Bild: HBO, Fox, ABC/ Montage: bento

Jede Geschichte braucht einen Bösewicht. Je mächtiger, desto bedrohlicher; je bedrohlicher, desto effektiver – gerade Serien, die ihre Zuschauer Woche für Woche erneut zum Einschalten bewegen wollen, brauchen starke Gegenspieler. Und die finden sie oft im aktuellen Zeitgeschehen.

Vor allem in US-Serien, die den internationalen Markt beherrschen, ist dieser Trend erkennbar. Während des Zweiten Weltkrieges waren die Nazis die Bösen, später die Japaner. In den Sechzigern waren es Kommunisten. Im Zeitalter des "Kriegs gegen den Terror" sind Terroristen die neuen Antagonisten. Und die Art und Weise, wie sie dargestellt werden, verrät einiges über die Entwicklung der öffentlichen Meinung.

Wir erklären anhand von vier Beispielen, wie sich die Darstellung von Terror in Serien über die Jahre verändert hat:
"24"

Im November 2001, wenige Monate nach den Anschlägen vom 11. September, startete "24″" in den USA. Über acht Staffeln kämpfte Kiefer Sutherland als Agent Jack Bauer gegen terroristische Verschwörungen. Dabei ging er nicht gerade zimperlich vor – und selten legal: Routinemäßig bedroht und verprügelt Jack Terrorverdächtige, um ihnen Informationen abzupressen. Einem Verdächtigen drohte er an, dessen Sohn umbringen zu lassen, wenn er sich weiter weigern sollte zu kooperieren.

Mit diesen Methoden kommt Jack ans Ziel und an lebensrettende Informationen. Foltergegner schneiden dagegen bei "24" schlecht ab. Als ein Anwalt für Menschenrechte die Freilassung eines Verdächtigen erwirkt, überfällt Jack den Entlassenen kurzerhand auf dem Parkplatz und bricht ihm die Finger. Dabei stellt sich natürlich heraus, dass der Verdächtige schuldig ist und fallentscheidendes Geheimwissen besitzt. Nur dank Jacks brachialer Selbstjustiz wird Schlimmeres verhindert.

Im Video: Ist "24" wirklich "Werbung für Folter"?

Über acht Staffeln – die gemäß dem Realtime-Format der Serie gerade mal acht Tagen entsprechen – tötet Jack außerdem 267 Menschen (Birth Movies Death). Hier werden die Wut und Rachegelüste deutlich, die die Amerikaner zu dieser Zeit bewegt haben müssen. Die Darstellung von Folter als hilfreich oder gar notwendig wurde zwar in den Medien kritisiert, zu einer Entschärfung kam es aber nicht. David Danzig, Leiter des Primetime Torture Project, bezeichnete die Serie daher als "Werbung für Folter".

Von der ersten Staffel an waren anti-amerikanische Terroristen die Antagonisten in "24". Die ersten waren überwiegend weiße US-Bürger, doch im Verlauf der Serie gesellten sich bald auch islamistische Täter hinzu.

"Homeland"

In der Erfolgsserie "Homeland", die zehn Jahre später 2011 startete, ging die Terrorbedrohung ausschließlich von Islamisten aus. Die Serie erzählt den Werdegang von CIA-Agentin Carrie Mathison (Claire Danes). Sie versucht zu beweisen, dass der US-Soldat Nicholas Brody (Damian Lewis) von Terroristen umgedreht wurde und einen Anschlag auf amerikanischem Boden plant. Der Feind wird von Anfang an beim Namen genannt: Die real existierende Terrororganisation Al-Quaida soll hinter den Plänen stecken.

(Bild: Showtime)

Gekonnt spielt "Homeland" mit der Angst der Zuschauer vor Unterwanderung. Nicht nur Kriegsheld Brody ist verdächtig; überall lauern Verräter, Verschwörer und Doppelagenten auf Mathison – und fast alle haben einen radikal islamischen Hintergrund. Dabei unterscheidet die Serie selten zwischen Islamismus und dem Islam. Der Feind in "Homeland" ist keine Terrororganisation, sondern gefühlt die gesamte muslimische Welt. Die "Washington Post" erklärte "Homeland" im Jahr 2014 daher zur bigottesten Sendung im US-Fernsehen.

2015 führten arabische Streetart-Künstler die Showtime-Serie vor und malten heimlich Graffiti-Botschaften auf arabisch an die Requisite (bento). "Homeland ist rassistisch", war später in der Episode auf den Wänden zu lesen. Vielleicht nicht ganz zu Unrecht, offenbar hatte den Machern das arabische Graffiti als Drohkulisse gereicht.

Erst in späteren Staffeln erfolgte eine dezente Kurskorrektur. So wird die muslimische CIA-Angestellte Fara Sherazi (Nazanin Boniadi) als echte Patriotin dargestellt. Auch, als sie selbst unter Terrorverdacht gerät und sogar gefoltert wird, bleibt sie ihrem Land treu.

Evelyn Alsultany leitet den Studiengang Arab and Muslim American Studies an der Universität Michigan und hat zu dem Phänomen geforscht: "Wenn ein Muslim oder ein Araber als Terrorist dargestellt wird, bauen die Autoren und Produzenten üblicherweise noch eine weitere arabische oder muslimische Figur ein, um das Klischee zu entschärfen", sagte sie im Interview (Baltimore Sun). Ob diese Vorgehensweise genügt, um Muslime vor einem Generalverdacht zu bewahren, ist fraglich – ein erster Schritt in Richtung einer differenzierten Darstellung ist es aber doch.

"Person of Interest"

Im gleichen Jahr wie "Homeland" startete auch "Person of Interest", eine weitere Serie, die explizit nach den Anschlägen vom 11. September angesiedelt ist. Seine Antagonisten findet ″Person of Interest″ aber auf amerikanischem Boden: Thema der Serie ist die zunehmende Überwachung, der die Bürger bis heute ausgesetzt sind.

"Du wirst beobachtet", heißt es bereits im Intro zur Serie. "Die Regierung hat dafür ein geheimes System; eine Maschine, die dich ausspioniert, rund um die Uhr, jeden Tag." Wie wir inzwischen wissen, traf "Person of Interest" mit diesem Gedanken ins Schwarze: Wenige Wochen nach Auftakt der Serie enthüllte Whisteblower Edward Snowden die flächendeckende Überwachung von US-Bürgern durch die NSA.

Im Video: Wie "Person of Interest" die Zukunft der Überwachung voraussagte

In mancher Hinsicht kann "Person of Interest" als Gegenentwurf zu "24" gelten. Jack Bauer foltert und tötet im Namen seiner Regierung und ist hierbei überzeugt, das Richtige zu tun. John Reese (James Caviezel), der Held von "Person of Interest", hat diese Überzeugung längst verloren, als die Serie ihren Anfang nimmt. Auch Reese hat für sein Land getötet, ohne Fragen zu stellen. Im Gegensatz zu Jack hat er aber erkennen müssen, dass die Regierung ihn für ihre eigenen Zwecke missbraucht hat.

I traveled the world looking for bad guys, but there were plenty of you right here all along
John Reese, "Person of Interest"

Ähnlich geht es Harold Finch (Michael Emerson), der für die Regierung einen schier allwissenden Überwachungsapparat entwickelt hat. Er wollte helfen, Terroranschläge zu vereiteln und muss nun mit ansehen, wie seine Erfindung gegen die amerikanische Bevölkerung eingesetzt wird.

Gemeinsam versuchen Reese und Finch im Verlauf der Serie, ihre Fehlentscheidungen wiedergutzumachen – und kommen dabei mehr als einmal der Regierung in die Quere. Die Botschaft der Serie: Der Zweck heiligt nicht die Mittel.

Kiefer Sutherland schlägt mittlerweile ruhigere Töne an als in "24". Im gerade gestarteten Polit-Thriller "Designated Survivor" spielt er den US-Abgeordneten Tom Kirkman, der nach einem verheerenden Terroranschlag auf die Regierung plötzlich Präsident wird.

Kirkman ist so was wie die Antithese von Jack Bauer.

Den Neuling interpretiert Sutherland als diplomatisch, überlegt und mitfühlend. Bevor er Maßnahmen ergreift, will er zuerst hundertprozentige Gewissheit darüber, wer den Anschlag verübt hat. Ein Beispiel: Einen General, der hinter seinem Rücken einen Militärschlag vorbereitet, entlässt Kirkman kurzerhand.

Fazit:
Die Darstellung von Terrorismus und Terroristen in Serien wird zunehmend komplexer. Einseitige, diffuse Feindbilder werden langsam durch vielschichtigere Darstellungen abgelöst – und zwar mit Erfolg. In Zeiten eines politischen Rechtsrucks in der westlichen Welt mag dies nur ein kleiner Trost sein. Ein Trost bleibt es aber.

Tech

Facebook, YouTube und Twitter wollen jetzt gemeinsam Terror-Propaganda bekämpfen

Terrorismus fängt nicht erst an, wenn Anschläge verübt werden. Er beginnt schon mit der Verbreitung von Propaganda-Material im Netz. Facebook, YouTube, Twitter und Microsoft gehen jetzt gemeinsam dagegen vor. Propaganda-Inhalte sollen gelöscht werden – möglichst schnell. Dazu haben die Netzwerke mit Microsoft eine Art Anti-Propaganda-Koalition gegründet (Facebook Newsroom).