Es gibt Neues von Melissa McCarthy ("Spy – Susan Cooper Undercover"): Seit Donnerstag darf sich das Publikum am neuen Film der 45-jährigen Komödiantin erfreuen. In "The Boss" übernimmt McCarthy nicht nur die Hauptrolle, sie war auch für die Produktion verantwortlich.

Die genre-übergreifend tätige Drehbuchautorin hat sich die Paraderolle der Unternehmerin Michelle Darnell einfach selbst auf den Leib geschneidert. Das Ziel, ganz klar: Unterhaltung auf Feierabendniveau.

Der Trailer zu "The Boss"


Vom Heimkind zur Unternehmerin

In einem Waisenhaus aufgewachsen lernt die junge Michelle Darnell schnell, dass Familie "nur was für Dummschwätzer" ist. Dieses Credo verfolgt sie eiskalt, bis sie es durch harte Arbeit, persönliche Aufopferungsgabe und jede Menge Disziplin an die Spitze der Gesellschaft schafft.

Darnell hat alles: Eine luxuriöse Wohnung, geschmackvolle Gemälde und zwei persönliche Assistenten, die für ihren Job bluten. Die 35-jährige Erfolgsfrau beherrscht die Vermarktung der neoliberalen Karrierehölle wie keine andere. Abends tritt sie in Stadien auf, um Menschen mit inhaltsleeren Phrasen zum eigenen beruflichen Aufstieg zu motivieren.

Der popcornkauende Zuseher kann gar nicht anders, als Darnell in einem Moment für ihren Charme zu lieben, und im nächsten mit den Augen zu rollen.

Erst als ein ehemaliger Geschäftspartner Darnell wegen Insiderhandels anzeigt, droht ihre Existenz zu scheitern. Nach einem viermonatigen Aufenthalt im Frauengefängnis ist sie plötzlich auf ihre vormals devote Assistentin Claire (Kristen Bell) und einen Schlafplatz in deren Wohnung angewiesen. Gemeinsam mit Tochter Rachel gibt Claire ihrer ehemaligen Chefin die Chance, wieder auf die Beine zu kommen.

Zeit für ein neues Imperium

Nach drei Wochen auf dem Sofa ist Schluss: Darnell soll Claires Tochter Rachel zu einem Treffen der "Pusteblumen" begleiten. Die gemeinnützige Organisation verkauft Cookies, für jedes verkaufte Päckchen gibt es Punkte.

Lange hält es Darnell nicht aus, bevor sich ihr Managerinnen-Temperament bemerkbar macht und sie die Veranstaltung kurzerhand an sich reißt. Die eigentliche Chefin der "Pusteblumen", Helen, wird vor den Augen der Kinder diffamiert.

Dass Darnell nicht unbedingt viel von der feinen englischen Art hält ("Die Kekse steck ich dir in den Po!"), hat der Zuschauer längst begriffen. Schließlich handelt es sich bei "The Boss" auch um einen Blockbuster, und keine gefühlvolle Indie-Romance.

Was allerdings nach Darnells Angriff folgt, hat auch im entferntestem Sinne nichts mehr mit Girl-Power und einander unterstützenden Karriere-Frauen zu tun. Sie möchte die Pusteblumen-Mädchen offensiv abwerben und für ihr eigenes neues Unternehmen rekrutieren: Darnell Darlings. Als ob sich mit Brownies Millionen verdienen ließen.

Was die Mädchen von Darnell lernen? Nur wer laut ist, kann sich durchsetzen. Die Stärkere gewinnt. Schwächeren kann man ohne Probleme das Wort abschneiden, die können sich ohnehin nicht wehren. Darnell Darlings sind frech, böse und allen voran genauso karrieregeil und skrupellos wie ihre Erfinderin.

Girl-Power kann nicht darin bestehen, anderen Frauen ein Bein zu stellen

"The Boss" überzeugt mit der detailverliebten Darstellung (die Outfits!) der selbstbewussten Darnell und bringt das Publikum selbst dann zum Lachen, wenn das Level an zu ertragender Frauenfeindlichkeit auch bei jenen überschritten ist, die eigentlich nichts von Feminismus halten. Das ist Blockbuster, das ist Hollywood, das muss man schon mal aushalten können – für ein bisschen seichte Unterhaltung.

Weibliche Stereotype, die Filme wie dieser heute transportieren, sind andere als noch vor zehn Jahren. Frauen können genauso selbstverständlich Karriere machen wie Männer und sich dieselben ekelhaften Eigenschaften antrainieren, die für einen Höhenflug auf der Upper East Side notwendig sind.

Bei den Darnell Darlings geht es allen voran darum, die Konkurrenz auszustechen und die Mädchen der anderen Gruppe (Pusteblumen) schlecht dastehen zu lassen. Den "Versagerinnen" (Zitat Darnell) die Zöpfe abzuschneiden und auf offener Straße brutal aufeinander einzuschlagen. Weil es lustig ist. Ein narratives Novum, könnte man fast jubeln, wenn es sich dabei nicht um die Glorifizierung gewaltvollen Verhaltens handeln würde.

Der Preis, den sie zahlen, bleibt hoch. Und genau das wird nur am Rande thematisiert, während sich die Frauen gegenseitig die Zähne aus dem Mund reißen. Emotionen wie Einsamkeit, Gehässigkeit und Wut spielen genauso wie die anderen Charaktere neben McCarthy nur eine Nebenrolle.

Nicht alles, was Spaß macht, ist politisch korrekt

Der Film zeigt ein modernisiertes, selbstverständlich szenisch überspitztes Bild der heutigen Ellbogengesellschaft. Fast so, als ob brancheninterne Höflichkeitsfloskeln durch reale Faustschläge ersetzt worden wären. Es ist gut, dass Frauen heute stärker sind und scheinbar alles erreichen können.

Nun, zumindest solange sie sich an die Spielregeln des Kapitalismus halten, die all jene ausschließen, die weniger aggressiv vorgehen, auf Gemeinschaftlichkeit und Rücksicht setzen. Girl-Power sollte nicht darin bestehen, anderen Frauen ein Bein zu stellen – aus Angst, selbst auf der Strecke zu bleiben.

Warum können die Darnell Darlings nicht respektvoll mit den Pusteblumen umgehen, statt sie zu diskreditieren? Warum wird hier das Bild vermittelt, dass es richtig sei, andere Frauen zu hassen?

Richtig. Weil es Spaß macht, beim Hinsehen, und Hintreten. Weil es echt scheint. Weil es der Markt so verlangt. Weil nur die Besten an die Investoren und Jobs kommen, während die anderen vom Geltungsdrang ihrer Gegner erschlagen auf der Straße liegen bleiben. Wie die Pusteblumen.

Und so vermisst man – trotz der wunderbar amüsanten Szenen und Melissa McCarthys unvergleichlichem Humor – zumindest ein klein wenig Würde und Tiefgang.

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