Bild: Saeed Adyani/ Netflix

Anfangs könnte es noch am grünen Smoothie gelegen haben. Als sich Immobilienmaklerin Sheila (Drew Barrymore) zum ersten Mal in einem riesigen Schwall auf den flauschigen Teppichboden erbricht, den sie eben noch einem kaufwilligen Pärchen angepriesen hat, scheint sie nur ihr gesundes Frühstück nicht vertragen zu haben.

Doch als sie sich ein zweites, drittes, viertes Mal übergibt, ja, das gesamte Badezimmer des Vorzeigehauses mit Erbrochenem überzieht, ist klar: Mit Sheila stimmt etwas nicht. Und was soll man, wenn sie wenige Stunden später ihrem Arbeitskollegen Gary zwei Finger abbeißt, sagen - da ist was dran.

Spoiler-Warnstufe grün

In diesem Beitrag verraten wir ein bisschen was über die Serie, das Spiel oder den Film — aber eigentlich nichts, was dir den Spaß verderben könnte.

Bereits nach wenigen Fernsehminuten in Santa Clarita wirkt Sheilas grünlicher Kotzestrahl wie ein willkommener Farbkontrast zur cremefarbenen Hölle ihres Lebens.

"Santa Clarita Diet" ist Drew Barrymores erster Ausflug als Schauspielerin und Produzentin ins sogenannte Quality TV. Die schöne Genre-Schieflage, in die sich ihre Netflix-Comedy begibt, kennt man aber von einer ihrer Kinorollen: Schon in "Scream" war sich Barrymore nicht zu schade, der größte Star des zukünftigen Horrorklassikers zu sein und dennoch innerhalb der ersten Viertelstunde aufgeschlitzt und aufgehängt an einem Baum zu enden.

Der Spaß, ihren Status als solider Hollywood-A-Lister zu unterlaufen, ist Barrymore nun auch in "Santa Clarita Diet" anzumerken. Wobei sich die Satire nicht nur auf sie selbst bezieht, sondern auf die gesamte kalifornische Wohlstandsblase, in der sie und ihre Serienfigur sich bewegen.

Aufgeräumter als bei Sheila und ihrem Mann Joel (Timothy Olyphant), der bei derselben Maklerei arbeitet, könnte es nämlich kaum zugehen. Allein wenn ihnen ein Kollege die Zuständigkeit für ein zu verkaufendes Haus stiehlt, kommt etwas Aufregung in ihr Kleinstadteigenheimleben.

"The Beigeness" nennt die Rapperin und Lyrikerin Kate Tempest diesen Zustand bedrückender Geordnetheit, und bereits nach wenigen Fernsehminuten in Santa Clarita wirkt Sheilas grünlicher Kotzestrahl wie ein willkommener Farbkontrast zur cremefarbenen Hölle ihres Lebens.

Und dann all das Blut... selbst Sheila scheint sich zu freuen, als sie zum ersten Mal die Kontrolle verliert und ihre Zähne in Menschfleisch schlägt. Doch wie wird Joel damit umgehen, dass aus seiner Ehefrau eine Untote geworden ist?

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Wohin mit der angebissenen Leiche?

Mehr über die Reaktionen von Joel und der gemeinsamen Tochter auf Sheilas neuen Lifestyle (Deathstyle?) zu verraten, hieße, der Serie viel von ihrem Witz zu nehmen. Eine neue Ausdeutung der Zombie-Metapher hält sie nämlich nicht bereit; die kannibalistische Fressattacke steht für wenig mehr als den Ausbruch aus der spießbürgerlichen Existenz, agiert also buchstäblich den Hunger auf ein anderes Leben aus.

Stattdessen weiß "Santa Clarita Diet" aber mit den überraschenden Wendungen, die die Geschichte immer wieder nimmt und sie des Öfteren in eine Krimikomödie verkehren lässt, ziemlich gut zu unterhalten. Bei aller Beigeness wünscht man Sheila und Joel nämlich doch, dass sie die Herausforderung, stets frisches Menschenfleisch zur Hand zu haben, meistern und von keinem ihrer Nachbarn, die ausgerechnet Polizisten sind, dabei erwischt werden, wie sie die Reste eines angebissenen Oberschenkels beseitigen.

Mit den fleischlichen Gelüsten hat Drew Barrymore nicht nur ihre Lebensgeister, sondern auch ihre Hemmungen verloren.

Dass beides immer wieder gefährdet ist, liegt vor allem an Timothy Olyphants Joel. Der ist so peinlich darauf bedacht, die Fassade des Familienalltags aufrecht zu erhalten, dass ihn seine überspannte Freundlichkeit fast zu verraten droht. Barrymore hingegen verleiht ihrer Rolle - und damit auch der Serie - eine hübsche Bodenständigkeit.

Statt entsetzt darüber zu sein, dass ihr Herz nicht mehr schlägt und ihr Blut nun die Konsistenz von Teer hat, staunt Sheila: Das Leben als tatsächlicher Zombie ist ihrer vormaligen Existenz als bloß zombiehafter Kleinstadtmutter eindeutig vorzuziehen! Die fleischlichen Gelüste erstrecken sich nämlich auch aufs Ehebett, überhaupt scheint sie mit ihren Lebensgeistern auch ihre Hemmungen verloren zu haben.

Es ist also eine sanft satirische Emanzipationsgeschichte, die hier erzählt wird. Natürlich ist nicht allen Frauen, die sich nach ein wenig Veränderung sehnen, zu empfehlen, statt zum Sektchen mal zu Blut zu greifen. Aber Sheila bekommt diese "Santa Clarita Diet" wirklich ausgezeichnet.

Dieser Artikel ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.


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