Bild: Netflix
Tierzucht, Wahnsinn, Mordkomplotte: Unser Serientipp

Es gibt nicht vieles, für das man von Deutschland aus neidisch in die USA schaut. Was dort jedoch zweifelsohne deutlich besser ist: die Qualität der C-Promis. Einer davon, mit dem schillernden Namen "Joe Exotic", hat nun in der True-Crime-Serie "Tiger King" (deutsch: "Großkatzen und ihre Raubtiere") ein Denkmal gesetzt bekommen. 

Joe Exotic ist als kitschiger Schlagersänger vielleicht so etwas wie der Michael Wendler der USA – wenn Michael Wendler zu seiner "Musik" zusätzlich illegal mit Raubkatzen handeln und junge Heteromänner mit Crystal Meth verführen würde. Und wenn er sich als Kanzlerkandidat aufstellen lassen würde. Oder in ein Auftragsmordkomplott verstrickt wäre. 

Man sieht: In den USA können sie das besser.

Worum gehts hier?

In den USA leben mehr Tiger in Gefangenschaft, als auf der ganzen Welt noch in freier Wildbahn zu finden sind. Diese Statistik erklärt sich mit jahrzehntelang ignorierten Lücken in US-amerikanischen Gesetzen und skrupellosen Züchtern, die Tigerwelpen und andere Wildtiere für Tausende Dollar an Privatleute verkaufen. Oft unter dem Deckmantel des Artenschutzes.

Ein einträgliches Geschäft – aber nicht für alle.

Joe hat zu Höchstzeiten mehr als 200 Tiger in seinem Park. Zehntausende Dollar kostet allein das Fleisch – wie soll der Schlagersänger sie alle füttern? 

(Bild: Netflix)

Die siebenteilige Dokuserie begleitet den wirtschaftlich arg angeschlagenen Züchter Joseph "Joe Exotic" Maldonado-Passage, seine Ehemänner, Geschäftspartner und Erzfeinde. Darunter nicht minder polarisierende Figuren wie der rivalisierende Händler Doc Antle (ein "Doktor der mystischen Wissenschaften" und polyamorer Kultführer) oder die unter Mordverdacht stehende Tierrechtsaktivistin Carole Baskin. 

Regisseur Eric Goode hat alle Beteiligten über fünf Jahre begleitet und immer wieder interviewt. Was als bloße Doku über fragwürdige Tierzucht geplant war, wurde dabei zu einer Millieustudie und verknüpft gleich mehrere Kriminalfälle ineinander. Gut und böse? Schwarz und weiß? Verschwimmen immer mehr. 

Will Carole Baskin die Raubkatzen retten – oder sich bereichern? Und was ist mit ihrem Ehemann passiert? 

(Bild: Netflix)

Brandstiftung im Krokodilhaus, das mysteriöse Verschwinden eines millionenschweren Ehemannes und das nächtliche Erschießen von "nutzlos" gewordenen Jungtieren – jede Folge überrascht die Zuschauer aufs Neue. Die skurrilen Figuren scheinen dabei nicht dem wahren Leben sondern direkt der Videospielreihe GTA entsprungen zu sein.

Das Team hinter der Doku hat dafür Hunderte Interviews geführt und das Bildmaterial mit großem Aufwand recherchiert – sogar auf dem Dachboden eines verurteilten Drogenbarons, der Kokain in lebenden Schlangen schmuggelte. Unterfüttert wird die Story mit original Videoschnipseln und Fotos der Protagonisten, die sich in ihrer Selbstverliebtheit all die Jahre bei nahezu jedem Spaziergang selbst gefilmt zu haben scheinen. 

Hype durch Lockdown 

Wer in den vergangenen Tagen auf Instagram, Reddit und Twitter über die Bilder von blondierten Männern und ihren Tigern gestolpert ist, weiß jetzt, woher die kommen. Bedingt durch den weltweiten Lockdown scheint fast jeder junge Mensch in den USA die Serie geschaut zu haben, die entsprechenden Memes sieht man seit einigen Tagen auch in Deutschland. 

Der Lockdown allein erklärt den Hype aber nicht. Die Serie ist einfach sehr gut. Sie bietet über weite Strecken mehr als bloßen Voyeurismus, mehr als ein RTL-artiges Lustigmachen über diese skurrile Gruppe ungebildeter und abgehängter Amerikaner. Das ist Netflix schon einmal gelungen, bei der Serie "Making a murderer", die einen Justizskandal aufarbeitete. 

"Tiger King" zeigt vor allem menschliche Schicksale. Denn viele Menschen, die in den Zuchtanlagen und heruntergekommenen Privatzoos der USA arbeiten, sind soziale Verlierer: Körperlich Behinderte, Straftäter, Drogenabhängige, Veteranen, Traumatisierte – Menschen, die in den USA weder richtige Hilfe noch richtige Jobs bekommen. 

Nicht immer bleibt "Tiger King" allerdings fair im Umgang mit diesen Protagonisten. Das Bild von Joe Exotics Ex-Mann mit seinen abstehenden Meth-Zähnen geistert schon eine Weile durchs Internet. Schon im Juli 2019 bekam er neue Zähne, und führte auch danach noch Interviews. Netflix verzichtete aber darauf, das Bild des zahnlosen Hinterwäldlers gerade zu rücken. (TMZ

Immerhin: Trotz ihrer schweren sozialen Lage nimmt die Serie die Täter (denn am Ende sind die meisten von ihnen Kriminelle) nie in Schutz oder macht sie zu Kultfiguren. "Tiger King" zeigt stattdessen mit brutaler Ehrlichkeit, zu welchen Schritten manche Menschen bereit sind, um im Raubtierkapitalismus in den USA zu überleben.

"Grosskatzen und ihre Raubtiere", sieben Folgen á 45 Minuten, auf Netflix. 


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