Bild: © 2016 Home Box Office, Inc.
In der neuen HBO-Serie "The Night Of" geht es um Schuld.

Es ist eine bittere Lektion, die der 23-jährige Naz in seinen ersten Stunden in Untersuchungshaft lernt. Der rehäugige Collegestudent will seine Version der vergangenen Nacht erzählen. Will erklären, dass er unschuldig ist. Dass er unmöglich eine Frau mit 20 Stichen getötet haben kann. Zumindest sein eigener Anwalt soll ihm glauben.

Aber der sonst so gutmütige Verteidiger John Stone (John Turturro) blafft ihn angesichts so großer Naivität wütend an: "Die Wahrheit kann zur Hölle fahren.“ Die Staatsanwaltschaft erfinde ihre Geschichte, die Verteidigung eine andere. "Und die Jury entscheidet, welche ihr am besten gefällt."

(Bild: Giphy )

Gerechtigkeit – das macht die HBO-Serie "The Night Of“ schnell klar – spielt in diesem Justizsystem keine Rolle. Stattdessen läuft der monströse Apparat aus Cops, Wärtern, Staatsanwälten, Verteidigern und Richtern an. Verdächtige werden verhaftet, Protokolle ausgefüllt, Schichtwechsel werden pünktlich vollzogen, Regeln zitiert. Doch all die Rädchen, die sich drehen, schert die Wahrheit einen Dreck.

Im Video: Der Trailer zu "The Night of"

Und vielleicht haben sie damit ja Recht. Schließlich weiß auch Naz nur, dass er in der fraglichen Nacht mit dem Taxi seines Vaters losgefahren ist und eine unbekannte Schöne zu ihm stieg. Statt wie vorgesehen auf einer Party, landet Naz bei ihr Zuhause. Sie trinken Alkohol, nehmen Drogen, spielen mit Messern, haben Sex. Als Naz aufwacht, sitzt er zugedröhnt in der Küche. Und die Unbekannte liegt tot in ihrem Bett. Seine Unschuld ist Naz‘ feste Überzeugung. Aber damit noch lange kein Fakt.

So düster ist die Welt von "The Night Of":
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Doch sein Blackout macht Naz zu einem hilflosen Spielball in einem vorurteilbehafteten System. "Ist er Araber?“, fragt der Stiefvater des Opfers beim ersten Blick auf eine Foto-Sammlung potenziell Verdächtiger. "Dieser Araber war’s!“, ruft ein Zeuge, der die beiden Stunden vor der Tat zusammen sah, im Polizeiverhör. Dass Naz Amerikaner mit pakistanischen Wurzeln ist – so genau will das hier niemand wissen.

Ein Araber, ein Moslem, der Mörder – die Beweisführung ist in den meisten Köpfen schon mit einem Blick auf Naz‘ Hautfarbe abgeschlossen.

​Zur Serie

Staffeln: Eine – und dabei soll es vermutlich bleiben

Episoden: 8

Länge: 57 Minuten, der Pilot ist mit knapp einer Stunde Laufzeit länger.

Sender: "The Night Of" ist eine HBO-Produktion. Die deutsche Fassung wird ab dem 29. September auf Sky Atlantic ausgestrahlt, immer donnerstags, 21 Uhr.

Nicht nur Rassismus benachteiligt Naz. Sein Vater arbeitet als Taxifahrer, seine Mutter verkauft pakistanische Gewänder. Als John Stone ihnen die Anwaltskosten für den Prozess vorrechnet, können sie nur schlucken. "Wo sollen wir das Geld hernehmen?“, fragt der Vater verzweifelt. John Stone zuckt mit den Achseln: "Sie haben ja ein Haus.“

Gerechtigkeit muss man sich erst mal leisten können.

In diesen offensichtlichen Kritikpunkten hat "The Night Of“ viel mit "Making A Murderer“ und "Serial“ gemein.

Doch während die True-Crime-Formate unterschlagene Beweise in echten Mordfällen suchen und sich wie eine zusätzliche Instanz selbst in den Justizapparat einschalten, nutzen Richard Price ("The Wire“) und Steven Zaillian ("Schindlers Liste“) ganz die Freiheit ihres fiktiven Erzählens und nehmen den Zuschauer an Orte mit, die er sonst nie betreten könnte. Sie fragen nicht: Was ist wirklich wahr? Sondern zeigen detailliert, warum und wie die Wahrheit vor Gericht zum unwichtigsten Faktor wird.

Da sind zuerst die beiden Seiten, Staatsanwaltschaft und Verteidigung, die ihre Geschichten schon lange vor dem Prozess in Stein gemeißelt haben. In einem Vier-Augen-Gespräch präsentiert der ermittelnde Cop Box der Anklägerin zum Beispiel einen neuen Verdächtigen, gegen den es handfeste Verdachtspunkte gibt. Ein kurzes Zögern, dann ein Achselzucken, einmal mehr: "Wir haben mehr gegen Naz in der Hand.“ Bloß nicht die bereits gemachte Arbeit aufs Spiel setzen, die bereits abgerechneten Stunden in Frage stellen! Die Spur wird nicht weiterverfolgt.

Und dann ist da die Jury. Die alles entscheidende Macht.
John Stone und Naz vor Gericht (Foto: © 2016 Home Box Office, Inc.)

Ein Haufen Zivilisten, die rechtlich nicht geschult ist. Die den Satz "unschuldig bis zur Beweis der Schuld“ maximal aus "Law & Order“ kennen. Alle Bestrebungen der Anwälte haben zum Ziel, sie zu berühren und verführen.

Wichtiger als ihre Geschichten aber bleiben Äußerlichkeiten, das macht "The Night Of“ schmerzhaft klar. Als schüchterner, verängstigter Student wird Naz auf Rikers Island, der Gefängnis-Insel im East River von New York eingeliefert. Er traut sich kaum den Blick zu heben.

Doch Naz wird in Rikers ein anderer.

Um im Moloch zu überleben, passt er sich an. Für sein Äußeres bedeutet das: Er rasiert sich die Haare ab und legt durch exzessives Pumpen ein paar Muskelschichten zu. Nun zieren Tätowierungen seine Knöchel: "Sünde“ auf der einen Seite, "Schlecht“ auf der anderen. Hervorragend gespielt von Riz Ahmed ändert sich sein gesamter Gestus: Seine Schritte werden breit und aggressiv, seine Blicke distanziert und misstrauisch.

(Bild: Giphy )

Offenbart er damit seine Schuld im Mordfall? Oder ist es eine selbsterfüllende Prophezeiung? Gibt sich Naz nur einem System geschlagen, das ihn schon lange vor dem Richterspruch verurteilt hat?

Weil Zaillian und Price bis zuletzt nicht offenbaren, was in der entscheidenden Nacht tatsächlich passiert ist, richtet sich diese Frage nicht zuletzt an den Zuschauer. Wir werden zum Teil der Jury, zu ungelernten Richtern, und werden zur Reflexion über unsere eigenen Vorurteile gezwungen:

Schaffen wir es wirklich, objektiv zu bleiben?

Oder verurteilen wir Naz, mit jedem Tattoo an seinem Körper ein wenig mehr?

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