Bild: AMC
Eine Psychologin erklärt, was uns an "Game of Thrones" und "The Walking Dead" fasziniert

Spoiler-Warnstufe orange

Wir verraten hier etwas über die Serie oder den Film. Nicht das komplette Ende. Nicht die Mörder-Überraschung. Falls du dich aber ärgerst, wenn wir hier gleich Ereignisse vorwegnehmen: Lieber erst anschauen und dann hierher zurückkommen.

Negan hat einen Baseballschläger, umwickelt mit Stacheldraht – die Waffe heißt Lucille. Zum Auftakt der neuen Staffel von "The Walking Dead" saust Lucille auf den Kopf eines Gegners nieder. Der Schädel wird gespalten, Blut und Hirnmasse laufen über das Gesicht. Negan lacht: "Dein Augapfel ist rausgeploppt. Das ist scheiß-widerlich!"

Es ist widerlich – aber trotzdem schauen alle zu. Den Staffelauftakt haben mehr als 17 Millionen US-Bürger gesehen (Forbes), mehrere Millionen weitere auf der ganzen Welt dürften die Folge im Netz gestreamt haben. Auch die Kopf-ab-Saga "Game of Thrones" oder die Drogenmafia-Geschichte "Breaking Bad" erreichen ein Millionenpublikum.

Was soll das? Warum fasziniert uns Gewalt in Serien?

Die Kommunikationswissenschaftlerin Anne Bartsch forscht seit Jahren zu Gewalt in Filmen und Serien. Sie weiß, dass wir auf Gewalt stehen: Je blutiger zum Beispiel ein Trailer ist, desto mehr Menschen fühlen sich vom Film angezogen, fand sie in einer Studie heraus. "Das Brutale macht uns keinen Spaß, aber es zieht uns an."

Mit bento hat sie über unsere Lust auf Filmblut gesprochen – und uns drei Hauptgründe genannt.
1. Wir brauchen den Nervenkitzel

"Wenn wir Gewalt in Serien sehen, fasst uns das evolutionär an", sagt Bartsch. Unsere Psyche sei darauf geeicht, Dinge spannend zu finden, die uns ans Überleben erinnern: "Wenn du den Bären ignorierst, bis der dich gefressen hat, ist es zu spät. Wir brauchen dieses innere Frühwarnsystem."

Eine Serie wie "The Walking Dead" zwingt uns also, ständig im Alarmmodus zu sein. Auch wenn in der realen Welt keine Zombies um die Ecke kommen – oder doch? die Beschäftigung mit Extremsituationen hält uns fit. "Ein bisschen Drama und Adrenalin gehören zum Leben dazu", sagt Bartsch – wir brauchen die Erregung, um zu funktionieren.

Blut, Gedärm und fiese Fressen – diese Serien faszinieren gerade wegen ihrer Gewalt:
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2. Wir wollen die Bösen bestrafen

Beispiel Ramsay Bolton: "Wenn dir in 'Game of Thrones' ein Ekel begegnet, dann wünschen wir uns für ihn eine gerechte Strafe", sagt Bartsch. "Und die darf für manche auch gerne blutig sein." Dahinter steckt ein psychologisches Grundprinzip: unser Glaube an die gerechte Welt. Serien und Filme leben von diesem Schema: Die Guten gewinnen, die Bösen verlieren. Und wenn den Guten etwas Schreckliches passiert, leiden wir mit ihnen.

Dieser Moral-Abgleich funktioniert laut Bartsch auch mit Figuren wie Walter White aus "Breaking Bad" oder Frank Underwood aus "House of Cards", die nicht klassisch gut oder böse sind. "Viele beliebte Serien spielen heute mit ambivalenten Charakteren. Das übertragen wir gerne in unsere Wirklichkeit: Kann man moralisches Fehlverhalten rechtfertigen?"

Gleichzeitig hätten Horrorfans laut Bartsch einen guten Sinn für Realismus: "Viele stören sich daran, wenn andere an die Friede-Freude-Eierkuchen-Welt glauben. Sie sehen das Böse in der Welt und haben ein Bedürfnis, sich damit auseinanderzusetzen."

"Die Realität ist hart – und Horrorfilme bilden das ab. Der Horror hilft so beim Nachdenken."
Anne Bartsch
3. Brutale Szenen geben uns die Chance zur Sinnsuche

Horror mag im Kino extremer gezeichnet sein, als wir es im Alltag je erleben werden – aber dennoch helfen uns die Szenen beim Auseinandersetzen mit eigenen existenziellen Fragen. Bartsch sagt: "Tod und Gewalt in einem Film lässt uns über Bedrohungen und Verlust in der Wirklichkeit nachdenken."

Gerade bei "The Walking Dead" greife diese Sinnsuche perfekt: Wie weit würde ich gehen? Wann würde ich meine moralischen Prinzipien aufgeben? "Auch wenn die Zombiewelt abstrakt bleibt, die Machtkämpfe der Figuren können wir in unseren Alltag übertragen", sagt Bartsch. Vielleicht werden wir nicht zum nächsten Rick Grimes – aber wir denken zumindest über unseren Umgang mit Kollegen oder Freunden nach.

Auch eigene düstere Gedanken können wir mit Serien abgleichen. Wer zum Beispiel wie Walter White im Alltag frustriert sei, wird nicht gleich zum mordenden Drogenbaron, sagt Bartsch. "Aber er freut sich, dass die Serie das Gedankenspiel für ihn zu Ende führt."

Das Leben ist eines der härtesten. Noch härter ist die Zombie-Apokalypse. Würdest du am Leben bleiben? Teste dich:

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