"Du bist auch ein Gott, Gil, aber eher ein pensionierter."

Wann ist ein Mann ein Mann? Darauf gibt es längst keine eindeutige Antwort mehr – so es sie jemals gegeben hat. Neben progressiven Formaten wie dem gerade mit einem Emmy ausgezeichneten "Master of None", "Girls" oder "Love" widmen sich Produzenten und Regisseure auch immer wieder einer Spezies, die unter diesem Umsturz am meisten leidet: dem einst privilegierten, weißen Mann. Wie reagieren sie auf ihren Machtverlust?

Diese vier Comedy- und Dramedy-Formate treiben es auf die Spitze:
(Bild: Greg Gayne / Netflix )
The Ranch: Was bleibt, ist Whiskey

Als seine Knie nicht mehr wollen, kehrt der drittklassige Football-Star Colt Bennett (Ashton Kutcher) im Netflix-Format "The Ranch" auf die väterliche Farm zurück. Mit Bruder Rooster (Danni Masterson) konkurriert er um die Anerkennung des spröden Vaters. Das bedeutet: Arme in Kühe schieben. Ställe ausmisten. Jagen gehen. Viel Bier trinken. Ernährer sein.

Das angebetete, schnauzbärtige Familienoberhaupt aber scheitert selbst an Globalisierung und Digitalisierung: Die Farm steht trotz Scheiße-Schippens im Akkord vor dem Bankrott. Das klassische Männerbild ist außerhalb des Kaffs in Colorado lange überholt, die körperliche Arbeit zahlt sich nicht mehr aus. Eine Alternative aber gibt es für diese Männer nicht: Die Söhne sind nicht gebildet und kreativ genug, der Vater verweigert jede Innovation. Langsam schuften sie sich kaputt. Was bleibt, ist nur der Whiskey.

Frauen betrachten die Bennett-Männer ausschließlich als "Puppen" oder "Bräute". Die allerdings gehen mit der Zeit: Colts Mutter lebt getrennt von ihrem Mann und schmeißt erfolgreich eine Kneipe im nächsten Ort. Auch die Gelegenheits-Geliebten von Colt beweisen, dass sie neben den üblichen Kurven eigene und unangepasste Beziehungsvorstellungen besitzen.

"The Ranch" ist ein tragischer Abgesang auf den Mann als Ernährer, sowohl in der Familie als im Staat.

Umfang: Zehn Folgen á 30 Minuten in (bisher) einer Staffel. Die zweite Staffel steht seit dem 7. Oktober zum Abruf auf Netflix bereit.

Spruch: "Wenn ich alleine auf der Veranda sitze und trinke, bin ich ein Alkoholiker. Aber wenn du hier bist, sind wir einfach zwei Brüder, die Zeit miteinander verbringen."

Fun-Faktor: Wären die nervigen Konservenlacher nicht, die bei jedem Gag aus dem Off eingespielt werden, man könnte "The Ranch" kaum als Comedy entlarven. Drama wäre das bessere Sujet gewesen. So versucht die Serie beides – und wird zu einem missglückten Zwitter.

Der Trailer

Alpha House: Einstürzende Fassaden

Als republikanische Senatoren müssen die vier Hauptdarsteller der Amazon-Serie "Alpha House" Männer mimen, als sei es 1950: selbstbewusst, ehrlich, dominant, unabhängig, angriffslustig, zeugungsfähig bis dauergeil, auf keinen Fall homosexuell. Zumindest vor den Kameras.

Dahinter sieht es allerdings anders aus: Gil John Biggs (John Goodman) lässt sich jeden seiner Schritte auf dem politischen Parkett in Telefonkonferenzen von seiner Frau diktieren. Robert Bettencourt (Clark Johnson) schließt sich mit Depressionen, Gras und Verdi-Opern wochenlang zu Hause ein, weil er verlassen wurde. Louis Laffers (Matt Malloy) Liebe zu Männern kann nur das Parteibuch und die extreme Religiosität unterdrücken, aber nicht verstecken. Und so viel Potential der junge und ehrgeizige Andy Guzman auch haben mag – zum Präsidentschaftskandidaten hätte er es niemals ohne die Milliarden seiner Freundin geschafft.

Lust auf mehr Serien? Dann mach dieses Quiz

Ständig werden die vier Senatoren, die sich in Washington aus Kostengründen ein Haus teilen, von konservativeren Konkurrenten in ihren Wahlbezirken herausgefordert. Und jedes Mal ist das einzige Mittel, das die republikanischen Wähler wieder zu ihnen zurücktreibt: Mehr Männlichkeit beweisen, ein härterer Hardliner sein. Diese Männlichkeit ist nur noch eine Fassade. Es macht verdammt viel Spaß, ihnen zuzusehen, wie sie verzweifelt versuchen, sie aufrechtzuerhalten.

Spruch: "Du bist auch ein Gott, Gil, aber eher ein pensionierter."

Umfang: 21 Folgen á 25 Minuten in zwei Staffeln, abrufbar auf Amazon Prime. Inzwischen eingestellt.

Fun-Faktor: Extrem hoch. Gelungene Mischung aus "Veep" und "House of Cards", mit furchtbar liebenswerten Charakteren.

Der Trailer

Eastbound & Down: Fucking Funny

Kenny "Fucking" Powers (Danny McBride) ist eine gescheiterte Baseball-Legende. Einst schmetterte er Bälle mit mehr als 100 Meilen, doch das Alter, Übergewicht, Koks und Steroide nagen an ihm. Seit Jahren schon rausgeschmissen aus der Major League zieht er in Staffel 1 bei der Familie seines Bruders ein und übernimmt einen Job als Aushilfslehrer an seiner ehemaligen Highschool.

Powers Name ist Programm: Er ist kraftstrotzende Männlichkeit in ihrer negativsten Form. Jeden Mann, den er trifft, will er besiegen. Die Frau mit der größten Oberweite will er besitzen. Narzisstisch, sexistisch, rassistisch und homophob bis ins Mark – er ist ein unbelehrbarer Soziopath, ein White-Trash-Antiheld, wie es zuvor nie einen gab.

Powers Egoismus schadet seinem gesamten Umfeld. Vor allem aber – und das macht ihn trotz alledem sympathisch – schadet er sich selbst: Er hat kein Verständnis von wahrer Verbundenheit und tiefen Emotionen. Seine übertriebene Vorstellung von Maskulinität führt dazu, dass er bei der geringsten Form von Kritik alle Zelte abbricht – wo Aggressivität nicht mehr genügt, hilft nur noch Flucht, um das Gesicht zu wahren.

Umfang: 29 Episoden in vier Staffeln, von 2009 bis 2013 auf HBO ausgestrahlt, je 28 Minuten lang

Spruch: "Ich werde nicht aufhören zu schreien, denn dann hätte ich den Kampf verloren!"

Fun-Faktor: Powers ist ein Nichts, das Gottstatus fordert. Diese Diskrepanz macht jede seiner Handlungen – und sei sie noch so diskriminierend – äußerst unterhaltsam. Der extremistische Klassiker unter den Testosteron-Monstern ist zu Recht Kult. Die Sportmarke K-Swiss hat sogar mit ihm als CEO geworben.

Der Trailer

Vice Principals: Erfüllt von Hass

Weil das Publikum Kenny Powers hoffnungslos verfiel, gab HBO bei Macher und Protagonist Danny McBride einen Nachfolger in Auftrag. "Vice Principals" spürt auf noch dunkleren Pfaden den toxischen Folgen eines traditionellen Männerbildes nach.

Neal Gamby (Danny McBride) und Lee Russell (Walton Goggins) sind stellvertretende Direktoren an derselben Highschool. Wenn der Direktor nicht hinguckt, beschimpfen und prügeln sich die beiden Konkurrenten ohne Hemmungen. Der Macho-Kampf endet, als ihnen als Nachfolger für den scheidenden Chef eine schwarze Frau vorgesetzt wird. Nach dem Prinzip "Der Feind meines Feindes" schließen sich die beiden zusammen, um Belinda Brown zu vernichten.

So unterschiedlich der cholerische Gamby und der durchtriebene Russell sein mögen, eines haben sie gemein: Im Privatleben scheitern sie am klassischen Rollenbild – Gamby ist unglücklich geschieden, Russell wird von seiner koreanischen Frau und seiner Schwiegermutter hoffnungslos dominiert.

Beruflich gibt es also einiges zu kompensieren. In ihrem unbedingten Machtstreben entfesseln die beiden ihren aufgestauten Zorn, so zertrümmern sie zum Beispiel Browns Haus und stecken es in Brand. Irrational, verbittert, von Zorn getrieben: Diese Männer sind extrem gefährlich.

Umfang: 9 Episoden in (bisher) einer Staffel, ausgestrahlt im Sommer 2016 auf HBO, wird fortgesetzt

Spruch: "Nun, es ist Tradition, also…"

Fun-Faktor: Zwei verzweifelte Männer, die klüger sind als Kenny Powers – das macht sie sehr viel bedrohlicher, aber auch weniger amüsant.

Der Trailer

Mehr Serien


Streaming

Der Film zum Wochenende: An Chinas härtester Kung-Fu-Schule trainieren 26.000 Mädchen und Jungen

Schaut man die erste Minute von Drachenmädchen, könnte man meinen, die Szene sei computeranimiert. Tausende Schüler proben auf einem Appellplatz eine Choreografie. Jede Bewegung ist synchron, die Masse scheint eins zu werden.

Die Szene ist echt, es sind die Schüler der Kampfschule Shaolin Tagou, Chinas größten Kung-Fu-Schule, die direkt neben dem berühmten Shaolin Tempel liegt. Hier trainieren 26.000 Jungen und Mädchen sechs Tage die Woche, in der Hoffnung, irgendwann zu Chinas Kung-Fu-Elite zu gehören. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen sie einen Alltag voller Höchstleistung, Disziplin und sehr wenig Freizeit überstehen.

Die beeindruckende Doku erzählt von drei Kampfkunst-Schülerinnen, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Da ist die 9-jährige Sin Chenxi, die ehrgeizig im Elite-Team trainiert. Die 15-jährige Chen Xi (15) fühlt sich gefangen an der Schule und möchte am liebsten fliehen. So wie die Ausreißerin Huang Luolan (17), die dem Leistungsdruck nicht standhält und zu ihren Eltern zurückkehrt.

Der Film Drachenmädchen zeigt die Schönheit einer einzigartigen Kampftechnik und das harte Training der Schule. Im Kontrast zu dem bootcampgleichen Alltag stehen die Träume der Mädchen.

Drachenmädchen läuft bis Montag auf Spiegel.TV