Bild: Jörg Carstensen/dpa

Das Tor öffnet sich, ein junger Mann mit Wuschelhaar betritt die Bühne, ein Mikrofon fest umklammert. Vor ihm: 5 Stuhllehnen.

90 Sekunden hat er nun, um diese Stühle dazu zu bringen, sich umzudrehen. Nur mit seiner Stimme.

"The Voice of Germany", das sollte mal das bessere DSDS sein. 

Eine Castingshow ohne unter Tränen vorgetragene Lebensgeschichten und ohne Frauen, die nur weiterkommen, weil sie Dieter Bohlens Typ sind. Deshalb sitzt die Jury bei den "Blind Auditions" mit dem Rücken zur Bühne und soll nur anhand der Stimme entscheiden. 

Das unaufgeregte Konzept ging auf: "The Voice of Germany" erreichte gute Quoten, war die Castingshow, die man gucken konnte, ohne sich vor den Freunden rechtfertigen zu müssen.

Doch offenbar reicht das den Machern nicht mehr. Denn inzwischen geht es bei "The Voice" vor allem um eins: Darum, dass die Jurymitglieder ("Coaches") in zwei Stunden maximal viel Theater um sich selbst machen können. Besonders tut sich dabei aktuell Mark Forster hervor. 

Und die Kandidaten ("Talents") und ihre Stimmen verkommen endgültig zu Statisten.

Der Mann mit dem Wuschelhaar zum Beispiel. 90 Sekunden lang steht er dort mit seinem orangefarbenen Hemd und geschlossenen Augen, singt Ed Sheerans Lied über seine verstorbene Großmutter. Ein guter Auftritt, zwei der Jury-Mitglieder drehen sich um.

Doch sobald der Sänger den Mund schließt, geht es los mit dem Jury-Theater. Denn wenn sich mehr als ein Coach umdreht, bedeutet das: Es muss darum "gekämpft" werden, in welchem Team er landet. 

Und daraus wird immer mehr der Kampf, wer von den Jury-Mitgliedern der größte Clown ist.

Zuerst zanken nur Yvonne Catterfeld und Michael Patrick Kelly, doch dann sagt der Kandidat den verhängnisvollen Satz, er singe lieber auf Englisch als auf Deutsch, "weil alle internationalen Stars auf Englisch singen". Eine Steilvorlage für Mark Forster, denn der singt bekanntlich auf Deutsch. 

Und von da an geht es in der Sendung nur noch um Mark Forster.

Bei jedem der folgenden Kandidaten muss Mark Forster nun, verzweifelt um Selbstironie bemüht, diesen Kommentar wieder hervorholen. Er erfindet ein Alter Ego, "Forest Skirt", das im Studio Sonnenbrille trägt und nur noch auf Englisch redet.

"Wenn du auf Deutsch singst, wirst du niemals einen Welthit landen", sagt er zu einem slowenischen Sänger, der diesen Witz nicht versteht (wie sollte er auch?), höflich grinst und am Ende zu Yvonne Catterfeld ins Team geht. "Your performance was whoop" sagt er zu einer anderen Sängerin.  "Könntest du auch Deutsch reden?" fragt sie. Er bleibt dabei und überlässt es Fanta 4, ein normales Gespräch zu führen.

Überhaupt zeigen Smudo und Michi von den Fantastischen Vier noch am meisten Interesse an den Kandidatinnen und Kandidaten. Sie wirken wie zwei freundliche Papis, die sich – bis auf einen gelegentliche Rap-Freestyle vielleicht – nicht am Wetteifern der anderen Jurymitglieder beteiligen müssen.

Jetzt ist natürlich nicht alles schlecht bei "The Voice", auch Yvonne Catterfeld und Michael Patrick Kelly haben aufmerksame Momente und sogar Mark Forster erinnert sich zwischendrin manchmal daran, dass er ja eigentlich hier ist, um anderen zuzuhören.

(Bild: Jörg Carstensen/dpa)

Und ja, die Aufteilung in Teams und der damit verbundene Konkurrenzkampf zwischen den Coaches gehörte von Anfang an zum Konzept der Sendung, und trug auch immer zum Unterhaltungswert bei. 

Doch anfangs ging es dabei wirklich auch um eine Zusammenarbeit mit den Kandidaten – wer passt zu wem? Wer kann wem etwas beibringen? Inzwischen ist es für die Coaches aber nur noch der Anlass, sich mit ihrem ständigen Gewitzele, Genecke und Gepose gegenseitig zu übertrumpfen.

Habe ich "The Voice of Germany" eingeschaltet, um Mark Forster und Michael Patrick Kelly beim Armdrücken zu sehen?

Nein, ich habe eingeschaltet, um den Mann mit dem Wuschelhaar die Bühne betreten zu sehen, um überrascht zu sein von seiner sanften Stimme, gebannt, ob sich jemand umdreht.

90 Sekunden, so lange dürfen die Kandidaten singen. 10 Minuten, so lange dauert der Abschnitt über den Mann mit dem Wuschelhaar inklusive Vorinterviews, Jury-Streit und Beleidigte-Leberwurst-Show. Als die vorbei sind, habe ich seine Stimme eigentlich schon wieder vergessen.

Übrigens: Der Mann mit dem Wuschelhaar heißt Philipp von Unold, und seine Version von Ed Sheerans "Supermarket Flowers" kannst du dir hier noch mal anschauen.


Trip

Großbaustelle in Hamburg: Warum die Deutsche Bahn ausgerechnet zu Weihnachten den Zugverkehr im Norden lahmlegt
Wir haben mit jemandem gesprochen, der es wissen muss

Die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr ist für Viele vor allem eines: Reisezeit. Zu den Eltern, zu Oma und Opa, nach Hause zur Familie. Doch ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt wird es rund um den Hamburger Hauptbahnhof eine Großbaustelle geben, durch die viele Züge ausfallen werden. 

Was plant die Deutsche Bahn?

In Hamburg wird es auf einer Strecke von über 1200 Metern Gleiserneuerungen geben. Rund um den Hamburger Hauptbahnhof wird es zwischen dem 25. Dezember 2018 und dem 2. Januar 2019 chaotisch: 

Die Bahnhöfe Dammtor und Altona werden in dieser Zeit überhaupt nicht angefahren, einige Züge enden statt am Hauptbahnhof schon in Hamburg-Harburg oder sogar in Hannover oder Rostock. Welche Zuglinien genau betroffen sind, erfährst du auf der Homepage der Deutschen Bahn

Warum führt die Bahn ausgerechnet dann Bauarbeiten durch, wenn alle nach Hause fahren?

Auch wenn es im ersten Moment nicht so scheint, der Termin für die Großbaustelle ist bewusst gewählt, weiß Egbert Meyer-Lovis, Pressesprecher der Deutschen Bahn: "Wir fangen am 25. Dezember, also direkt nach Heiligabend, mit den Bauarbeiten an. Da sind die meisten Reisenden schon zu Hause. Der Hauptreisestrom findet am Wochenende vor Weihnachten statt", erklärt er bento. Die Rückreise sei das kleinere Problem, weil die Reisenden verteilt über die Woche zurückreisen, so Meyer-Lovis. 

Zwar nutzen zwischen Weihnachten und Neujahr viele die Deutsche Bahn, Meyer-Lovis betont aber, dass dies dennoch deutlich weniger Fahrgäste seien, als im täglichen Pendlerverkehr. SPIEGEL ONLINE stellte in einem Pendler-Spezial fest, dass fast 350.000 Berufstätige täglich nach Hamburg und zurück pendeln.

Laut Meyer-Lovis fahren in der Zeit zwischen dem 25. Dezember und dem 2. Januar etwa 40 Prozent weniger Fahrgäste mit Zügen der Bahn. Dies habe besonders mit den deutschlandweiten Schulferien zu tun. "In der Zeit haben alle Schüler frei und die Eltern natürlich auch."

Gibt es einen Tipp für Reisende während der Zeit?

Das ist schwierig. Welche Züge Verspätungen haben, lässt sich jetzt noch nicht einschätzen. Grundsätzlich verweist die Bahn auf ihre Apps, in denen alle Änderungen eingearbeitet werden sollen. An den Bahnhöfen selbst informieren Aushänge und Lautsprecherdurchsagen die Reisenden.