Bild: Netflix

Spoiler-Warnstufe grün

In diesem Beitrag verraten wir ein bisschen was über die Serie, das Spiel oder den Film — aber eigentlich nichts, was dir den Spaß verderben könnte.

Die Darstellung sexueller Gewalt in Filmen und Serien kann auf so viele Arten misslingen: zu sexy, zu verharmlosend, zu brutal.

Doch neue Produktionen machen Hoffnung, es gibt ein neues Feingefühl. Sie widmen sich dem Thema, ohne auf Schlagzeilen zu schielen und Klischees zu bedienen, greifen aktuelle Entwicklungen auf und zeigen unbekannte, wichtige Perspektiven. Im besten Fall sprengen sie Schubladen in unseren Köpfen.

Wir stellen drei Serien vor, die der Komplexität des Themas gerecht werden – und ein trauriges Sorgenkind.
"Jessica Jones": Kampf gegen die Justiz

Im Video: Der Trailer zur ersten Staffel

Obwohl die Netflix-Original-Serie keine direkte Vergewaltigung zeigt, ist das Thema omnipräsent. Denn Bösewicht Kilgrave besitzt die Fähigkeit, Menschen mit seinen Worten zu kontrollieren. Mit jeder Folge taucht der Zuschauer tiefer in die Psyche eines seiner Opfer ein: Titelheldin Jessica Jones, Privatdetektivin mit übernatürlicher Stärke.

Sie trinkt, igelt sich ein und hält selbst die einzige Freundin, die ihr außer der Whiskey-Flasche bleibt, ständig auf Distanz. Es dauert auch als Zuschauer, bis man versteht, wie weit der monatelange Missbrauch durch Kilgrave in ihrem Fall gegangen ist. Bis Jessica dem psychopathischen Puppenspieler in einem Moment der direkten Konfrontation ins Gesicht schreit: "Du hast jede Zelle meines Körpers vergewaltigt!"

Neben der Trauma-Studie, die von Folge zu Folge an Tiefe gewinnt, ist vor allem Jones' hoffnungsloser Kampf gegen die Justiz bezeichnend. Eigentlich will sie keine Selbstjustiz üben, sondern Kilgrave ins Gefängnis bringen – doch sie stößt ausschließlich auf Vertreter des Gesetzes, die ihre Geschichte als verrückt, absurd, erfunden abtun.

Eine von Kilgrave geschwängerte Leidensgenossin wird eingesperrt. Das System lässt dem jungen Mädchen keine andere Wahl, als eine Mitinsassin zu beauftragen, ihr das ungewollte Kind aus dem Leib zu prügeln und am Ende Selbstmord zu begehen.

So überzogen Kilgraves Gabe auch ist, so realistisch scheint diese Darstellung des überforderten Justizapparats. Wie nah die Serie dann doch an der Realität ist, zeigen die Nachrichten der vergangenen Monate: Zuletzt machte ein Fall in Stanford Schlagzeilen, bei dem der Täter zwar schuldig gesprochen, aber mit milden sechs Monaten Haft bestraft wurde.

In Deutschland endet in manchen Bundesländern nur ein so geringer Prozentteil der angezeigten Vergewaltigungen mit der Bestrafung des Täters, dass die Polizei die Zahlen nicht detailliert veröffentlicht. Die Befürchtung: Die Wahrheit sei zu abschreckend für die Opfer.

"Orange Is The New Black": Doggett does it her way

Im Video: Der Trailer zur 4. Staffel

Eine komplexe Darstellung wagt auch Serien-Schöpferin Jenji Kohan in "Orange Is The New Black". Zwischen Tiffany "Pennsatucky" Doggett, die wegen Mordes einsitzt, und Wärter Charlie Coates entwickelt sich in der dritten Staffel eine zarte Freundschaft.

Coates ist freundlich, vertrottelt, ein scheinbar harmloser Typ. Er scheint Doggetts Gefühle ehrlich zu erwidern. Und doch vergewaltigt er Doggett nach einem Streit mit seinem Chef in einem Gefängnis-Van – ohne sich danach eines Verbrechens bewusst zu sein.

Doggett verarbeitet den Verrat langsam und auf ihre Weise. Dabei kämpft sie gegen ihre eigene Vergangenheit an, in der ihr von Kindesbeinen an eingetrichtert wurde: Sex ist nur für Männer gedacht. Frauen halten still, Frauen halten aus.

"Wenn du wirklich Glück hast, sind die meisten schnell fertig", erklärt Doggetts kettenrauchende Mom ihrer zehnjährigen Tochter in einer eindrucksvollen Rückblende. "Es ist wie ein Bienenstich – rein und raus, bevor du weißt, dass es passiert."

Ausgerechnet der Zusammenhalt zwischen den Gefangenen im Knast wirkt wie ein Heilmittel gegen diese gesellschaftliche Indoktrination. Denn nur durch Gespräche mit ihrer wütenden Freundin Big Boo realisiert Doggett zum ersten Mal: Was Coates ihr angetan hat, und vor ihm andere Männer, war Unrecht. Und ist nicht ihre Schuld.

Im Video: Big Boo und Pennsatucky im Gespräch

Zwei Staffeln lang begleitet die Serie diesen Prozess. Zeigt, wie Doggett sich zurückzieht, wie sie leidet, wie sie um andere Frauen in Coates Umgebung bangt, wie sie nach Lösungen sucht, wie sie an Selbstjustiz denkt und sich im entscheidenden Moment dagegen sperrt. Dann verzeiht sie ihrem Vergewaltiger mit Hinweis auf die Bibel – und küsst ihn sogar.

So verstörend die Wendung der vierten Staffel für viele Zuschauer ist: Doggetts Geschichte ist auch damit noch nicht zu Ende erzählt, OITNB lässt sich mit seinen Figuren viel Zeit. Sie befindet sich auf ihrem eigenen, langen Weg, mit der jüngsten Vergewaltigung und ihrer bewegten Vergangenheit umzugehen. Und so streitbar sich ihr Verzeihen auch anfühlen mag – so wenig Recht hat ihre Umgebung, hat der Zuschauer, sie dafür zu verurteilen.

In der Slideshow: Bilder aus der vierten Staffel
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"The Skinny": Ein Nein ist ein Nein ist ein Ja?

Ab wann wird einvernehmlicher Sex zur Vergewaltigung? Genügt ein Wort? Oder zwei? Geschrien? Oder geflüstert? Die Webserie "The Skinny" (produziert für Refinery29) trifft mit einer nur zehnminütigen Folge ins Mark der "Nein heißt Nein"-Diskussion, die in Deutschland auch vom Fall Gina-Lisa vorangetrieben wurde.

Protagonistin Jessie Kahnweiler ist YouTuberin. Obwohl sie sich Feministin nennt, nährt sich ihr Selbstbewusstsein ausschließlich von dem Feedback ihrer direkten Umgebung und aus den Kommentarspalten unter ihren Videos.

Bevor sie zu einem wichtigen Bewerbungsgespräch aufbricht, mit dem sie beruflich durchstarten könnte, zieht ihr Ex-Freund sie zurück ins Bett. Trotz Jessies wiederholtem Protest lässt er nicht von ihr ab und nimmt sie schließlich von hinten. Dabei perfekt eingefangen: Jessies Gesicht, aus dem jede Freude weicht.

Was vor wenigen Jahren vielleicht noch als Alltag in einer Beziehung durchgegangen wäre, wird jetzt klar als Grenzverletzung dargestellt. Wie aber kommuniziert man eine solche Grenzüberschreitung im privatesten Bereich, selbst – oder gerade wenn man sich so gut kennt?

Darauf kennt die komplexzerfressene Jessie als Allerletzte eine Antwort. Sie sagt und tut: nichts. Stattdessen überkompensiert sie beim anschließenden Jobgespräch und explodiert in einer feministischen Wutrede: "Gott ist eine Frau. Fick das verfickte Patriarchiat." Bittere Ironie, dass gerade dieser Ausbruch bei den bärtigen Start-Up-Gründern bestens ankommt.

Hier kannst du die erste Episode sehen:

"Game of Thrones": Das Sorgenkind
(Bild: Giphy )

Sinnbefreit, sexistisch, moralisch verwerflich: Eine Vergewaltigungsszene aus der fünften Staffel von "Game Of Thrones" löste bei vielen Fans Empörung aus. Manche riefen zum Boykott auf, eine Bloggerin wünschte den Machern ohne Umschweife: "Burn in hell, bastards."

Die Macher gehen ihren Weg mit dem Hinweis auf die zeitliche Ansiedlung der Serie unbeirrt weiter: Fantasy-Elemente wie Drachen, Magier und weiße Wanderer abgezogen, soll Westeros unserem Mittelalter entsprechen. Und zwar unserem Mittelalter im Krieg.

Tatsächlich: Es wäre wohl wenig glaubwürdig, wenn gerade Frauen in der grausamen Welt von Eis und Feuer unangetastet blieben, während Männer gehäutet, verstümmelt und gefoltert werden. An drei Stellen aber ergänzten die Serienmacher Vergewaltigungen von weiblichen Hauptcharakteren, wo Buchautor George R.R. Martin keine vorgesehen hatte.

Und in allen drei Szenen ist ihre Motivation zweifelhaft.

In Staffel eins trifft es Daenerys Targaryen – die Hochzeitsnacht mit Khal Drogo fällt wesentlich weniger einvernehmlich aus als in den Büchern. Auch Cersei Lannisters Vergewaltigung durch ihren Zwillingsbruder Jaime am Totenbett ihres Sohnes war von Martin so nie vorgesehen. Und schließlich: Sansa Starks Vergewaltigung durch Ramsay Bolton in ihrer Hochzeitsnacht, während der verstümmelte und abgerichtete Theon zum Zusehen gezwungen wird.

Das Problem: Auch in einer historischen Geschichte könnte man neue Perspektiven einnehmen. Gerade hier wäre ein Einfühlen in die Opfer revolutionär. Doch Daenerys und Cerseis Vergewaltigungen bleiben lose Episoden. Sie tragen nichts zu einem übergeordneten Handlungsstrang bei, ihr Wirken auf die Protagonistinnen wird nicht weiter hinterfragt.

In Sansas Fall folgt in der aktuellen Staffel zwar die blutige Rache – das aber ist althergebrachtes Material, wie man es aus "Rape and Revenge"-Filmen wie "Hard Candy" kennt. Shocking, ja. Aber der Qualität, die "Game of Thrones" sonst im Storytelling hält, wird das in keiner Weise gerecht – und noch weniger den starken, weiblichen Hauptfiguren dieser Serie.

In der Slideshow: Die sechste Staffel
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Wie wird Vergewaltigung nun dargestellt?

Unser Verständnis von sexueller Gewalt wandelt sich und damit auch die Darstellungen im TV. Immer häufiger wagen Serien neue Perspektiven, oft nehmen sie dabei die Opfer in den Fokus. Auffällig: Oft übernehmen dann Frauen die Regie oder schreiben das Drehbuch ("Orange Is The New Black", "The Skinny", "Jessica Jones").

Auch wenn sie ihre Zuschauer damit manchmal vor den Kopf stoßen: Sie versuchen, einem Thema Komplexität zu verleihen, das lange als plakatives Schockelement missbraucht wurde. Nachhilfe könnten viele Kollegen allerdings nach wie vor gut gebrauchen.

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