Bild: Amazon

Marius Josipovic – gespielt von Giovanni Ribisi – baut einen Gedächtnispalast. In dem fiktiven Gebäude verstaut der Anti-Held der neuen Amazon-Serie "Sneaky Pete" sorgsam jede Nummer, die er in seinem Leben jemals in die Hände bekommen hat – seien es Geburtstage, Handy-Pins oder Safe-Kombinationen.

Der Gedächtnispalast ist eine beliebte Memo-Technik für Genies: Auch Sherlock Holmes und Hannibal Lecter benutzen sie. Ein moralisch wertfreies Werkzeug, für Selbstgerechte wie Serienmörder geeignet. Der Besitzer entscheidet, ob er die Macht des Wissens gegen oder zum Wohle der Menschheit einsetzt.

Bei Marius Josipovic scheint die Lage klar: Er ist ein Krimineller. Zu Anfang der Serie steckt er noch im orangefarbenen Knast-Sweater und sitzt die letzten Tage seiner Haftstrafe ab. Aber wohin danach? Weil er einem Gangster-Boss – gespielt von Bryan Cranston aka Walter White, der auch Produzent ist – Geld schuldet, darf er sich bei seinen alten Kompagnons nicht blicken lassen.

Lügen und Betrügen mit "Sneaky Pete" – so sieht die neue Amazon-Serie aus

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Kurzerhand gibt er sich in Freiheit als sein Zellennachbar Pete aus und zeckt sich in dessen gutmütige Großfamilie ein, die das schwarze Schaf 20 Jahre lang nicht gesehen hat. Die Gefangenschaft machte Pete zum Glück nostalgisch und redselig – Marius‘ Gedächtnispalast ist reich mit Infos über Petes Heimatfarm, Grandma, Grandpa, Cousins und Cousinen gefüllt. Und im Safe des kriselnden Familien-Unternehmens liegen 100.000 Dollar, mit denen sich der Fake-Pete die Freiheit kaufen könnte.

Es beginnt das große Lügen.

Dabei bewegt sich Marius immer in einer gefühlt moralischen Grauzone. Gefühlt – weil sie so grau in Wirklichkeit ja gar nicht ist: Wer Identitäten stiehlt, lügt, betrügt und beim Händeschütteln die Rolex vom Handgelenk des Gesprächspartners zieht, der würde vor jedem Gericht dafür belangt.

Hier kannst du dir den Trailer anschauen:

Doch Richter sind im Fall von "Sneaky Pete" erst einmal nur wir, die Zuschauer. Und wir winken so einiges Justiziables durch – besonders wenn es um Betrüger geht. Vielleicht hat das mit einer universellen Wahrheit zu tun:

Wir lügen alle. Nur die meisten lügen schlecht.

Wir stolpern in der Not über unsere eigene Zunge, laufen rot an, rutschen mit der Stimme um eine verräterische Terz nach oben, senken den Blick. Kurz: Wir versagen gnadenlos als Täuscher. Und werden entweder von unserem Gegenüber im peinlichen Verhör oder später von unserem eigenen Gewissen enttarnt. Wer aber wie ein Eiskunstläufer elegant und ohne Reue von Lüge zu Lüge, sogar von Identität zu Identität springt, der erntet von uns bereitwillig Bewundern.

(Bild: Giphy )

Deswegen haben auch echte Betrüger in unserer Gesellschaft ganz gute Karten, selbst wenn sie erwischt werden.

  • Wolfgang Beltracchi soll mit gefälschten Kunstwerken bis zu 50 Millionen Euro ergaunert haben – über die geschröpften Opfer wird maximal geschmunzelt, Beltracchi aber wurde in einem Dokumentarfilm verewigt.
  • Gert Postel tat 15 Jahre lang so, als sei er Arzt, er behandelte Patienten und verschrieb ihnen Medikamente, riskierte also potenziell deren Leben, zumindest aber die Gesundheit anderer – heute tingelt er durch Talkshows, in denen er erklären darf, wie er die Medizin ad absurdum führte.

Damit wir den Betrug mehr als Kunstform denn als Verbrechen wahrnehmen, sind drei Zutaten vonnöten:
  1. Erstens muss der Betrug kopflastig sein; weit entfernt von der Brutalität eines Mordes, einer Körperverletzung oder eines Raubs. Auch Marius Josipovic wendet niemals Gewalt an. „Bist du schon mal geschlagen worden?“, fragt er seine vermeintliche Cousine nachdem er sich weigert, ihr in einem Handgemenge beizustehen. "Es tut weh!" Sogar wenn er vor Verfolgern durch die Innenstadt flieht, ruft er den Passanten: "Aus dem Weg!" entgegen – als würde der kleinste Rempler ihn entehren.
  2. Zweitens ist herausragendes Talent gefragt. Im Fall von Marius Josipovic sind neben Intelligenz vor allem Empathie, Strategie und stahlharte Nerven entscheidend. Denn natürlich kann der Betrüger so viel planen, wie er will – Menschen sind keine willenlosen Schachfiguren und nicht jeder ihrer Züge lässt sich perfekt vorhersehen. Mehr als einmal muss Marius, hervorragend gespielt von Giovanni Ribisi, deswegen sein doppeldeutiges Lächeln aufsetzen: Eine nette Fassade für sein Gegenüber, die ihm Zeit schenkt, während dahinter alle Rädchen rattern.
  3. Drittens ist das Ziel des Betrugs entscheidend. Denn alles Talent hilft nicht – will der Betrüger ein Kinderheim oder einen Fonds für Obdachlose hochnehmen, bleibt er ein Schwein. Wie beim Gedächtnispalast macht erst die finale Absicht den Bösewicht oder den Ritter in strahlender Rüstung. Hat es "Sneaky Pete" auf das Geld der liebenswerten Farmer-Familie abgesehen – und ruiniert damit deren Existenz? Oder schafft er es, Obermacker Vince (Bryan Cranston) auch ohne deren Kapital zu entkommen?

Nichts an "Sneaky Pete" ist neu. Aber was macht es schon, wenn man die Turns und Tricks schon aus Filmen wie "Die üblichen Verdächtigen", "Catch me if you can" oder "American Hustle" kennt? So ein Betrüger bleibt ein Star, seine Arbeit faszinierend. Da die Charaktere noch dazu liebevoll in die Tiefe gehen und die Darsteller (Margo Martindale!) hervorragend sind: Lasst das Spiel beginnen!


"Sneaky Pete" ist verfügbar auf Amazon Prime, es gibt 10 Folgen, eine zweite Staffel ist in Planung.


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