Bild: Alberto E. Rodriguez / Getty
Im Kino nichts Neues? Doch!

Alles wurde bereits gesagt: Alle Geschichten geschrieben, alle Lieder gesungen, alle Filme gedreht. Ab jetzt geht es nur noch darum, das Bestehende zu verfeinern, aufzubereiten und "wiederzuentdecken". Was im Radio ein House-Cover mit knackigem Saxophon bedeutet, ist in Hollywood das düstere Remake oder die doppelt so explosive Fortsetzung.

Beim wichtigsten Nerd-Event der Welt, der San Diego Comic Con, wurden vergangenes Wochenende wieder die großen Filmproduktionen der nächsten Jahre angekündigt. 

Unter Applaus und Jubelschreien zeigten Studios, Produzentinnen und Regisseure hier Trailer, Poster und Konzepte ihrer kommenden Projekte. 

Originale und neue Ideen allerdings sucht man hier mit der Lupe. Stattdessen:

Damit nicht genug: Dieses Jahr erwartet Fans im Kino noch ein neunter "Star Wars", ein zweiter Reboot-"Godzilla" und, ganz aktuell, eine computeranimierte Verfilmung vom "König der Löwen" parallel zu einem zweiten "Spider-Man" des dritten Reboots in einer Dekade. Uff. 

Warum nur? 

Vielleicht sind wir schuld: Das Mediennutzungsverhalten unserer jungen Generation verändert sich radikal. Allein von 2017 auf 2018 ist die durchschnittliche Fernsehdauer der 14-29-Jährigen um 20 Prozent geschrumpft, von 105 Minuten am Tag auf 84. Zum Vergleich: Über 50-Jährige schauen 315 Minuten am Tag. (GfK)

Wo zuvor das lineare Fernsehen diktierte, was wann geschaut werden muss, haben wir durch Streamingdienste heute zu jeder Zeit selbst die Entscheidung, aus Tausenden Angeboten das für uns Richtige zu wählen. Der Druck, sich gut zu entscheiden, ist allerdings immens. Viele verfallen daher auf bereits Bekanntes zurück, schauen das zehnte Mal "Friends" oder "Tatsächlich... Liebe", statt sich auf etwas Neues einzulassen. "Comfort Binge" heißt das in den USA: Was man schon kennt, wird einen vielleicht nicht mehr überraschen, aber auch nicht überfordern. (SZ Magazin) In Deutschland kennt man das Prinzip von ProSieben, wo allein 2017 2.500 Episoden "Big Bang Theory" ausgestrahlt wurden. (Uebermedien)  

Aber ist diese Angst vor Neuem auch Schuld an den immergleichen Kino-Geschichten?

Betrachtet man die Liste der dreißig erfolgreichsten Filme aller Zeiten, fällt auf: Mit "Titanic" ist nur noch ein für sich stehendes Original auf dieser Liste. Alle anderen sind Remakes, Reihen oder Teil eines zusammenhängenden Filmuniversum wie im Falle von Marvel. Der gerade von "Avengers Endgame" als erfolgreichster Film aller Zeiten überholte "Avatar" etwa bekommt ab 2021 gleich drei Fortsetzungen.

Warum Remakes und Co. wirtschaftlich Sinn ergeben

Als Argument für den Remake- und Fortsetzungstrend im Kino hört man seit Jahren, dass bestehende Universen bereits eine Fanbasis haben. Ein wirtschaftlicher Erfolg sei dadurch wahrscheinlicher als bei einem komplett neuen Projekt. Die Tatsache, dass Menschen eher wieder in bekannte Geschichten eintauchen als neue zu entdecken, spielt also eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Filmen: Was noch keine Fans hat, stellt prinzipiell ein Risiko dar. 

Franchises wie "Jurassic Park" und "Star Wars" werfen neben Einnahmen an den Kinokassen zudem dauerhafte Gewinne durch Spielzeug, Sammel-Nippes, Soundtracks und Videospiellizenzen ab.

Den kompletten Kreis bei diesem Was-hat-die-meisten-Fans-Karussel schafft die neue Netflix-Produktion "The Witcher" mit Superman-Darsteller Henry Cavill in der Hauptrolle: Die Fantasy-Serie basiert auf einem erfolgreichen Videospiel, das wiederum auf einer erfolgreichen Buchserie basiert. Genug Leute werden sie sehen wollen – den Autor dieses Textes eingeschlossen. 

Es ist billig und einfach, sich über die scheinbare Ideenlosigkeit der Drehbuch-Schreibenden und die endlosen Reboots aufzuregen. Aber eben auch ungerecht, wenn man sich vor Augen führt, dass wohl das eigene Schauverhalten diesen Trend bestärkt. Außerdem sind gerade die Remake, Reboots und Fortsetzungen, besonders im Vergleich zueinander, unfassbar interessante Dokumente der Zeitgeschichte. 

Die "Dark Knight"-Trilogie etwa macht "Batman" zum Gefäß, in dem der diffuse Zeitgeist aus "Occupy Wallstreet", Terrorangst und Überwachungsstaat verhandelt wurde. Und zeigt damit rückwirkend, in welcher Stimmung wir zu Beginn des Jahrtausends gelebt haben. Ebenso spannend: Superspion James Bond wird vom Frauenschläger der Vergangenheit plötzlich vor und hinter der Kamera zum Schauplatz und proaktiven Teil feministischer Debatten und Teilhabe. (Guardian)

Zudem bieten bestehende Universen gerade denen eine Möglichkeit, die ansonsten im Mainstream oft vergessen werden. 

"Captain Marvel" und "Wonder Woman" etwa zeigten, dass Actionfilme auch mit und für Frauen verdammt interessant sein können. Meerjungfrau Arielle wird in der Neuverfilmung von der Schwarzen Halle Bailey gespielt und "Black Panther" ist einer der erfolgreichsten Filme aller Zeiten – trotz früherer Ängste vieler Produzenten, dass weltweite Kinogänger kein Interesse an einem schwarzen Cast haben könnten. 

Schauspieler Simu Liu kritisierte Marvel noch 2014 dafür, dass es keinen Asiaten in der Heldenriege gäbe. Nun bekommt er in "Shang-Chi" selbst Superkräfte und zudem ein selten diverses Produktionsteam. Der bisher angeberische Muskelprotz "Thor" wird im kommenden Teil "Love and Thunder" gar von Natalie Portman verkörpert. Wirklich.

Ohne diese bestehenden Universen, das Vertrauen der Zuschauerinnen und den damit einhergehenden finanziellen Rückhalt würden solche Projekte von Kritikern und Studiobossen schnell als Nischenprodukte abmoderiert. 

So zeigen sie aber ganz selbstbewusst: Nein, wir gehören dazu. Gewöhnt euch dran. 

Sollten die kommenden Filme irgendwann als Dokument der Zeitgeschichte herausgekramt werden wäre das immerhin ein Trend, auf den man als Teil dieser Zeit ein wenig Stolz sein kann. 


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