Bild: Mary Evans / imago images
Außer Kitsch gibt es vor allem Machtgefälle, Misogynie und einen Stalker.

Es gibt einen Test, den man Filmen unterziehen kann, um die stereotypische Darstellung von Frauen zu untersuchen: Den Bechdel-Test. Wenn zwei namentlich bekannte, weibliche Figuren miteinander reden, und dabei nicht über einen Mann sprechen, gilt er als bestanden. Keine allzu hohe Hürde, könnte man meinen. 

In "Tatsächlich... Liebe", einem der wohl kitschigsten und populärsten Filme der Weihnachtszeit, gibt es genau eine solche Szene. 15 Sekunden lang unterhält sich Karen, Schwester des Premierministers und Ehefrau des untreuen Harry, mit ihrer Tochter über deren Auftritt als Hummer beim Krippenspiel. Davor und danach: Keine einzige Unterhaltung zwischen zwei Frauen in über zwei Stunden, in der es nicht um einen Mann geht.

Gäbe es einen solchen Test für die stereotype Darstellung von Männern, würde "Tatsächlich... Liebe" nicht besser abschneiden. 

Im Grunde tun die männlichen Charaktere all das, was im Zuge der MeToo-Debatte endlich als sexistisches und inakzeptables Verhalten benannt wurde: Nein heißt nicht nein, Männer zeigen keine Gefühle und Machtgefälle werden schamlos ausgenutzt. 

In insgesamt neun Handlungssträngen erzählt der Film die Geschichten von Paaren. Solchen, die es noch werden, von Dreieckskonstellationen und einer Männerfreundschaft. In acht von neun Geschichten liegt der Fokus auf der Perspektive des Mannes. 

Da wäre Harry, der seine Ehefrau Karen mit seiner Sekretärin Mia hintergeht. Oder Witwer Daniel, der mit seinem elfjährigen Stiefsohn Sam den Plan schmiedet, er solle ein Musikinstrument erlernen und in der Schulband mitspielen, in der Joanna singt, das Mädchen, in das Sam verliebt ist. Denn: Alle Frauen lieben Musiker! Sogar Ringo Starr von den Beatles habe schließlich ein Bond-Girl abbekommen. Und der alternde Sänger Billy Mack ist einfach nur ein zynisches Arschloch, sich dessen aber immerhin voll bewusst.  

Doch diese drei Männer und ihre Beziehungen zu Frauen sind bei weitem unübertroffen: 

Colin

Colin (Kris Marshall) findet in Wisconsin endlich sein Glück: Frauen, die nach seinen Anmachversuchen nicht davonlaufen.

(Bild: Mary Evans / imago images)

Heutzutage würde sich Colin wohl als Incel bezeichnen, als "unfreiwillig Enthaltsamen". Er kann einfach nicht nachvollziehen, warum ein Anmachspruch wie "Mal von meinen Nüssen kosten?" nicht gut ankommt. Dann erkennt er endlich den wahren Grund seiner Misere: die britischen Frauen. Zwei Szenen später setzt er sich in den Flieger gen USA, wo er die besseren Frauen vermutet. Dort angekommen lässt er sich von einem Taxi direkt in "Irgendeine Bar!" fahren, wo sich ihm unmittelbar drei Frauen an den Hals werfen, die sich an seinem britischen Akzent erfreuen. Zwei dieser Frauen bringt er wieder zurück nach Großbritannien, eine davon ist für seinen Kumpel Tony, na klar. Was lernen wir daraus? 

  • Hinterfrage nie dein eigenes Verhalten – wenn dich niemand liebt, dann liegt es an den anderen. 
  • Traue keiner Frau, die nicht auf deine sexistischen Anmachsprüche reagiert. 
  • Für misogynes Verhalten gibt's eine Frau zur Belohnung. Eine für dich und eine für deinen Kumpel.

Mark

Macht Stalking wieder romantisch: Mark (Andrew Lincoln).

(Bild: Mary Evans / imago images)

Wenn der unglücklich verliebte Mark vor der Haustür seiner Angebeteten Juliet steht und ihr seine Liebe gesteht, ist das für manche der herzerwärmendste Moment des ganzen Films. (So herzerwärmend, dass Boris Johnson die Szene für seinen Wahlkampf gekapert hat.) Ganz nüchtern betrachtet ist Mark jedoch einfach nur ein Stalker: Spätestens als Juliet ihr Hochzeitsvideo sieht, das allein aus Nahaufnahmen von ihr besteht, möchte man ihr zurufen: "Renn!" Vor dem inneren Auge sieht man als Zuschauer Mark alleine abends vor dem Fernseher sitzen, wie er Juliets Gesicht auf dem Bildschirm streichelt. 

Abgesehen davon, dass es einfach gruselig ist, eine Frau so intensiv zu beobachten und sich ein Video aus Aufnahmen von ihr zusammenzuschneiden, gibt es da noch ein Problem: Juliet liebt eigentlich einen anderen Mann. Den sie gerade erst geheiratet hat. Und der ist ganz nebenbei noch Marks bester Freund Peter. 

Und wie reagiert Juliet auf das Ganze? Sie belohnt ihn mit einem Kuss. Mit dieser Reaktion romantisieren die Macher von "Tatsächlich... Liebe" seine Grenzüberschreitungen und normalisieren sie letztlich.

David 

Charmant oder doch problematisch? David (Hugh Grant) und seine Angestellte Natalie (Martine McCutcheon).

(Bild: Prod.DB / imago images)

Ist nicht wenigstens Premierminister David ein Guter? Schließlich beteiligt er sich als einziger nicht am absurden Fatshaming von Natalie, das offenbar sonst alle Menschen um sie herum betreiben.  

Ja, das mag man David vielleicht noch anrechnen. Doch sein Verhältnis zu Natalie ist geprägt durch ein Machtgefälle: David ist der Premierminister von Großbritannien, Natalie seine Angestellte in der 10 Downing Street, seinem Amtssitz in London. Die beiden vergucken sich ineinander. Doch als Natalie vom US-Präsidenten sexuell belästigt wird – wofür sie sich auch noch entschuldigt! – greift er nicht ein. Seinem Unmut darüber, dass der Präsidenten "sich einfach nimmt, was er will", macht er durch eine Machtdemonstration auf einer Pressekonferenz Luft. Natalie dagegen lässt er kurzerhand versetzen, ohne dass sie dabei irgendein Mitspracherecht hätte.

Natalie und ihre Karriere werden zum Spielball von Davids Entscheidungen, die allein auf seinen persönlichen Gefühlen basieren. Und erst als David sich dazu entscheidet, dass er sie nun doch wieder sehen möchte, taucht er bei Natalie vor der Haustür auf. Wie viel und welche Art von Kontakt es zwischen den beiden gibt, liegt allein bei David.

Wie romantisch! Ach ja, nein. Genau das ist das Problem des ganzen Filmes: Die Männer sind übergriffig, respektieren die Grenzen der Frauen nicht und objektifizieren sie. Zu ihrem Glück sind ihre weiblichen Gegenparts genauso unreflektiert wie sie selbst, denn sie legen ihnen ihr Verhalten als romantisch aus. 

Der einzige männliche Lichtblick im Film – Stichwort Licht – ist John. Er verliebt sich bei seinem Job als Lichtdouble am Set eines Films in seine Kollegin Judy. Der Film besteht offenbar allein aus Sexszenen, denn man sieht sie nur in der Doggy-Stellung oder beim Cunnilingus, entweder spärlich bekleidet oder gänzlich nackt. Dabei reden sie über Belanglosigkeiten wie das Wetter. Nicht besonders smart, aber immerhin auch nicht sexistisch. 

All I want for Christmas this year? Einen Weihnachtsfilm, der es schafft, Männer als das darzustellen, was sie auch sein können: Respektvoll, refelektiert und die von einer Beziehung und einer Partnerin etwas mehr wollen als jemanden, der oder die zu allem "Ja" sagt und lange Beine hat. 



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