Bild: Quelle: Netflix

London im September, im noblen Corinthia Hotel. Die Jungs aus "Stranger Things" laufen den Gang hinunter. Wie es sich für Stars gehört, haben sie eine Entourage dabei. 

Nur besteht die nicht aus alten Kumpels und Verehrern, sondern aus Leuten, die verdächtig nach Erziehungsberechtigten aussehen. 

Kurzum: Die Eltern sind beim Interview dabei. 

Die Jungs unterscheiden sich auf serienfigurenhafte Weise in ihrem Auftreten:

  • Gaten Matarazzo (er spielt Dustin) gibt sich verbindlich und professionell. 
  • Caleb McLaughlin ist aufgedreht und fahrig, er verliert beim Reden wiederholt den Faden
  • Und Noah Schnapp, der jüngste der drei, ist schüchtern und still.

 

Millie Bobby Brown (Eleven) und Finn Wolfhard (Mike) sind nicht mit auf Promo-Tour nach London gekommen. 

Die zweite Staffel "Stranger Things" startet 27. Oktober auf Netflix und führt die vielgelobte Serie fort. 

Es gibt viele Gründe für den Erfolg von "Stranger Things" - die fünf Kinder in den Hauptrollen waren definitiv einer davon. 

Die Serie gewann Preise, wurde von den Kritikern gelobt. Brown wurde mit ihren 13 Jahren sogar für einen Emmy nominiert. Bei "Stranger Things" scheint die alte Hollywood-Regel "Arbeite nie mit Kindern oder Tieren" nicht zu gelten. 

Aber warum genau?
(Bild: Quelle: Netflix)

Bei Mike, Dustin, Lucas, Will und Eleven handelt es sich um Kinderfiguren, die mit Hinblick auf ein Erwachsenpublikum geschrieben wurden. Das klingt nur im ersten Moment wie eine Selbstverständlichkeit.

"Es gibt viele Leute, die nicht verstehen, dass 'Stranger Things' keine Kinderserie ist", sagt Matarazzo - und verweist auf die vielen Absagen, die Matt und Ross Duffer, die Erfinder der Serie, kassieren mussten. 

In einem Interview erzählen die Duffer-Brother selbst davon: 

Ein Produzent habe ihnen gesagt: "Ihr müsst es entweder zu einer Kinderserie machen, oder es muss um diesen Hopper (David Harbour) gehen, der wegen übernatürlicher Aktivitäten ermittelt."

Doch die Duffers bestanden auf ihrem Ansatz, zunächst ohne Skript zu arbeiten. Das erlaubte ihnen, die richtigen Schauspieler für die richtigen Rollen zu finden - oder die richtigen Rollen eben erst zu schreiben. 

Der Erfolg von "Stranger Things" und seinen jungen Hauptdarstellern ist auch eine Geschichte von verdammt guter Schauspieler-Auswahl. Zum Casting gehörte auch eine spezielle Form der Vorbereitung für die Schauspieler. 

"Wir mussten lernen für 'Stranger Things'. Die Duffer-Brothers haben uns Hausaufgaben gegeben, damit wir uns mit dem Feeling der Show vertraut machen konnten", erzählt McLaughlin. Auf dem Lehrplan stand allerdings nicht die Geschichte des Kalten Kriegs, sondern Filmklassiker: "Stand by Me", "E.T." und die "Goonies".

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Achtziger-Nostalgie wird häufig als ein Erfolgsgrund angeführt, wenn es um "Stranger Things" geht. Die erste Staffel spielt im Jahr 1983, die zweite 1984. 

Die Jungs lesen alte Comics, verkleiden sich als Ghostbusters, im Radio läuft The Clash. Einige Szenen sind direkt aus Achtziger-Filmen wie "E.T." und "Stand by Me" genommen, aber zum Beispiel auch aus Manga-Klassikern wie "Akira".

Doch bevölkern die Kinder nicht nur diese Nostalgiewelt, sie sind auf ihren Fahrrädern selbst der ultimative Achtziger-Code. Die Attraktivität der Serie ist ihren Hauptfiguren eingeschrieben. 

Wenn man diese Kinder sieht, denkt man an die Zeit vor 30 Jahren. Auch, weil Kinder in Hauptrollen als erzählerisches Element so stark mit diesem Jahrzehnt assoziiert werden.

Zwei Männer werden häufig genannt, wenn man über die Inspiration für "Stranger Things" spricht, Steven Spielberg und Stephen King. Beide wissen um die Wirkung von Kindern als Hauptfiguren. Und die liegt nicht nur darin, dass der Einsatz immer ein bisschen höher ist, wenn Kinder in Gefahr sind. 

In den Geschichten von King und Spielberg (und eben und vor allem auch bei "Stranger Things") sind gerade die Dungeons & Dragons-spielenden Kinder viel besser als die Erwachsenen gewappnet für das übernatürliche Unheil, das ihre kleinen Vorstädte heimsucht.

Außerdem muss jede gute Figur in einer Geschichte wachsen und sich ändern, sonst ist sie für den Leser, Zuschauer, Zuhörer nicht interessant. In Kindern ist die Veränderung genetisch eingeschrieben, sie müssen früher oder später erwachsen werden. 

Gerade in Bezug auf das langsame, detailgenaue Erzählen, das in Serien heute so beliebt ist, war es wohl nur eine Frage der Zeit, bis Kinder als Protagonisten entdeckt wurden. Zurück im Londoner Hotelzimmer. 

Die Jungs erzählen jetzt von dem großen Druck, den sie verspürten, mit der zweiten Staffel die erste noch zu übertreffen. "Das Letzte, was du tun willst, ist, eine Show zu drehen, die schlechter wird mit der Zeit. Es soll immer nach oben gehen", sagt Matarazzo.

Er hat so eine Art posttraumatische Belastungsstörung
Noah Schnapp

Vor allem Noah Schnapp rückt in der zweiten Staffel wohl noch mal mehr in den Fokus. Verbrachte er die erste noch verloren in einer anderen Dimension, ist er jetzt wieder zurück und darf etwas aktiver werden. "Er hat so eine Art posttraumatische Belastungsstörung", sagt Schnapp. "Ha, so eine Art", lacht McLaughlin. 

Die Jungs hoffen, dass der Erfolg von "Stranger Things" in Zukunft bessere Rollen für Kinderschauspieler mit sich bringt. Das viel diskutierte Thema Vielfalt in Serien und Filmen macht in Wahrheit auch vor Kindern nicht halt. 

Oft definieren sich Kinderrollen nur über ihr Verhältnis zu einer (meist männlichen) Hauptfigur, sind zweidimensional und klischeehaft. Figuren wie Dustin oder Eleven sind die Ausnahme, nicht die Regel.

Dieser Artikel ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.

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