Bild: Netflix
Der Serien-Showdown.

Eine verschnarchte Kleinstadt mit düsterem Geheimnis und mysteriösen Verbrechen – spätestens seit der Kultserie "Twin Peaks" arbeiten sich immer wieder Serien an diesem Motiv ab. Doch nun gibt es erstmals ernsthafte Konkurrenz für David Lynchs Neunziger-Epos: "Stranger Things", seit dem 15. Juli bei Netflix zu sehen.

Wir haben den Check gemacht: Kann der Neuzugang "Stranger Things" es mit dem Klassiker "Twin Peaks" aufnehmen?

Im Video: Das Intro von "Twin Peaks"

Runde 1: Der Plot-Check

Am Anfang von "Twin Peaks" steht der Mord an It-Girl Laura Palmer. Um den aufzuklären, wird FBI-Agent Dale Cooper in die scheinbar idyllische Kleinstadt beordert. Dort angekommen muss er jedoch bald feststellen, dass nichts so ist, wie es scheint. Jeder hier hat ein Geheimnis, und in den Wäldern lauert eine uralte Bedrohung.

In "Stranger Things" ist das Übernatürliche von Anfang an präsent. In den Achtzigern wird die Kleinstadt Hawkins durch das Verschwinden des jungen Will Byers erschüttert. Auf der Suche nach ihm stoßen seine Freunde bald auf ein wortkarges Mädchen namens Eleven, das über geheimnisvolle Kräfte verfügt. Den Grund für die unheimlichen Vorkommnisse vermuten die Kinder in einer Forschungseinrichtung vor den Toren der Stadt.

Die Runde geht an...: "Stranger Things". Natürlich will in "Twin Peaks" jeder wissen, wer Laura Palmer getötet hat, aber mit mysteriösen Vermisstenfällen, Superkräften und verrückten Wissenschaftlern kann ein einfacher Mordfall kaum mithalten. 1:0!

Im Video: Der Trailer zu "Stranger Things"

Runde 2: Der Stimmungs-Check

Horror und Seifenopfer liegen normalerweise weit auseinander, doch die Mischung genau dieser Genres macht den Charme von "Twin Peaks" aus. Die Einwohner der kleinen Stadt sind derart verkorkst und melodramatisch, dass selbst "GZSZ"-Schmierlappen Jo Gerner vor Neid erblassen würde. Neben Intrigen und Geheimnissen haben sie auch skurrile Eigenheiten zu bieten. Figuren wie die Log Lady, die ihren heißgeliebten Holzscheit ausführt wie andere ihren Dackel bleiben in Erinnerung.

Was "Twin Peaks" von einer gewöhnlichen Soap unterscheidet, ist, dass hier jederzeit die Eskalation droht. Unter der biederen Fassade der Stadt brodeln Gewalt und Perversion, wie der Mord an Laura Palmer beweist. Spätestens, wenn die neugierige Schülerin Audrey als maskierte Edelprostituierte verkleidet in einem geheimen Bordell vom eigenen Vater verführt werden soll, wird klar, dass in Twin Peaks nichts heilig ist. Und das ist bei weitem noch nicht die verstörendste Szene.

Im Video: Audrey Horn aus "Twin Peaks" als Edelprostituierte

Auch "Stranger Things" ist düster und unheimlich, bewahrt sich dabei aber eine gewisse Leichtigkeit. Die Serie spielt nicht nur in den Achtzigern, sie ist ein Liebesbrief an die Horror-, Sci-Fi- und Abenteuer-Filme dieser Zeit. Während die meisten Erwachsenen nur dekorativ in der Gegend herumstehen, machen sich die Freunde des verschwundenen Wills auf eigene Faust daran, sein Verschwinden aufzuklären. Die Kinder leben in ihrer eigenen Welt, in der nur sie den Durchblick haben und Kraft ihrer Freundschaft fast jedes Hindernis überwinden können.

Ähnliche Konstellationen kennen wir beispielsweise aus Filmen wie "E.T.", "Die Goonies" oder "Stand By Me" – eine gewisse Fallhöhe ist vorhanden, aber zu abgründig wird das Ganze nie.

Die Runde geht an...: "Twin Peaks" ist und bleibt eine der ungewöhnlichsten und kontroversesten Serien aller Zeiten. Das kann auch der Nostalgie-Bonus von "Stranger Things" nicht aufwiegen – 1:1.

Im Video: Die Vorbilder von "Stranger Things"

Runde 3: Der Besetzungs-Check

Die Charaktere in "Twin Peaks" werden schon durch ihre Überzeichnung unvergesslich. Dabei ist Kyle MacLachlan als lakonischer Agent Dale Cooper das perfekte Gegenstück zu den durchgeknallten Bewohnern der Kleinstadt. Außerdem: Jeder zweite Satz in "Twin Peaks" hätte das Zeug zum Internet-Meme.

(Bild: Giphy )

Winona Ryder glänzt in "Stranger Things" als Mutter am Rande des Nervenzusammenbruchs, und auch David Harbour als ruppiger Sheriff mit weichem Kern macht eine gute Figur. Die wahren Helden sind allerdings die Kinder. Finn Wolfhard, Gaten Matarazzo und Caleb McLaughlin sind als Freunde des vermissten Will stets authentisch. Man will sich gar nicht ausmalen, wie lange die Caster wohl suchen mussten, um gleich drei derart starke Kinder-Darsteller zu finden. Übertroffen wird das Trio nur noch von Millie Brown, die als traumatisierte Eleven sicher so manches Zuschauerherz schmelzen lassen wird.

In der Slideshow: So sieht "Stranger Things" aus
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Die Runde geht an...: "Twin Peaks". Beide Serien kommen über lange Strecken ohne konkrete Antagonisten aus – die gilt es schließlich zu ermitteln. Trotzdem hat "Twin Peaks" die Nase vorn. Der heimliche Hauptantagonist der Kult-Serie absolviert nur einige wenige Auftritte, aber die fallen dafür umso eindrücklicher aus. Im Vergleich dazu bleiben die Bösewichte von "Stranger Things" relativ farb- und gesichtslos. Die Charaktere in "Stranger Things" sind zwar sympathisch und nahbar, aber jeder Einwohner von Twin Peaks ist ein Unikat – 2:1 für "Twin Peaks".

Im Video: Die ersten acht Minuten von "Stranger Things"

Runde 4: Wie hoch ist der Suchtfaktor?

Die Suche nach Laura Palmers Mörder bestimmt einen Großteil von "Twin Peaks". Entlang dieses roten Fadens entstehen jedoch zahlreiche Nebenhandlungen, die viel Raum einnehmen. Wer einzig und allein darauf aus ist, die Identität des Mörders zu erfahren, muss Geduld aufbringen.

Im Gegensatz dazu dreht sich in "Stranger Things" alles um das Verschwinden von Will Byers. Die Serie setzt außerdem auf Cliffhanger, um zum Weiterschauen zu animieren. Mit Erfolg: Die meisten Folgen gehen beinahe nahtlos ineinander über, so dass die ganze Staffel als langer Film funktioniert.

Die Runde geht an...: Beide Serien machen süchtig, aber "Stranger Things" macht das Abschalten quasi unmöglich – 2:2.

Runde 5: Der Style-Check

"Twin Peaks" ist die Erfindung von Mark Frost und Kult-Regisseur David Lynch, der auch Regie führte. Lynchs unkonventioneller, surrealistischer Stil prägt die Serie und porträtiert die Bewohner der Stadt in einer eindringlichen, fast übergriffigen Art. Dazu Kyle MacLachlan, der als merkwürdiger Dale Cooper glänzt.

"Stranger Things" wurde von den Brüdern Matt und Ross Duffer erdacht, die bereits für die Fox-Serie "Wayward Pines" schrieben. Auch hier ist eine geheimnisvolle Kleinstadt Dreh- und Angelpunkt der Handlung. "Stranger Things" setzt dem Horror-Genre der Achtziger ein Denkmal und liefert außerdem die Bühne für Winona Ryders Comeback.

Die Runde geht an...: "Twin Peaks". Die Duffers sind auf einem guten Weg, aber Lynchs Werk ist eine Legende.

And the winner is...
(Bild: Giphy )
... "Twin Peaks" mit 3:2.

Der Sieg war knapp, aber wenn in deinem Leben tatsächlich nur Platz ist für eine mysteriöse Kleinstadt, dann sollte es "Twin Peaks" sein. Die Kult-Serie ist gut gealtert und kann auch neben neueren Konkurrenten problemlos bestehen.

Allerdings: "Stranger Things" ist insgesamt optimistischer und Popcorn-tauglicher als "Twin Peaks". Wem David Lynchs Vorstadthölle zu bizarr ist, der findet hier eine starke, angenehm gruselige Alternative.

Hier kannst du die Serien schauen:

"Twin Peaks" umfasst 30 ca. 45-minütige Folgen, die sich auf zwei Staffeln verteilen. Für 2017 ist ein Revival auf dem US-Sender Showtime angekündigt. "Twin Peaks" ist aktuell auf Amazon Video und Sky Online verfügbar.

Die erste Staffel "Stranger Things" umfasst acht ca. einstündige Folgen. Eine zweite Staffel ist bereits bestätigt. Die Serie läuft exklusiv auf Netflix.

Und jetzt du: Welche Serie wirst du dir anschauen?
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