Bild: Friede Clausz/ zero one film/ Berlinale / SPIEGEL ONLINE
Denn "24 Wochen" behandelt ein schwieriges Thema.

Schwangerschaftsabbruch im sechsten Monat? "24 Wochen", der einzige deutsche Film im Berlinale-Wettbewerb, wühlt das Publikum auf. Regisseurin Anne Zohra Berrached über einsame Entscheidungen:

Frau Berrached, Sonntagabend feierte ihr Drama "24 Wochen" seine Premiere im Wettbewerb der Berlinale. Der Film lässt seine Heldin, aber auch sein Publikum grausam allein zurück.

Wie meinen Sie das?


Sie zeigen eine junge Frau, die vor der Entscheidung steht, ob sie aufgrund einer prognostizierten Schwerstbehinderung ihres ungeborenen Kindes die Schwangerschaft in der 24. Woche abbrechen lassen soll. Gesellschaftspolitische Überzeugungen, medizinische Beratung, familiärer Beistand - all das befreit die Frau nicht davon, allein mit sich über Leben und Tod zu entscheiden...

... und das ist das moralische Dilemma, das ich zeigen wollte. Das Recht auf Selbstbestimmung über den eigenen Körper haben die Frauen vor uns hart erkämpft. Ein hohes Gut. Aber zusammen mit den neuen medizinischen Errungenschaften kann dieser Fortschritt uns auch vor unwägbar erscheinende Entscheidungen stellen. Wir müssen darauf achten, dass nicht nur geschieht, was technisch möglich ist, sondern das, was wir auch wirklich wollen.

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Aber wie soll so eine Selbstbefragung stattfinden? Ihr Film zeigt, dass in der dramatischen Zeit nach einer Diagnose für ausgeruhte Abwägungen keine Zeit bleibt.

Noch ein Dilemma. Die meisten schwangeren Frauen entscheiden sich für die Feindiagnostik, aber sie fragen sich zuvor nicht, was eigentlich die Konsequenzen sind, wenn sie bestimmte diagnostische Ergebnisse bekommen. Wir wollen alles wissen, aber was ist, wenn wir wissen? Was ist dann? Diese Fragen stellt der Film.

Haben Sie eine Position zum Thema?

Genau hier steckt die Schwierigkeit. Frauen, die sich aus streng religiösen Gründen gegen Schwangerschaftsabbrüche entscheiden, haben ein eindeutiges Regelsystem. Aber alle anderen müssen aus der Situation heraus abwägen.

Wenn man über das Thema spricht, wie es wäre, ein behindertes Kind zur Welt zu bringen, ist es ja meist eher so, dass die Menschen sagen, das sei zu schaffen. Aber die Zahlen sprechen eine andere Sprache: 90 Prozent der schwangeren Frauen, bei deren Kindern Fehlbildungen diagnostiziert werden, entscheiden sich in der konkreten Situation nach der 12. Woche für den Schwangerschaftsabbruch. Die Frage lautet: Was ist gut für das Kind? Aber auch: Was ist gut für mich? Entscheidet man sich für das eine, entscheidet man sich möglicherweise gegen das andere.

Wofür plädieren Sie also?

Für gute Aufklärung. Für gut ausgebildete Ärzte und Psychologen. Dafür, dass diese sich Zeit nehmen... Es sind die vielen kleine Dinge, die mich interessieren, es ist keine politische Haltung, für die ich hier kämpfe. In meinem vorherigen Film war das anders. In "Zwei Mütter", ging es um zwei lesbische Frauen, die ein Kind bekommen wollen. Da war meine Haltung: Homosexuelle Paare haben das gleiche Recht auf Kinder wie heterosexuelle.

Schon bei "Zwei Mütter" arbeiteten Sie mit dokumentarischen Elementen, nun gehen Sie noch einen Schritt weiter: Alle Ärzte, auf die ihre Heldin und ihr Mann bei ihrer Beratungsodyssee treffen, werden von realen Medizinern gespielt. Warum?

Mir war größtmögliche Authentizität wichtig. Ich habe versucht, eine Atmosphäre zu schaffen, in der alle Ärzte so sprechen, wie sie es in entsprechenden Situationen tun. Ich wollte dass alles so real wie möglich wird.

Der reale Geburtsmediziner in Ihrem Film, der Spätabtreibungen vornimmt, musste allerdings so gefilmt werden, dass man sein Gesicht nicht erkennen kann.

Ja, Ärzte wie er sind viel Hass und Drohungen ausgesetzt. Stark finde ich: Der Arzt ist inzwischen so überzeugt von dem Film, dass wir seinen Namen im Abspann nennen dürfen. Er hat mir gerade eine Mail geschrieben, wie glücklich ihn das Projekt mache. Es geht mir darum, das Thema aus der Tabuzone zu holen, deshalb ist dieses Statement für mich ein Geschenk.

Ein Geschenk ist es aber auch, dass "24 Wochen" als einziger deutscher Beitrag im Wettbewerb der Berlinale läuft. Mehr Aufmerksamkeit für einen Film geht kaum. Angst vor aufreibenden Diskussionen?

Angst?! Nein, überhaupt nicht. Ich gehe davon aus, dass der Film zum Teil auch auf Ablehnung stoßen wird. Er soll polarisieren, viele unterschiedliche Meinungen hervorholen, besprochen werden. Das mag ich. Schlimm wäre für mich, wenn er nicht berührt oder nicht bemerkt wird.

Sie haben die Geschichte in einem komischen Umfeld angesiedelt, die von Julia Jentsch gespielte Hauptfigur ist Kabarettistin. Wie kamen Sie darauf?

Ich finde die Idee stark, dass die Hauptfigur die Menschen zum Lachen bringen muss, während sie diese schwierigen Entscheidungen für sich zu treffen hat. Außerdem wollte ich, dass sie eine öffentliche Figur ist, damit sie ihren Konflikt nach außen tragen kann. Zum Schluss äußert sie sich ja während eines Radio-Interviews. Die Botschaft: Sprecht über dieses Thema!

(Bild: Vangelis Anthimos / Beta Cinema / SPIEGEL ONLINE)

Zur Person: Anne Zohra Berrached, 33, ist als Tochter einer Deutschen und eines Algeriers in Erfurt aufgewachsen. Sie arbeitete als Theaterpädagogin, bevor sie 2009 ihr Regiestudium an der Filmakademie Baden-Württemberg begann. 2013 drehte sie mit "Zwei Mütter" ihren ersten Langfilm. Ihrem Nachfolgewerk "24 Wochen" kommt nun die Ehre zu, als einziger deutscher Beitrag im Wettbewerb der Berlinale zu laufen.


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