Bild: RTL / Stefan Gregorowius

Lasst uns eines vergegenwärtigen: RTL ist in erster Linie ein Sender, der sich durch das hemmungslose Ausschlachten von Einzelschicksalen und Dieter Bohlens mangelndem Mitgefühl auszeichnet. Wenn nicht gerade ein Z-Promi wegen seiner Geldprobleme vorgeführt wird, muss Helena Fürst Spinnen essen. Wobei in diesem Fall das eine nicht einmal das andere ausschließt.

Der Sender schafft es trotz oder gerade wegen des hohen Trash-Faktors immer wieder, dem überarbeitenden Durchschnittsbürger abends einen Hauch von Befriedigung zu verschaffen, während er sich staubsaugend am Scheitern anderer ergötzt.

(Bild: RTL / Gerard Santiago)

Am Mittwoch ist die neue Staffel von "The Bachelor" angelaufen. Man kennt das Prinzip schon aus vorherigen Staffeln: Zwei Dutzend Frauen buhlen um die Aufmerksamkeit eines Mannes oder umgekehrt.

Jedenfalls dürfen nun erneut 22 Prachtexemplare der Sorte Frau beweisen, wie ernst sie es mit einem Mann meinen, den sie nie zuvor gesehen haben. Es geht um die ganz große Liebe, für die man ins amerikanische Paradies zieht, um mit allen Mitteln um die quotenstärksten Minuten zu kämpfen. Wer das gerne macht, soll das bitte tun.

Was sofort auffällt: Der Berliner Leonard darf zwischen Frauen wählen, die sich auf den ersten Blick nur durch ihre unterschiedlich gefärbten Häupter unterscheiden. Ob RTL ihm wohl einen Auswahlkatalog vorgelegt hat? Angetickt hat er: dünne Beine, lange Haare, schlanke Taille.

Bei so viel Diversität darf sich RTL ruhig mal selbst auf die Schulter klopfen. Keine Kurzhaarigen. Keine Dickleibigen. (K)eine People of Color. Schade: Leonard präsentiert sich als Mann von Welt, dem man mehr zutrauen kann, als die Fixierung auf körperliche Attribute alleine.

Wüsste man nicht, dass es sich bei dem Gruppenfoto der 22 Mittzwanzigerinnen um potentielle Partnerinnen für den Mann mit dem passenden Nachnamen (Freier) handelt, könnte man glatt meinen, hier wären die "Kein Foto"-Kandidatinnen von Germany’s Next Topmodel vor dem verhassten Umstyling zusammengetrommelt worden. Süß sind sie alle. Sie kleiden und schminken sich vielleicht sogar gerne so, wie es Frauenzeitschriften transportieren.

Die beiden Model-Freundinnen aus Bayern werden erst mal von RTL ins Traditions-Dirndl gesteckt, bevor sie im tiefsten Dialekt irgendetwas in die Kamera sagen dürfen, das man Minuten später wieder vergessen haben wird. Das muss die deutsche Kultur sein, von der alle sprechen! Diese gilt es zu erhalten, und mit allen nötigen Mitteln des Privatfernsehens zu verteidigen.

(Bild: RTL / Gerard Santiago)

Mit seinen 30 Jahren befindet sich der glückliche Unternehmensberater im optimalen Heiratsalter. Leonard lässt die Herzen der freiberuflichen Nagelfläschchen-Sammlerinnen höher schlagen. Wenn man RTL glaubt, hat Kandidatin Anni zwischen 1300 und 1500 Nagellacke zu Hause stehen.

"Hammer Figur, hübsche Frau", sülzt Leonard nach jeder zweiten Begegnung selbstbewusst in die Kamera. Leidenschaft, so lässt er die Zuschauer wissen, sei ihm wichtig. Wer bei Sätzen wie "Mit 18 hatte ich meine erste eigene Firma" nicht erbrechen muss, ist bei dem Format bestens aufgehoben.

(Bild: RTL/Tom Clark)

Geiler Body, sexy Karre, super Style. Da darf doch eigentlich nichts mehr schiefgehen! Gut, die einjährige Tochter aus seiner letzten Beziehung hätte nicht unbedingt sein müssen, dafür spielt Geld auch nur noch eine zweitrangige Rolle in seinem Leben. Viel lieber setzt sich der weiße Ritter in seiner Freizeit für benachteiligte Kinder im Kongo ein.

We raise girls to see each other as competitors not for jobs or accomplishments, which I think can be a good thing, but for the attention of men.

Die Beziehungsshow auf RTL führt erneut das vor Augen, wovon Feministinnen wie Chimamanda Ngozi Adichie seit Jahren sprechen. Nicht der Beruf, die Passion oder der Charakter einer Frau stünde im Vordergrund, sondern das Äußere. Damit gilt es den Bachelor vom ersten Augenblick an zu überzeugen.

Der Prozess der Brautschau wird beschleunigt, indem schon am ersten Abend fünf Kandidatinnen gehen müssen, ohne weiter als „Hallo, und du so“ gekommen zu sein. Mit den Übriggebliebenen teilt er außergewöhnliche Hobbies, wie "Freunde in Berlin" haben und "sportlich sein".

Bekannt ist, dass die Sendung nicht unbedingt von einem fortschrittlichen Geschlechterverständnis lebt. Die Frauen lästern über die Outfits der anderen Frauen, werfen sich neidische Blicke zu und begegnen sich mit Feindseeligkeit. Wenn der Koffer einer Konkurrentin nicht rechtzeitig ankommt, lässt die Schadenfreunde nicht lange auf sich Warten. Eine weniger, die man mit seinen Reizen ausstechen muss.

RTL gibt sein Bestes, um die Kandidatinnen in einem möglichst schlechten Licht erscheinen zu lassen. Was in Wahrheit nicht mehr als ein normales Tinder Date wäre, wird durch die protzige Abendkleidung und den schwarzen Jeep zu etwas hochstilisiert, das Normalsterblichen Bauchschmerzen bereitet. Zwei Frauen werden gleichzeitig zu ihrem Date gefahren, sodass sie sich in der ohnehin künstlichen Situation auch noch kritisch mustern können. Wer ist die Schönste? Wer hat das ausgefallenere Kleid? Hauptsache es gibt Drama.

Um 20.15 sitzen die Zuschauer gemütlich in fleckiger Jogginghose vor dem Fernseher und bemitleiden die Frauen, die sich für ein paar Minuten RTL-Ruhm zu verkaufen scheinen. RTL baut darauf, die Teilnehmerinnen so naiv wie möglich darzustellen und ihre Selbstbestimmtheit mit kontraproduktiven Zitaten gleichzeitig so klein wie möglich zu halten.

Wichtig ist bei dem Format die Schubladisierung der Teilnehmerinnen. Während die eine das Klischee der "dummen Blondine" bedient, gibt es in jeder Staffel "die Lustige" oder auch "die Exotische", die seit einigen Jahren "im Ausland" lebt.

Ja, viele der Frauen sehen gut aus. Sie sind gepflegt, haben strahlend weiße Zähne und eine Figur, für die sie wahrscheinlich mehrere Stunden pro Woche trainieren. Das alleine macht sie noch lange nicht zu dummen Püppchen. Das übernimmt vor allem RTL.

(Bild: RTL / Stefan Gregorowius)

Wenn sie kurze Kleider tragen möchten, sollen sie das gerne tun. Jede Frau darf selbst über ihren Körper bestimmen. Aber ein schaler Beigeschmack bleibt. Wir wissen nicht, ob die Kandidatinnen wirklich gerne stark geschminkt vor die Kamera treten oder ob es nicht viel eher von ihnen verlangt wird, um das Stereotyp der bindungswilligen Singlefrau zu unterstreichen. Von Ex-Kandidatinnen wie Georgina bekommen sie vorgelebt, dass das Prinzip Penetranz langfristig funktioniert.

Wer weiß, vielleicht steht Leonard auch auf Frauen, die vom klassischen Schönheitsideal eines Victoria Secret Models abweichen. Sehr kleine, oder sehr große Frauen. Frauen mit Sommersprossen und kurzen, schwarzen Haaren. Dicke und bisexuelle Frauen. Women of Color. Wir werden es nie erfahren.

(Bild: RTL / Gerard Santiago)

Kapitalismus als System setzt sich nicht nur in Sphären des Arbeitens, Denkens und Fühlens fort, sondern hat auch Auswirkungen darauf, wie wir den eigenen und fremde Körper wahrnehmen. Der schöne, ideale (sprich: mittels Sport und Ernährung optimierte) Körper funktioniert als Statusmesser des beruflichen und privaten Erfolgs. Er soll soziale Anerkennung garantieren. Wenn wir nach jugendlichen und sportlichen Körpern streben, schließen wir automatisch "unerwünschte" Körper aus. Die Köpfe hinter RTL wissen das, genau deswegen fehlt diese "Andersartigkeit".

RTL als beliebter Sender der weißen Mittel- und Arbeiterklasse propagiert das neoliberale Körperdiktat wie sonst nur ProSieben. Die Kleidung, die langen Haare und mittels Highheels gestreckten Beine der Kandidatinnen sind nichts weiter als das Symptom einer Gesellschaft, die durch Optimierung und Veränderung etwas anstrebt, das den meisten verwehrt bleibt: ein vermeintlich perfekter Körper.

Dieser ist in den meisten Fällen: rasiert, straff, dünn und ziemlich weiß.