Kein nerviger Blockbuster

Wir sind umgeben von großflächiger Kino-Werbung, die uns in die neuesten Kinohits des Sommers locken will. Dabei sind meist die Visual Effects und die Prominenz der Hauptdarsteller der eigentliche Mehrwert des Films. Wenn es überhaupt einen gibt. Zwischen solchen Aufmerksamkeits-Magneten gehen Filme wie "The Dinner" fast unter. Umso mehr lohnt ein genauerer Blick auf den Stoff.

Zwei ungleiche Brüder, Stan (Richard Gere) und Paul (Steve Coogan), treffen sich zusammen mit ihren Ehefrauen Claire (Laura Linney) und Katelyn (Rebecca Hall) zu einem Dinner in einem Nobelrestaurant. Der Anlass ist jedoch alles andere als fein – die Söhne der beiden Paare haben eine Obdachlose angezündet und getötet.

Ein ungewöhnlicher Cast

Beim Blick auf die Schauspieler fällt auf, dass sie aus ihrem natürlichen Genre-Umfeld herausgerissen wurden. Richard Gere kennen wir an der Seite von Julia Roberts in "Pretty Woman" oder "Die Braut, die sich nicht traut" als großen Romanzen-Schauspieler, auch Laura Linney hat in der "Truman Show" oder in "Tatsächlich Liebe" bis jetzt eher lustige oder romantische Charaktere gespielt. Gleiches gilt für Steve Coogan, den du vielleicht aus "Philomena" kennst. Rebecca Hall hat unter der Regie von Christopher Nolan bereits in "Prestige" Thriller-Erfahrung gesammelt, war aber seitdem mehr in Actionfilmen zu sehen.

Diese vier Schauspieler kommen nun in "The Dinner" zusammen und tischen ihrem Publikum ein gesellschaftskritisches Kammerspiel auf. Zynismus ist dabei genauso garantiert, wie ein wenig Verwirrung beim ersten Anschauen des Films.

Schließlich ist Regisseur Oren Moverman ein recht spezieller aber durchaus fähiger Filmemacher.

Regisseur Moverman ist der Shootingstar der Gesellschaftskritik

Sein Debut hatte Oren Moverman 2009 mit dem Drama "The Messenger", in dem er sich intensiv mit den Folgen des Irakkriegs für amerikanische Soldaten beschäftigte. In "The Dinner" setzt Moverman diese Richtung fort, hebt seine Kritik allerdings auf ein abstraktes Level. Natürlich geht es darin nicht um die Frage, ob es richtig oder falsch ist eine Obdachlose anzuzünden. Es geht vielmehr um die Art wie sich Menschen verhalten, wenn bei all den schlimmen Dingen, die wir jeden Tag in den Nachrichten sehen, plötzlich die eigenen Kinder zu Tätern werden. Hier prallen die bürgerlichen Pflichten mit einem sehr selbstbezogenen Schutzmechanismus aufeinander.

Moverman bleibt in der Erzählung nicht kontinuierlich bei seiner Dinner-Gemeinschaft, sondern kreiert ein Puzzle aus Flashbacks, inneren Monologen und den vier Personen am Tisch. Die Zeit, die während des Abends verstreicht wird so fast zu einer Nebensächlichkeit, denn das Problem soll über die Szene hinaus wirken.

Der Stoff ist beliebt

"The Dinner" basiert auf dem Roman "Angerichtet" (im Original "Het Diner") und wurde von dem niederländischen Autor Herman Koch geschrieben. Die Geschichte wird im Buch in fünf Hauptkapitel, benannt nach dem Gängen des Dinners eingeteilt und erinnert damit an ein griechisches Drama. Wegen diese feinen Struktur und der zynischen Zeitkritik hat das Buch bereits sehr viele Fans - und Regisseur Moverman ist sicherlich einer von ihnen.

Bei Buch-Freuden ist die amerikanische Verfilmung von Kochs Roman jedoch schon jetzt nicht sehr beliebt. Sie kritisieren Movermans künstlerische, puzzle-artige Erzählweise.

Besser kommen bei ihnen davor die europäischen Verfilmungen aus den Niederlanden ("Het Diner") und Italien "I nostri ragazzi" an.

Vielleicht rührt die Kritik daher, dass Movermans Adaption in der amerikanischen weißen Mittelklasse spielt und daher eine ganz eigene Symbolik bekommt. Die Egozentrik einiger Charaktere in "The Dinner" lässt sich zum Beispiel einerseits auf die Gesellschaft und ihre Gewaltbereitschaft, aber auch auf die jüngsten politischen Veränderungen in den USA beziehen.

Kammerspiel bringt es auf den Punkt

Große gesellschaftliche Probleme auf einen kleinen Nenner herunter zu brechen, das kennst du vielleicht schon aus Roman Polańskis "Der Gott des Gemetzels". Auch Quentin Tarantino ist in seinem letzten Film "The Hateful Eight" auf den Geschmack der kleinen Bühne gekommen.

Das Potential der Konstellation in "The Dinner" ist immens: Stan Lohman tritt als der große Gewinner auf, der für das Amt des Gouverneurs kandidiert, während sein Bruder Stan sich wegen Depressionen in der beruflichen Abwärtsspirale befindet. Trotzdem meint jeder von beiden, genauso wie ihre Ehefrauen, am Besten entscheiden zu können, was wegen der schrecklichen Tat ihrer Söhne zu tun sei. Die vielen düsteren Familiengeheimnisse und Stans schwache Nerven lassen den Abend dabei zu einem immer lauteren Crescendo anschwellen.

Leichtes Entertainment sieht anders aus, aber davon gibt es im Kinosaal nebenan bestimmt genug. Aus "The Dinner" wirst du sicherlich einige Fragen mitnehmen. Gesellschaftliche Fragen, die Moverman mit seinem Film gestellt hat und die du selber nur allzu gut kennst, aber manchmal gerne ignorieren würdest.

Filmfans, die "The Dinner" bereits vorab sehen konnten, sind daher bereits begeistert:


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