Bild: ZDF/Ben Knabe

Mitunter fühlte man sich wie bei einer mittellangen Bahnfahrt, für die man sich zur Zerstreuung zwei Bücher eingepackt hat: Den ernsthaften Wälzer "Versuch über die Annäherung an einen Diskurs über die Notwendigkeit einer Diskussion über die Geschlechterrollen" und den durchaus hintergründigen, aber eher leichterhand fabulierten Roman "So isses aber eben" – und als blättere man nun unentschlossen mal in diesen, mal in jenen Band, ohne sich so richtig in einem festzulesen.

Zum Auftakt der neuen Staffel "Schulz & Böhmermann" sollten die Rollen von Mann und Frau besprochen werden, und man konnte durchaus unterhalten dabei zusehen, wie dieses Thema von der Weintraube zur Rosine zusammenschnurzelte.

Darf ein Mann über die ernährungsphysiologischen Vorteile von Birnen sprechen, ohne dabei seine Männlichkeit zu verlieren? Wie quod-erat-demonstrandum-mäßig ist eine Sendung über Geschlechterrollen, die mit einem Attraktivitäts-Kompliment an die einzige Frau in der Runde beginnt? Und qualifiziert sich ein Mann schon als Nicht-Sexist, nur weil er nicht findet, Frauen "gehörten in die Küche", wie Schauspieler Ben Tewaag stolz von sich berichtete?

Schon zu Beginn wurden viel mehr Fragen gestellt, als in einer Stunde zu beantworten wären. Nach elf Minuten erklärte Schorsch Kamerun, Musiker und Theaterregisseur, die Runde für gescheitert: zu klischeeverliebt. Tatsächlich schien da die Diskussion schon schwierig, weil Vice-Onlinechefin Laura Himmelreich, die einzige Frau der Runde, einzelnen Teilnehmern erst einmal den Unterschied zwischen "Über Sex reden" und Sexismus erklären musste.

Holpernd ging es weiter, weil sich Tewaag nicht in seine vorgesehene Rolle als Bad Boy fügen möchte, aber auch keine andere parat hatte. Jan Böhmermann verlas auszugsweise Tewaags Anklage-Register und fragte ganz direkt: "Hast du einer Frau beim Sex das Nasenbein gebrochen?" "Du bist weder Staatsanwalt noch sonst irgendwas, das ist mir einfach zu affig", antwortete Tewaag und erklärte, er liebe erfolgreiche Frauen, kenne obendrein viele, die sehr klug und eloquent seien – fast so bestaunens- und betonenswert schien ihm das, als habe er talentierte Schimpansen Einrad fahren sehen.

Der wohltuendste, weil kooperativste Gast war Sozialpsychologe und Genderforscher Rolf Pohl, der archaische Evolutionstheorien und biologische Unterschiede zwischen Mann und Frau für "vollkommen überschätzt" hält, wenn man nach einer Erklärung für Sexismus sucht. Die Hormone sind es also schon mal nicht, die dafür sorgen, dass Männer immer noch am liebsten ihre Wettkampfspiele miteinander ausfechten, während die Frauen als schmeichelnde Spiegel am Rand stehen, wie er den Soziologen Pierre Bourdieu zitierte.

"Darf ich mal eine ganz stumpfe Frage stellen? Können Sie über einen guten Pimmelwitz lachen?", fragte ihn dann Olli Schulz, und spätestens da redete man nicht mehr über Sexismus, sondern über das Reden über Sexismus: Wie witzig darf es da zugehen? Schulz redete sich in Rage, es müsse doch möglich sein, Genitalhumor zu mögen und trotzdem ein guter Mensch zu sein, und plädierte ziemlich unlocker für mehr Lockerheit.

Laura Himmelreich nahm derweil die Rolle des Zuschauers ein, der sich das Ganze aus der Distanz ansah: Sie habe nicht das Bedürfnis, sich einzumischen, weil vieles "so konfus oder platt" sei, dass sie das Gefühl habe, es bringe nichts. "Ein Fest des Mansplainings: Fünf Männer reden über Gender Studies, und die einzige Frau gibt nach zehn Minuten innerlich auf", so Böhmermann.

Nicht so schlimm, schließlich hat "Schulz & Böhmermann" von vornherein ein eingeplantes Scheitern-Reservoir, um im pimmel-semantischen Feld zu bleiben. Immerhin konnte man sich wieder sehr über die eingespielten Gast-Vorstellungen von Sybille Berg freuen, deren Schrumpfporträt von Ben Tewaag – das Schauspielerkind, das nur lebt, wenn es gesehen wird - mehr Empathie besaß als das restliche Talkgeschehen.

"Es war eine sehr... - es war eine Runde", resümierte Jan Böhmermann zum Abschied. Das Fazit, wenn es eines gibt: Es bleibt kompliziert. Was auch sonst.

Dieser Artikel ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.


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