Ich liege auf dem Sofa rum, müsste eigentlich dringend schlafen, weil ich früh aufstehen muss, will aber nur noch eine Folge der aktuellen Lieblingsserie gucken. Und dann lässt mich das blöde Ding mit einem absoluten Cliffhanger zurück! Abschalten unmöglich. Also nur noch kurz den Anfang der nächsten Folge... 

Irgendwann ist es nach Mitternacht und ich ärgere mich.

Kennt man.

Doch es gibt eine Lösung – nicht für meine Netflix-Sucht, aber zumindest für einen Teil des Problems. Sie heißt Speedwatching.

Wie jetzt, vorspulen? 

Nicht ganz, aber es geht in diese Richtung. Immer mehr Menschen laden sich Browser-Erweiterungen oder Apps herunter, um die Geschwindigkeit der Videos auf Netflix, YouTube und Co. selbst bestimmen zu können (SPIEGEL ONLINE). 

Das Ergebnis sind zum Glück keine quietschig-hohen Mickey-Maus-Dialoge: Die Programme pegeln die Stimmen automatisch auf ihre normale Tonlage herunter. Auch die Hintergrundmusik läuft nur schneller, verändert sich aber ansonsten nicht.

Ist das nicht trotzdem wahnsinnig anstrengend?, dachte ich und probierte es aus. Und ich muss sagen: 

Es ist ziemlich gut!
Wie funktioniert Speedwatching? Und welche Programme gibt es?
Es gibt sowohl Browser-Erweiterungen als auch Mobil-Apps. Auf dem Desktop geht es auch mit dem VLC-Player.
Alleine die Chrome-Erweiterung "Video Speed Controller" wurde schon mehr als 250.000 mal heruntergeladen.
Die Funktion lässt einen in kleinen Schritten die Geschwindigkeit variieren. Man muss also nicht alles doppelt so schnell schauen, ...
... sondern beispielsweise nur ganz leicht beschleunigt, in 1,1- oder 1,2-facher Geschwindigkeit - je nachdem, was man noch angenehm findet.
Ähnlich funktioniert auch Speedeo - eine iOS-App.
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Warum?!?

Ich habe einen Vollzeitjob, studiere nebenbei noch und mag mein Sozialleben. Trotzdem will ich auch bei neuen Serien auf dem aktuellen Stand sein, möchte mit Freunden über die neuen Staffeln von "Love" und "Girls" reden. Und zwischendurch mal ein Buch lesen. Und Sport machen. Und und und. 

Aber 24 Stunden reichen dafür nicht aus. Bei der Arbeit kann und bei Freunden und Familie will ich meine Zeit nicht kürzen, also muss ich anderswo optimieren. 

Und eine Serie setzt einen zeitlich wirklich sehr zurück. Beispiel: Um alle zehn Staffeln "Friends" zu gucken, bräuchte man drei Tage, 14 Stunden und 32 Minuten - ohne Pausen. Für fünf Staffeln "House of Cards" würde man einen Tag, 20 Stunden und 10 Minuten nonstop vor dem Bildschirm sitzen. (tiii.me)

Am schlimmsten sind solche Zeitfresser während der Hausarbeitsphasen. Wenn ich eigentlich arbeiten sollte, aber dann stundenlang an Netflix klebe - weil ich einfach wissen muss, wie es weitergeht. 

Und die Zeitersparnis ist nicht wenig. So kann man 4 Folgen "Unbreakable Kimmy Schmidt" in einer Stunde schaffen, eine ganze Staffel "Game of Thrones" passt in gute vier Stunden, fand ein Autor der "Washington Post" heraus. 

Also hoch mit der Geschwindigkeit! Und runter mit dem schlechten Gewissen.

Klar, der Regisseur hat jede dramatische Pause absichtlich gesetzt. Und natürlich ist es an sich schöner, Serien genau so zu genießen, wie sie erdacht wurden. 

Aber manche Serien werden sogar besser, wenn man sie etwas schneller schaut – meistens die lustigen. Ich habe es mal mit "Modern Family" und "Friends" ausprobiert, besonders erstere hat tatsächlich gewonnen: 

  • Heimlich ausgetauschte Blicke zwischen Mitch und Cam bekommen durch die Geschwindigkeit plötzlich einen Slapstick-Witz, die Dialoge in "Modern Family" werden durch fehlende Pausen dynamischer. 
  • Bei "Friends" dagegen war ich schon ab 1,2-fachem Speed völlig überfordert, als sich Rachel und Joey in Höchstgeschwindigkeit die Pointen um die Ohren warfen und alle wie durchgeknallt durch Monicas Wohnung rannten.
Wo wir gerade dabei sind: In welchen Clan gehörst du bei "Modern Family"?

Selbst bei ruhigeren, langsameren Serien ist für mich die 1,5-fache Geschwindigkeit das absolute Maximum, danach wird es anstrengend. Bei einer Episode spart man so ungefähr die Hälfte der Zeit. Trainierte Speedwatcher haben sich an ein Level von 2,5-facher Geschwindigkeit oder noch höher gewöhnt. So weit muss ich dann auch nicht gehen. Und bei 1,2-facher Geschwindigkeit spart man immerhin 20 Prozent – eine "Grey's Anatomy"-Folge von 42 Minuten schafft man dann in 34. 

Ihr findet das alles total bescheuert?

Verständlich. Aber auch für Highspeed-Gegner gibt es vielleicht noch einen Anwendungsbereich. 

Wer gerne Serien im Original gucken möchte, den Dialogen aber normalerweise nicht gut folgen kann, der kann sie mit dem Regler auch langsamer machen. "House of Cards" auf Valium, die Dialoge der "Gilmore Girls" endlich mal in erträglicher Geschwindigkeit.

Die Idee ist übrigens nicht neu

Nur in Bezug auf Streaming. 

Denn Speedreading gibt es beispielsweise schon sehr lange. Man kann sogar Kurse darin nehmen, Bücher oder Unitexte schneller und trotzdem effektiv zu lesen.

Oder Podcasts: Hier gibt es ebenfalls schon seit einiger Zeit Apps, die nicht nur die Geschwindigkeit hochschrauben, sonder auch Sprechpausen eliminieren. 20 Minuten auf dem Weg zur Arbeit, statt eine komplette Stunde, wenn man dann mal Zeit hat.


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Warum ein EU-Abgeordneter Ungarns Ministerpräsident mit Stalin vergleicht
Was ist passiert?

Im EU-Parlament haben Abgeordnete mit dem ungarischen Regierungschef Viktor Orbán heftig diskutiert. Besonders wütend war der Fraktionschef der Liberalen, Guy Verhofstadt. Er verglich Orbáns Politik mit einer "modernen Version des Kommunismus" unter Stalin. "Sie versuchen, alle Feinde auszumerzen."

Die EU-Kommission hatte zuvor ein Verfahren eingeleitet. Sie verurteilt das neue Hochschulgesetz in Ungarn. Orbáns Partei Fidesz hatte ein neues Gesetz verabschiedet, das für ausländische Hochschulen sehr strenge Auflagen vorsieht (Hungarian Free Press). Ab kommendem Jahr dürfen demnach nur noch Hochschulen geöffnet bleiben, die gleichzeitig einen Standort in ihrem Heimatland und in Ungarn haben. Die Neuregelung betrifft vor allem die US-amerikanisch finanzierte CEU, die bislang nur einen Campus in Budapest unterhält.

Wir haben junge Demonstranten gefragt: