juden Jena" für sich keinen Straftatbestand, insbesondere nicht den Tatbestand der Volksverhetzung gemäß § 130 Strafgesetzbuch, wenn auch im allgemeinen Sprachgebrauch sehr wohl eine Herabsetzung des Gegenübers impliziert sein kann."

Die Begründung klingt nach dem Grundsatz: "Im Zweifel für den Angeklagten." 

 "Das Grundgesetz sieht einen sehr weiten Schutzbereich für das Grundrecht auf Meinungsfreiheit nach Artikel 5 Abs. 1 Satz 1 Grundgesetz vor. Immer dann, wenn andere (nicht strafbare) Deutungsmöglichkeiten nicht ausgeschlossen werden können, ist der Tatbestand der Volksverhetzung nicht erfüllt."