Bild: Netflix
Der Hype um die Netflix-Serie – erklärt an einer einzigen Szene

Was passiert

Überrascht schauen sich Renfri und Geralt in die Augen. "Ist da etwas zwischen uns beiden?", sieht man die beiden denken. Die Musik wird lauter, romantische Streicher setzen ein. Renfri wischt ihm eine Strähne aus dem Gesicht und nähert sich langsam zum Kuss, während er noch einige Augenblicke stoisch verharrt. 

Und während irgendwo am anderen Ende der Welt eine Burg mit brennendem Pfeilhagel überzogen wird, lieben die beiden sich im flackernden Schein ihres Lagerfeuers. 

Doch als Geralt aufwacht, ist Renfri weg. Liebe war das nicht, sondern Lust. Und es fühlt sich sonderbarerweise auch an wie Rache. Für etwas, das nicht er, sondern jemand anderes getan hat. 

Momentaufnahme

Warum lassen wir uns von Trash-TV berieseln und was fasziniert uns so sehr an der neuen Netflix-Serie? Diese Reihe erklärt an einer Szene, warum wir jungen Leute gucken, was wir gucken – und was das über uns aussagt.

Was wirklich passiert

Dieser nette Typ, an dem da aufgestaute Gefühle ausgelassen werden, hat Renfri eigentlich gar nichts getan. Er ist nur ein Ventil. So wie Renfri geht es vielen von uns. Denn auch wir bringen einiges an emotionalem Ballast mit in diese neue Beziehung.

Die Serie "The Witcher" stellt für Millionen von Menschen den seriellen Rebound-Sex dar, den wir nach unserem schlimmen Beziehungsende mit "Game of Thrones" brauchten: Etwas, das unsere dunklen Fantasien befriedigt und das Vakuum in unserem Leben füllt. 

Man "lebt sich auseinander", "will unterschiedliche Dinge" oder kann einfach nicht mehr ertragen, was aus der anderen Person geworden ist: Es ist nicht immer einfach, eine Langzeitbeziehung aufrecht zu erhalten. Es tut weh, wenn etwas Schönes zu Ende geht. Oder wenn man sich die Frage stellt: "Habe ich in all den Jahren meine Zeit verschwendet?"

In solchen Momenten braucht man etwas, um sich über den Schmerz hinwegzutrösten. Im Englischen spricht man dann von "Rebound-Sex" – oberflächlich, überschattet von alten Gefühlen. Trotzdem eine gute Ablenkung.

Absurderweise könnte das, was beim "Witcher" auf dem Bildschirm passiert, ohne Kontext auch in jeder zweiten Millennial-Trennung geschehen: Man will sich von allem abkapseln, sieht trotzdem jede Menge Nackte, besucht Orgien, irgendjemand bringt einen Zauberstab zur Party mit, und irgendwie wird am Ende – zumindest emotional – jeder vom entstehenden Chaos verletzt. 

(Bild: Netflix)

Und dann ist da auch dieser mysteriöse Typ, von dem wir nicht wissen, ob wir ihm nun vertrauen sollen – er könnte uns ja auch in ein paar Jahren das Herz brechen. Denn aus unserer GoT-Erfahrung wissen wir: Es braucht nur sechs schlecht geschrieben Folgen, um eine jahrelang aufgebaute Liebesbeziehung zu zerstören und einen schlimmen Rosenkrieg anzuzetteln. 

Unsere Serien-Herzen: vernarbter als "Witcher"-Hauptfigur Geralt. 

Mit dem Neuanfang eines Fantasy-Epos dieser Größenordnung (es gibt neun Bücher und drei Videospiele als Vorlage) stellen sich die gleichen Probleme ein wie beim Dating: Habe ich wirklich die Zeit und die Muße, mir die wirren Geschichten all dieser Leute anzuhören? Ich hatte doch gerade endlich begriffen, wer Aegon Targaryen war und nun reden sie von einer Kaste aus ausgestoßenen Zauber-Mutanten, Graveirs, Kikimoras und Ländern wie Nilfgaard. Hilfgaard!  

Veröffentlicht wurde die Serie erst kurz vor dem Jahreswechsel und schaffte es trotzdem noch, die meistgesehene Netflix-Sendung des Jahres 2019 zu werden. Die Nachfrage ist gewaltig, auf Twitter und Instagram finden sich unzählige Memes.

Die Kritiken sind gespalten, aber es sind eben auch große Fußstapfen, die der "Witcher" da füllen soll. "Game of Thones" wusste lange Zeit ganz genau, was wir wollten. Nun müssen wir wieder lernen, uns auf anderes einzulassen.

Der Rebound hat immerhin den Effekt, dass man merkt: Auch, wenn das Ende schrecklich war, hatten wir mit der Ex(-Serie) einige gute Zeiten und unvergessliche Erinnerungen. Und so flüstern wir leise "Dracarys", während Geralt auf dem Bildschirm "Igni" nuschelt. Er macht es nicht falsch, nur anders. Und vielleicht ist dieses Anders genau das, was wir gerade brauchen.

76 Millionen Menschen haben dem "Witcher" bisher eine Chance gegeben, teilte Netflix Anfang der Woche mit (The Verge). Die Wahrscheinlichkeit, noch ein paar Jahre mit ihm verbringen zu dürfen, ist also groß. Es könnte sich lohnen, das Herz ein wenig zu öffnen und Super-Hexer Henry Cavill hineinzulassen.

Denn wenn es eine Beziehung gibt, die unsere Generation in jeder kritischen Lebenslage aufrecht erhalten kann, dann zumindest die zur (neuen) Lieblingsserie. 


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