Zum Flüchtling werden am Sonntagabend bei "Schulz & Böhmermann" Lachs-Tatar, Hummer und Jakobsmuscheln gereicht. So ungefähr wird sich das die Redaktion gedacht haben. Neben der Schweizer Musikerin Sophie Hunger, dem stellvertretenden "Bild"-Chefredakteur Nikolaus Blome und der Schriftstellerin Kat Kaufmann saß da jemand, dessen Name noch nie in den Schlagzeilen war. Der nicht googlebar ist. Gheiath Hobi.

Gheiath Hobi, 26, geflohen aus Damaskus über die Türkei bis nach Deutschland, bringt die Realität in ein Format, das eigentlich weit darüber schwebt. Das sich mit Style, mit Kunstfiguren, mit Erste-Welt-Problemen rumschlägt. Das pöbelt, provoziert und niemanden ernst nimmt. Eine Talkshow für Menschen, die keine Talkshows mögen.

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Wie rechtfertigt man da einen Flüchtling am Tisch? Indem man sich selbst flüchtet, nach vorn, ins Plakative. Also: Lachs-Tatar. Ein Einspieler von Sibylle Berg, der einen originalen Flüchtlings-Flüchtling ankündigt. Jan Böhmermann, der bestärkt, das sei "ein echter", so ein richtig echter Flüchtling.

Im Gegensatz zu den anderen am Tisch. Die sind zwar auch alle heimatlos, mehr oder weniger, aber auf diese Erste-Welt-Weise. Nikolaus Blome ist im Job geflohen: Von der "Bild"-Zeitung zum SPIEGEL und wieder zurück zur "Bild". Sophie Hunger kommt aus Zürich, lebt in Berlin, gibt Konzerte in ganz Europa. Ihr neues Album "Super Moon" handelt vom Reisen, vom Streunen über Ländergrenzen hinweg, vom Niemals-Ankommen. Und Kat Kaufmann, die bis zu ihrem zehnten Lebensjahr in Sankt Petersburg aufgewachsen ist, hat ein Buch geschrieben, in dem es um die Suche nach Heimat in der Fremde geht.

Doch Schulz und Böhmermann wären nicht Schulz und Böhmermann, wenn sie das Offensichtliche ansprechen würden. Stattdessen quatschen sie ausführlich mit Nikolaus Blome. Wir erfahren: Der stellvertretende "Bild"-Chef zahlt seine GEZ-Gebühren. Er mag nicht mit und auch nicht über Jörg Kachelmann sprechen, der seinen Arbeitgeber "Bild" auf Hunderttausende Euro verklagt hat.

Es bleibt aber auch keine Zeit, nachzufragen. Denn wenn man die offensichtlichen Verbindungen nicht anspricht, sind 60 Minuten verdammt wenig, um vier Gäste zu begrüßen und mit ihnen in die Tiefe zu tauchen. Hat Kat Kaufmann eigentlich noch mehr gesagt als "Meine Heimat ist in der Mumu meiner Mami"?

Was funktioniert, ist der Reflex "Gäste rebellieren gegen Moderatoren", den Schulz und Böhmermann so gern auslösen. So entstand auch der schönste Dialog der Sendung. Sophie Hunger: "Zum Sterben geh ich nach Hause." Schulz: "Wo ist denn Zuhause?" Hunger: "Da, wo man stirbt.“"

Beim wichtigsten Gast der Sendung, Gheiath Hobi, versagt das Prinzip aber. Wir erfahren zwar, wie er geflohen ist, dass seine Familie in alle Winde verstreut ist und er nach fünf Monaten schon Deutsch spricht. Aber die formateigene Provokation, die Persönliches herauskitzeln soll, perlt an ihm ab. Gheiath Hobi ist eben keine Kunstfigur, kein Schlagzeilen-Wandler. Und so passiert nur eins, wenn Jan Böhmermann fragt: "Wie siehts bei dir aus? Religion? Moslem? Aber also – kein Schwein ist wichtig, ne?" Sophie Hunger würgt still vor sich hin.

Natürlich ist es mutig, den Zuschauern die Hilflosigkeit deutscher Talkshows im Umgang mit Flüchtlingen zu spiegeln. Die ganz unterschiedlichen Perspektiven und Probleme aufeinanderprallen zu lassen, vor der Kamera. Und nicht nur über Flüchtlinge zu reden, als gesichtslose, weitgehend biografielose Masse, sondern mit einem Menschen, der geflohen ist.

Am Ende bleibt das dumpfe Gefühl, dass alles nur ein Spiel war und Gheiath Hobi auch nur seine Rolle zu spielen hatte. Aber ist die Erkenntnis, dass Medien Flüchtlinge paternalistisch behandeln wirklich den ganzen Paternalismus wert? Die vierte Folge ist damit die gewagteste der kurzen Staffel, aber nicht die gelungenste. Auf eine Fortsetzung hoffen wir trotzdem. So lange empfehlen wir die Folge mit Kollegah und Betrüger Postel. Kunstfiguren unter sich – da geht das Prinzip voll auf.