Bild: Netflix
Catfish meets Big Brother meets Black Mirror.
„Nenn mich ruhig 'beste Freundin'. Mir egal. Hauptsache, du bewertest mich gut.“
Sammie

Irgendwann mal war das Versprechen der sozialen Medien, uns alle dichter zusammen zu bringen. Sie sollten uns ermöglichen, am Leben unserer Freunde teilzuhaben und jederzeit auf Knopfdruck offen und ehrlich miteinander zu kommunizieren. 

Es kam anders. Like-Gier, Beauty-Filter und Selbstdarstellungstrieb haben uns dazu verleitet, idealisierte Versionen unserer selbst ins Netz zu stellen, die immer im Urlaub, gut gelaunt und #blessed sind. 

Dass wir mit der Fähigkeit, anderen online ein falsches Ich vorzugaukeln, irgendwann mal Geld gewinnen könnten, wussten wir bisher nicht. 

Doch genau darum geht es bei der neuen Reality-Sendung "The Circle" auf Netflix. 

Acht US-amerikanische Kandidatinnen und Kandidaten leben getrennt voneinander in bunten Appartments, die so aussehen, als hätte Bobby aus "Queer Eye" sich darin austoben dürfen. Monstera-Tapete und handgewebte Traumfänger betteln nur darum, auf einem Insta-Selfie als Hintergrund zu dienen. Blöd nur: Handys sind verboten. 

Denn voneinander isoliert dürfen die acht einander Unbekannten in dieser Show nur über das namensgebende soziale Netzwerk "The Circle" kommunizieren, das die Teilnehmenden miteinander verbindet. Ein bisschen Black Mirror, ein bisschen Big Brother.

Das Prinzip dieser neuzeitlichen Gladiatorenspiele: Da Likes im Netz alles sind, müssen die Teilnehmenden sich ständig gegenseitig bewerten. Wer am Ende einer Runde am beliebstesten ist, wird "Influencer" und darf entscheiden, wer rausfliegt. 

Ab Sekunde eins kommt es deshalb auf die Wahl des richtigen Bilds, Beziehungsstatus' und der richtigen Bio an – fast wie bei einer Neuanmeldung auf Tinder. Nur, dass man statt Geschlechtskrankheiten 100.000 Dollar gewinnen kann. 

Und den Kandidatinnen und Kandidaten dabei zuzusehen ist, ganz ehrlich, ein Riesenspaß. 

Natürlich gibt es genretypisch gecastete Rollen: Da ist die heterosexuelle Sexbombe Alana ("Ich will nicht, dass Frauen mich als Bedrohung wahrnehmen"), die bisexuelle Sexbombe Sammie ("Ich poste viele Bilder von meinem Arsch im Netz") oder der schwule Charmebolzen Chris ("Gott sagte, 'Lasse dein Licht leuchten' und ich erstrahlte wie eine Diskokugel"), die alle genau das machen, was man von ihnen erwarten würde. 

Wem kann man trauen?

Aber dann sind da eben auch Leute wie Seaburn, der sich lieber als seine Freundin Rebecca ausgibt. Er bleibt nicht der einzige "Catfish", also ein Lügner mit falscher Identität. Wer dicker, älter, oder einfach nur vergeben ist, verschweigt das – aus Angst, für das wahre Ich nicht gemocht und rausgeworfen zu werden. Was bald dazu führt, dass an manchen Gesprächen im "Circle" mehr Fake-Profile beteiligt sind als unter einem durchschnittlichen Greta-Post auf Facebook. 

Als Zuschauer sieht man auch deshalb so gern hin, weil "The Circle" mit Befürchtungen spielt, die Internetnutzer kennen dürften: Kann man aus einer Chatnachricht herauslesen, was eine Person für Hintergedanken hat? Kann man einem Profilfoto mit Filter trauen? Und ist das zwinkernde Emoji schon Flirten? Als Zuschauer hat man hier aber das erhabene Erlebnis, beide Seiten zu durchschauen. 

Joey ist laut, flirtet gern und bezeichnet sich selbst als "stolzestes Muttersöhnchen, das du je gesehen hast"

(Bild: Netflix)

Und so beobachten wir, wie die Teilnehmenden für die Zuneigung der anderen das eigene Aussehen und die eigene Persönlichkeit verleugnen. 

Selbst wer mit dem eigenen Gesicht antritt, spielt den anderen etwas vor. Sammie etwa, die die Flirtversuche der männlichen Teilnehmer mit Würgegeräuschen und leerem Blick kommentiert, dann aber freundlich zurückschreibt, um sich bei der Like-Vergabe keine Feinde zu machen. (Was wahrscheinlich näher an der Realität ist, als viele Männer glauben möchten.)

Die Inszenierung der Show ist dabei netflix-typisch perfekt. Störend bleibt nur, dass die Teilnehmenden – bedingt durch die Zwangsisolation – ständig jeden Gedanken laut für die Kamera herausposaunen müssten. Dialog gibt es ja sonst ausschließlich über das Chatfenster. 

„Circle, schreibe: Herz-Emoji, LOL, ich habe geweint. Ausrufezeichen. Senden.“
Ein typisches Gespräch in "The Circle"

Dem linearen Reality-TV hat die Show voraus, dass sie ohne nervige Werbeblöcke, Live-Abstimmungen und Gewinnspiele auskommt – und zudem an drei aufeinanderfolgenden Wochen je vier Folgen auf einmal erscheinen. Paradiesische Zustände für Binge-Watcher.

"The Circle" ist ein bisschen so wie das Gefühl, wenn man Instagram vor lauter Langeweile schließt – nur, um es im nächsten Moment schon wieder zu öffnen. Alles, was man sieht, ist latent fake. Und trotzdem fühlt man sich gut unterhalten. 

Etwas anderes haben wir wohl nicht verdient. 

"The Circle", 12 Episoden à 50 Minuten. Ab sofort auf Netflix. 


Uni und Arbeit

Hilfe von der WG-Therapeutin: "Meine Mitbewohnerin ist schwanger – und hilft im Haushalt nicht mehr mit"
Wie viel Rücksicht müssen die Mitbewohner nehmen?

Maria* schreibt:

"Meine Mitbewohnerin ist schwanger und bekommt im Mai ihr Baby. Mein Mitbewohner und ich freuen uns für sie, aber das Problem ist, dass sie sich jetzt noch weniger im Haushalt beteiligt als zuvor. Sie ist den ganzen Tag zu Hause und räumt nicht einmal die Spülmaschine aus oder ihr gekochtes Essen vom Herd, das dort dann verschimmelt. 

Mein Mitbewohner ist berufstätig und ich schreibe meine Bachelorarbeit in der Uni. Wir können und wollen nicht all ihre Aufgaben übernehmen.