Bild: dpa/Jörg Carstensen

Ok, das Studio von "Wer wird Millionär?" zu erkennen, dürfte eigentlich kein Problem sein: Zwei Stühle, direkt gegenüber und in der Mitte ein Bildschirm. Schwieriger wird es, wenn es um kleine Details, Möbel oder Beleuchtung geht. 

Wüsstest du auf Anhieb, welche Farbe die Stühle in der Sendung von Markus Lanz haben? Oder in welcher Talkrunde in der Mitte ein Tisch steht? Und wie der aussieht? Hier kannst du testen, wie gut du beim Fernsehen aufpasst. 

Erkennst du die deutsche Fernsehsendung an nur einem Bild? 


Gerechtigkeit

Sexistische Weihnachtslieder: Baby hat "Nein" gesagt
Ist das besinnlich oder muss das weg?

Als bekennender Weihnachtsnerd serviere ich ab Ende November nur noch Bratapfel-Tee und Spekulatius, ich verteile Duftkerzen und Tannenzweige und, ich gebs zu, sogar Lametta. Und jedes Jahr staube ich meinen CD-Player ab und lege eine der drei CDs ein, die ich noch besitze: Bing Crosbys Weihnachts-Best-Of. Die läuft dann mindestens bis Silvester rauf und runter: beim Plätzchenbacken natürlich, beim Putzen, beim Duschen. Eigentlich immer. 

Das Problem: auf der CD ist auch "Baby It's Cold Outside". 

Das ist einer meiner Lieblings-Weihnachtssongs – und möglicherweise sexistischer Mist.

Schaut man auf den Text, ist die Beweislage leider ziemlich klar.

"Baby It's Cold Outside" ist ein Duett. Nach einem gemeinsamen Abend will eine Frau das Haus ihres Gastgebers verlassen – er versucht, sie zum Bleiben zu überreden. Weil draußen angeblich ein Schneeturm tobt. Das klingt zuerst harmlos:

 

Sie: Ich kann wirklich nicht bleiben

Er:  Baby, es ist kalt draußen.

Sie: Ich muss weg

Er:  Aber Baby, es ist kalt draußen.

 

Später heißt es dann:

 

Sie: Sag mal, was ist in diesem Getränk?

Er: Draußen bekommt man kein Taxi mehr.

 

Es folgt eine ziemlich eindeutige Ansage – die er nicht zu verstehen scheint.

 

Sie: Ich sollte nein, nein, nein sagen

Er: Hast du etwas dagegen, wenn ich dir näherkomme?

Sie: Zumindest werde ich sagen, dass ich es versucht habe.

Er: Wozu [willst du] meinen Stolz verletzen?

Sie: Die Antwort ist nein.

Er: Aber Baby, es ist kalt draußen.

 

Zuletzt stimmt sie zu, noch etwas zu trinken.

Besonders schlimm wird es, wenn man die Filmszene aus "Neptuns Tochter" sieht, mit der das Lied zum Hit wurde und die dem Komponisten immerhin einen Oscar einbrachte: Hier sieht man eindeutig anzügliche Blicke, eine ungewollte Hand auf dem Knie oder um die Schultern und einen Mann, der nach dem Satz "Die Antwort ist 'Nein'" weiter macht.  

Das klingt eindeutig nach sexueller Belästigung. Und nicht nur für mich: 

Der US-Radiosender Star-102, bei dem im Dezember nur Weihnachtssongs laufen, hat den Song deshalb gerade ganz aus dem Programm verbannt. Die Hörer und Hörerinnen fanden das gar nicht gut: In einer Facebook-Umfrage verlangen 94 Prozent den Song zurück. Hörerin Kathryn Dillon schreibt: „Ich bin Teil der Metoo-Bewegung und Überlebende. Ich kann nur für mich sprechen, aber ich liebe den Song und habe mich nie davon beleidigt gefühlt.“

Und prompt ist eine Debatte entbrannt: 

"Kann sein, dass die Leute sagen: Genug mit diesem #MeToo“, verteidigte sich Radiomoderatorin Desiray bei CNN. "Aber wenn man sich mal wirklich hinsetzt und den Text anschaut: Ich würde nicht wollen, dass meine Tochter in diese Situation kommt.“

Andere widersprechen, man müsse das Lied und den Text im Kontext der Zeit betrachten: 

Den Song schrieb Frank Loesser 1944 für sich und seine Frau. 

Eine Englischlehrerin leitet daraus ab, dass es bei dem Lied gar nicht um Vergewaltigung gehe – sondern um Empowerment.  In einer Zeit, in der von "guten Mädchen" erwartet wurde, dass sie immer Nein sagen – auch, wenn sie eigentlich wollen – sei zum Beispiel der starke Drink eine augenzwinkernde Ausrede gewesen, eine Art Running Gag. Die Pointe: Meist sei gar nichts im Drink – nicht einmal besonders viel Alkohol. "Es ist ein Witz darüber, dass sie total nüchtern ist und bald großartigen, einvernehmlichen Sex haben wird.“

Sie nennt das "Token Resistance", Alibiwiderstand.  Auch Comedian Jen Kirkmann schreibt auf Twitter "'Whats in this drink' ist eine alte Filmzeile aus den 30ern, die bedeutet: Ich sag die Wahrheit. Sie wollte zur Sache kommen - und bleiben."

Aber so gern ich diese Argumente höre und so gerne ich "Baby It's Cold Outside" freisprechen würde: Alibiwiderstand gibt es nicht. Die Worte von Frauen nicht ernst zu nehmen, ist bevormundend, frauenfeindlich – und damit zeigt das Lied im besten Fall, wie schlimm es damals um die Gesellschaft stand. 

Denn eine Frau konnte nicht einfach sagen, was sie wollte, egal, was es war: 

Einfach "Ja" sagen zu lockerem Sex ging nicht: Dann war man eine Schlampe. Einfach "Nein" sagen aber auch nicht: Das war unhöflich. Und als Mann wusste man dann nie: Ist das jetzt ein kokettes oder ein echtes Nein? Im besten Fall geht es in dem Song also um zwei Menschen, die nicht offen sprechen können. Und das klingt in meinen Ohren schrecklich. 

Viel schlimmer ist aber noch die zweite Interpretationsmöglichkeit: Sie schafft es nicht, ihn abzuwimmeln, sie ist zu höflich, und aus Rücksicht auf das Ego des Gegenübers ("Wozu [willst du] meinen Stolz verletzen?")  hängt sie an ein klares "Nein" noch eine fadenscheinige Begründung - so wie viele Frauen das seit Jahrzehnten machen. Bis heute. Ständig und überall. 

Und es wird übrigens auch mit getauschten Rollen nicht besser: 

Noch heute wird das Lied neu gecovert. Die beliebteste Version auf Youtube ist gerade mal vier Jahre alt und ganz besonders seltsam. Michael Bublé und Idina Menzel singen das Duett – gespielt werden die Rollen aber von zwei Kindern.  Über 33 Millionen Mal wurde das geklickt. Weitere prominente Version: Lady Gaga mit Joseph Gordon-Levitt in vertauschten Rollen. Aber auch da bleibt ein seltsamer Beigeschmack. Sexuelle Belästigung ist nie okay, völlig unabhängig vom Gender der Beteiligten.

Heute wäre das "Nein“ etwas Wert. Heute spräche man eindeutig von Belästigung. Als zu den Women’s Marches im letzten Jahr Millionen auf die Straßen gingen, war einer der Slogans gegen sexuelle Übergriffe "Nein heißt Nein". In Deutschland ist das mittlerweile sogar Gesetz – auch ein Verdienst der Frauenbewegung. Das ist gut so und war höchste Zeit.

 Und ich kann "Baby it's cold outside" nicht mehr hören, ohne daran zu denken. Deshalb muss ich ab diesem Jahr auf das Lied verzichten. So leid es mir auch tut. 

Denn manchmal kostet Fortschritt etwas – zum Beispiel einen Lieblings-Weihnachtssong. Feministin sein ist hart.